Rätselhafter Gletschersee: Keiner kann sagen, wann die hundert Millionen Liter an aufgestautem Gletscherwasser wieder in einem spontanen Abfluss weggespült werden. (Bilder Bruno Petroni)
Vor einem Monat kam die Weisse Lütschine pechschwarz daher und führte einiges an Geschiebe und Holz mit sich in Richtung Brienzersee. Der Wasserpegel erreichte oberste Werte. Drei Tage später wiederholte sich das, seither ist es ruhig. Schuld an diesen Hochwasserständen war der gestaute Gletschersee auf der Oberfläche des Unteren Grindelwaldgletschers. Erstmals wurde dieses Rätsel der Natur Ende August von den Experten vor Ort unter die Lupe genommen.
Alarm wenn der See kommt
«Dahinter versteckt sich ein ganz komplizierter Mechanismus, dem wir bisher noch nicht auf die Schliche gekommen sind», räumt der Wasserbauingenieur Rudolf Gerber ein. Auch der Geologe Hans Rudolf Keusen weiss nicht mehr «als dass sich in der westlichen Ecke des Sees ein Überlauf befindet». Der Pegelstand des Sees betrage über acht Meter und werde laufend überwacht. Zu diesem Zweck wurde eine Sonde installiert, die bei einem allfälligen Absinken des Wasserstandes beim Rettungschef Kurt Amacher Alarm auslöst.
Fels verdrängt das Eis
Neu ist laut dem Geologen die Erkenntnis, «dass sich der ganze rutschende Fels an der Schlosslauenen unterhalb der Gletscheroberfläche befindet». Das heisst, dass die Eismasse ähnlich einer zähen Flüssigkeit vom Druck des Berges langsam verdrängt wird. Aus diesem Grund rutschen die nach dem ersten grossen Bergsturz vor einer Woche verbleibenden rund 1,5 Millionen Kubikmeter Malmkalk «nur» mit 75 Zentimter pro Tag in die Tiefe. Diese Absinkgeschwindigkeit ist seit zwei Wochen konstant.
Der Geologe Hans Rudolf Keusen.
Der gesamte Rutschhang bewegt sich nach Angaben von Hans Rudolf Keusen ausserdem täglich um etwa zwanzig Zentimeter von der Wand weg: «Die rund 3,5 Tonnen schwere Felsmasse verdrängt den Gletscher mit ihrem Gewicht. Es kann sein dass sich plötzlich der Gletscher in einem anderen Bereich aufzuwölben beginnt.» Ein spontanes Abgleiten des Felshanges hält Keusen jedenfalls nicht für möglich; ebenfalls nicht wahrscheinlich sei, dass der Fels in einem grossen Sturz in sich zusammenbricht: «Er wird weiter seitwärts abbröckeln; zurzeit sind im linken und mittleren Teil grössere Aktivitäten zu beobachten.»
Teures Messgerät
All diese Feststellungen wurden möglich durch den Einsatz eines neuartigen, in Kanada entwickelten Laserscanners, den Geologen von der Universität Lausanne in Grindelwald vor einer Woche auf der Bäregg in Betrieb nahmen. Mit 3,3 Millionen Messpunkten kann dieser 200 000 Franken teure Hightechapparat die Bewegungen des gesamten Berges detailliert erfassen und auswerten.
Bruno Petroni, Matten bei Interlaken / petroni@gmx.ch
Sowohl der Gletschersee als auch die rutschende Eiger-Ostflanke beschäftigen jetzt auch Wasserbauingenieure, Glaziologen und Hydrologen. Rudolf Gerber: «Am kommenden Montag treffen wir uns beim Bundesamt für Umwelt in Bern zur Beurteilung der verschiedenen möglichen Szenarien und Ausarbeitung entsprechender Sicherheitsmassnahmen: diese sollten in spätestens zwei Wochen vorliegen.» Mit «wir» meint Gerber unter anderem Urs Nigg vom Bundesamt für Umwelt (Bafu), den Glaziologen Martin Funk und den Geologen Hans Rudolf Keusen.
Problem Schuttkegel
Keusen bestätigt: «Es kann in der Tat zu Abflussproblemen führen, wenn plötzlich der Schuttkegel bis in die Gletscherschlucht hinunter reicht und somit die Weisse Lütschine staut.» Der Rutschhang in der Schlosslauenen könnte also noch für einigen Gesprächsstoff sorgen. Den ab und zu abfliessenden Gletschersee betrachtet Keusen hingegen eher als Nebenschauplatz: «Mit dem eingerichteten Frühwarnsystem sind wir zudem jederzeit im Bild, was sich da oben tut.»
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