«Eiger live» – wirklich live und echt, und zwar mitten in der Nordwand: Unterhalb der Roten Fluh hat am Donnerstag eine Schar interessierter Bergfreunde die Nordwand am eigenen Leib erlebt. Die Grindelwalder Gemeinderätin Marianne Bomio wagte sich sogar in die gähnende Leere hinaus.
Im Angesicht des Abgrundes: «Eiger-live»-Teilnehmerin Nicole Moser (rechts) und Bergführer Dres Abegglen vergnügen sich am Fusse der Roten Fluh über den Köpfen der Gästeschar beim Stollenfenster.
Einmal selber in einer der berühmtesten und berüchtigtsten Felswände der Welt stehen: Dieser Traum ging am Donnerstag für eine Hand voll geladener Gäste der Berner Kantonalbank und Teilnehmer von «Eiger live» in Erfüllung. Die Kantonalbank nutzte diese «Eiger-live»-Exkursion in die Vertikale, um einem Dutzend Kunden die 1800 Meter hohe Nordwand in Natura vor Augen zu führen. Diese Gäste konnten denn auch gleich mitverfolgen, wie ein paar «Eiger-live»-Protagonisten vom Stollenfenster auf 2700 Meter über Meer senkrecht hoch bis zum Fuss der Roten Fluh kletterten. Eine von diesen war die Grindelwalder Gemeinderätin Marianne Bomio Nach einem kurzen Quergang wurde sie vom Grindelwalder Bergführerobmann Hansueli Klossner abgeseilt. Und zwar genau bis zu einem Knoten im Seil, der plötzlich ein Weiterkommen verunmöglichte. Mit dieser unüblichen Aktion wurden die dramatischen Ereignisse um die Expedition Andreas Hinterstoissers vor genau 70 Jahren nachgespielt. Bei dieser legendären Besteigung kam anno 1936 unweit des Stollenfensters durch einen Eisschlag die gesamte Seilschaft ums Leben – bis auf Toni Kurz, der sich mit letzter Kraft bis über die Köpfe seiner mittlerweile eingetroffenen Retter abseilen konnte. Dort blieb sein Karabiner in einem ebensolchen Knoten im verlängerten Seil hängen: Toni Kurz starb über den Köpfen der Rettungsmannschaft.
Führte am Donnerstag einige Freunde der Vertikalen zur Roten Fluh in der Eigernordwand Bergführerobmann Hansueli Klossner.
Die erste Gemeinderätin in der Nordwand
Die vorgestrige Begehung hätte eigentlich beim Hinterstoisser-Quergang stattfinden sollen, musste aber wegen zu viel Neuschnee etwas nach Westen in die Nähe des Stollenfensters verlegt werden. Eine «luftige» Angelegenheit wurde es aber trotzdem. Teilnehmerin Nicole Moser: «Wirklich einmalig, die Sicht von hier oben. Ein unbeschreibliches Gefühl, einmal in dieser Wand zu hängen.» Über die Leistung von Marianne Bomio zeigte sich der Grindelwalder Gemeindepräsident Dres Studer beeindruckt: «Ich bin schampar stolz auf unsere Gemeinderatskollegin; sie ist die erste Grindelwalder Politikerin in der Eigernordwand – grossartig!»
«Der Grat zur Überforderung ist schmal»
Im Rahmen von «Eiger live» hatte der TV-Moderator Röbi Koller – siehe auch Grindelwald: «Eiger Live» an der Front vom Donnerstag 8. Juni 2006 – am Mittwochabend zu einer Diskussionsrunde über Jugendsportförderung und die Frage «Einen Preis um jeden Preis?»geladen. Einheimische Sportler konnten von Ereignissen berichten, die zu denken geben sollten.
Bruno Petroni, freischaffender Journalist, Matten bei Interlaken / petroni@gmx.ch
«Die schlimmsten Szenen kenne ich aus dem Bereich des Eiskunstlaufes und Tennis.» Der Grindelwalder Sportarzt Marc Müller diskutierte auf Einladung von Godi Egger in dessen Mountain-Hostel zusammen mit Moderator Röbi Koller über das Thema Jugend-Sportförderung. Am Podiumsgespräch nahmen auch Sportorganisator Ruedi Spieler, Curling-Juniorenschweizermeisterin Sandra Zurbuchen sowie Madelaine und Georg Jussel als Eltern der zwölfjährigen Jacqueline teil. Diese hat soeben den Sprung in den Berner Oberländischen Skiverband geschafft und steht somit an der Schwelle zu höheren Erwartungen seitens der Trainer und Gesellschaft. Und die Eltern? «Wir setzen unsere Tochter keinesfalls unter Druck. Sie soll selber entscheiden, wie viel Leistung und Einsatz ihr Freude macht», bestätigte Georg Jussel.
Wider den ärztlichen Rat
Dass dem lange nicht überall so ist, zeigen die Worte des Grindelwalder Skiklubpräsidenten Ruedi Spieler: «Ich erlebe es leider immer wieder, dass die Eltern ihre Kinder nach einem misslungenen Skirennen regelrecht verbal zusammenstauchen.» Noch schlimmer sollen die Verhältnisse laut Sportarzt Müller beispielsweise beim Eiskunstlauf und Tennis sein: «Am ehesten zeigt sich dies, wenn junge Sportler während ihrer Trainingswochen in Grindelwald verletzt in meiner Praxis vorsprechen. Da kommt es schon mal vor dass Eltern oder Trainer meinen Rat zu Schonung und Erholung in den Wind schlagen.»
Training unter Zwang
Die 18jährige erfolgreiche Curlerin Sandra Zurbuchen wurde an ihrem Lehrplatz im Sportzentrum Grindelwald auch schon mit solchen Situationen konfrontiert: «Oft verhalten sich Eltern von sogenannten Eisprinzessinnen recht arrogant und zwingen ihre Schützlinge zu zusätzlichen Trainings.» Sandra Zurbuchen selber hatte das Glück, ihren Eissport immer aus Freude und ohne Druck seitens der Familie ausüben zu dürfen.
Gesellschaftliches Problem
Laut Sportarzt Müller sind solche Überforderungen der Jugendlichen ein gesellschaftliches Problem: «Die Natur und das Talent setzen halt nun mal Grenzen. Diese werden aber oft nicht erkannt. Da ist der Grat zur Überforderung und zum psychischen Missbrauch der Nachwuchssportler plötzlich schmal.»
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