Was vor vier Jahren auf politischer Ebene feierlich proklamiert wurde, kann nun auf touristischer Seite umgesetzt werden: Am 12. Mai 2006 trafen sich auf dem Jungfraujoch eine Delegation aus China und Vertreter der Jungfraubahnen zur Unterzeichnung einer Charta zur Zusammenarbeit zwischen den touristischen Regionen um das Huangshan-Gebirge in der ostchinesischen Provinz Anhui und dem Jungfraugebiet. |
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Delegationsleiter Guo Jinlong (links) wurde von Urs Kessler, Mitglied der Geschäftsleitung der Jungfraubahnen, ein Bergkristall überreicht. (Bilder Verena Ritschard)
pd/vri/pvr. Unterzeichnet wurde das Dokument laut einer offiziösen Medienmitteilung von Xu Jiwei, Tourismusminister der Provinz Anhui, und Urs Kessler, Mitglied der Geschäftsleitung der Jungfraubahnen. Nach einer anderen Quelle soll es sich bei Xu Jiwei um den Tourismusdirektor von Huangshan handeln. Delegationsleiter war der in der Samstagausgabe des Printmediums «Berner Oberländer» auch als «Minister der Provinz Huangshan» bezeichnete Vorsitzende des Ständigen Ausschusses des Volkskongresses der Provinz Anhui, Genosse Guo Jinlong. Aufgrund unter anderem eines vom 16. Dezember 2004 datierten Updates von «Tibet Information Network» soll Guo Jinlong nach vier Jahren als Parteisekretär für die «Autonome Region» Tibet – die mächtigste Position in der von Peking als Teil der Volksrepublik China betrachteten Provinz – die Stelle des Parteisekretärs der Provinz Anhui übernommen haben. Der chinesischen Delegation gehörte im weiteren Wang Qimin, Parteisekretär des Stadtkomitees beziehungsweise Vorsitzender des Volkskongresses von Huangshan an, Auf Schweizer Seite wohnte der Unterzeichnung des Kooperationsdokumentes auch der Grindelwalder Gemeindepräsident Dres Studer bei. Ende Februar 2005 – siehe auch Partnerschaft zwischen Huangshan-Berg und der Jungfraubahn vom Mittwoch 9. März 2005 – war der Vertrag «Memorandum of Friendly-Cooperation» mit der chinesischen Bergdestination bereits in Huangshan unterzeichnet worden.
Auf der Sphinx wurden die Fahnen der Volksrepublik China und der Schweiz gehisst. Von links nach rechts Dres Studer (Gemeindepräsident von Grindelwald) und Urs Kessler (Marketingleiter der Junjgfraubahnen), auf dem Bild rechts neben dem Fahnenmast die chinesische Delegationsspitze mit Guo Jinlong und Xu Jiwei.
In dem am Freitag unterzeichneten Dokument wird nach Angaben der Jungfraubahnen die wirtschaftliche Zusammenarbeit der beiden Tourismuspartner festgelegt. Es sei die erste Vereinbarung zweier Partner aus China und der Schweiz, welche auch in die Praxis umgesetzt werde. Durch kulturellen Austausch und Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Tourismus sollen mit gezielten Marketingaktionen die beiden Berg- und Ausflugsregionen gefördert werden. Sowohl das ausgedehnte Massiv des Huangshan in der ostchinesischen Provinz Anhui als auch das Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn-Gebiet sind als Weltnaturerbe durch die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) ausgezeichnet worden.
«Freundschaft fördern und vertiefen»
Bereits vor vier Jahren hatte die Verschwisterung auf politischer Ebene stattgefunden. Eine chinesische Delegation reiste im Frühjahr 2002 in die Schweiz um die Verschwisterung auf dem Jungfraujoch zu besiegeln. Zwei Monate später sei in China die Schweizer Delegation mit alt Bundespräsident Adolf Ogi zur Vertragsunterzeichnung empfangen, wurde in der Medienmitteilung der Jungfraubahnen von Anfang März 2005 erinnert. Die Verbindung der beiden Berge gelte der Freundschaft zwischen den Ländern China und Schweiz, der Anhui Provinz und dem Kanton Bern, der Region Hungshan und der Jungfrauregion, hiess es im weiteren. Die beiden Berge Jungfrau und Hungshan-Berg seien einzigartige Sehenswürdigkeiten in den Erdteilen Europa und Asien. Beide Gebiete verfügten über die höchste Auszeichnung der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation (Unesco) als Weltnaturerbe: «Durch kulturellen Austausch und gemeinsamer Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Tourismus soll die Freundschaft zwischen den Bewohnern und Gästen in den beiden Berg- und Ausflugsregionen gefördert und vertieft werden.» Doch allein bei einer freundschaftlichen Partnerschaft mit gelegentlichen gesellschaftlichen Besuchen sollte es laut Medienmitteilung nicht bleiben. Nachdem die vereinfachten Visavorschriften zwischen den beiden Ländern China und Schweiz in Kraft gesetzt worden seien, bereisten immer mehr Gruppen die Jungfrauregion und das Jungfraujoch: «Nun gilt es die Saat zu pflegen und sich um die jungen Pflänzchen zu kümmern.»
«Gebiete von jeweils einmaliger Art»
Zur Verschwisterung der zwei Unesco-Welterbestätten Region Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn und Region Huangshan in der chinesischen Provinz Anhui führte Hans J. Roth, der schweizerische Generalkonsul in Schanghai seinerzeit in einem Hintergrundbericht aus, anlässlich des Uno-Jahres der Berge sei es mit grosser Unterstützung der Jungfraubahnen und auf Veranlassung des Generalkonsulats in Schanghai gelungen, die Jungfrauregion mit der Region Huangshan in der chinesischen Provinz Anhui zu verbinden. Beide Gebiete seien von jeweils einmaliger Art: «Huangshan ist eine gebirgige Gegend mit Gipfeln bis zu 1860 Meter, die dicht bewaldet sind; typisch für die Region ist die Huangshan-Föhre, die schon seit Jahrhunderten in der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei dargestellt wird.» Die Provinz Anhui, in welcher Huangshan liege, sei eine weitgehend ländliche Provinz mit einer Fläche von 123 000 Quadratkilometer und einer Einwohnerzahl von 63 Millionen (Bevölkerungsdichte 450 Einwohner pro Quadratkilometer im Vergleich zur Schweiz mit 182 Einwohnern pro Quadratkilometer).
Beide Regionen haben laut Roth grosses Interesse an einer Zusammenarbeit. Während der Markt der Jungfraubahnen bereits heute zu rund 60 Prozent aus asiatischen Kunden bestehe und China einen der grossen Zukunftsmärkte bilde, sei die Provinz Anhui, ohne direkten Meerzugang, seit längerem daran interessiert, die Kanäle nach aussen zu öffnen: «Mit Japan bestehen bereits sehr gute Beziehungen, zu europäischen Ländern bestehen jedoch relativ wenig Kontakte.» Die Region Huangshan, die pro Jahr über eine Million Besucher anziehe, verzeichne kaum Touristen aus europäischen Ländern: «Im Vordergrund der Verschwisterung stehen gegenseitige Interessen im Bereich des Tourismus und der Umweltproblematik, wie sie durch die Besuchermassen geschaffen wird.» Nicht undenkbar hielt Generalkonsul Roth auch eine Ausdehnung in die Erhaltung historischen Kulturgutes, da die Region Huangshan über einige sehr schöne und gut erhaltene alte Dörfer verfüge, die im Zuge der Entwicklung gefährdet seien.
«Neben der Unterzeichnung der Verschwisterung wurden beispielsweise zwei Internetstationen auf der Jungfrau und auf dem Huangshan eingeweiht, über welche Kontakte zur anderen Station möglich werden», war dem Bericht überdies zu entnehmen: «Auf der speziell geschaffenen Website www.sistermountains.com sind die Video-Mails neben anderen Informationen zu Jungfrau und Huangshan abrufbar.» Die Verschwisterung der beiden Bergregionen bezeichnet Roth als politisch, wirtschaftlich und sozial für beide Seiten von ausgesprochen hohem Interesse. |