Vom neuen Berggasthaus Bäregg aus lässt sich das Naturspektakel am östlichen Fundament des Eigers am besten beobachten: Zwischen Gebäude und Fahnenstange steigt wieder eine Staubwolke auf. (Bilder: Bruno Petroni)
«Es wird allmählich zu riskant, die Risse weiterhin per Handarbeit zu messen» – damit meint der Geologe Hans Rudolf Keusen die bisher täglichen Einsätze des Grindelwalder Rettungschefs Kurt Amacher. Amacher war jeweils vom Helikopter im Rutschgebiet abgesetzt worden, um den 250 Meter breiten Felshang an sieben Punkten nachzumessen: «Da sich die Risse täglich um mehrere Zentimeter weiter verbreitern, ist es nicht mehr verantwortbar, die Messungen vor Ort vorzunehmen; wir werden am Donnerstag auf der Bäregg drüben Messspiegel installieren.» Gletscherschlucht geschlossen
Seit dem Wochenende ist die Gletscherschlucht gesperrt. Nicht wegen Steinschlages, sondern wegen der dicken Staubwolken und allfälliger Druckwellen, die durch die grossen Felsstürze entstehen können. Um so mehr Publikum findet sich nicht zuletzt des sommerlich schönen Wetters wegen gegenüber auf der Bäregg ein. Hier können Steinschläge und staubumhüllte Felsstürze im Minutentakt beobachtet werden.
Mächtige Staubwolken
Bäregg-Pächter Hansruedi Burgener, der am kommenden Wochenende den neuen Gastronomiebetrieb auf 1775 Meter über Meer eröffnen wird, sagt: «Im Inneren dieses Hanges herrschen zurzeit Spannungen von unvorstellbarer Grösse.
Bruno Petroni, Matten bei Interlaken / petroni@gmx.ch
Es ist eine Frage der Zeit, wann sich da ein gigantischer Felssturz ereignen wird.» Gestern stürzten bei drei grösseren Felsstürzen wieder Dutzende von Kubikmeter Schutt auf den 300 Meter tiefer liegenden Grindelwaldgletscher und sorgten für mächtige Staubwolken, die durch die Gletscherschlucht in Richtung Grindelwald zogen. Wieder ein Felssturz: Mit Getöse und einer grossen Staubwolke lösen sich in der Schlosslauenen zurzeit die Felsabbrüche im Minutentakt.
Gletscher überdeckt
Am südlichen Ausläufer des Rutschgebietes ist die Gletscherzunge inzwischen vollständig vom Schuttkegel überdeckt worden. Die Experten wissen nicht, ob die Gletscherzunge unterhöhlt ist und einbrechen könnte, wenn der grosse Rutsch kommt. Zwei Millionen Kubikmeter Felsmasse sind in der Schlosslauenen in Bewegung. Das ist zweihundert Mal mehr als das Volumen, welches vor wenigen Tagen im Kanton Uri bei Gurtnellen losgesprengt worden ist. Geologe Hans Ruolf Keusen dazu: «Diese Steinmassen könnten bei einem grossen Rutsch eine natürliche, hohe Sperre bilden. Wie weit dies die Abflussverhältnisse des Gletschers beeinflussen würde, kann zum heutigen Zeitpunkt nicht schlüssig beantwortet werden.» Nachdem sich der Stausee auf der Gletscheroberfläche in der Freitagnacht abermals entleert und für eine belebte Weisse Lütschine gesorgt hat, hat er sich in den letzten Tagen und Stunden wieder neu gebildet. |