Besichtigung der Schäden an der Ruine. Links Daniel Gutscher, Projektverantwortlicher des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern, rechts die Ringgenberger Kirchgemeindepräsidentin Vreni Steiner.
aid/bns. Die Burg des 13. Jahrhunderts ist berühmt, weil hier der Minnesänger Johannes von Ringgenberg (zirka 1270 bis 1350) seinen Sitz hatte. Der 1670/71 erfolgte Einbau der Kirche in die mittelalterliche Burg hat die Anlage zu einem der weitherum reizvollsten Ensembles – und die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde zur «Burgherrin» werden lassen. Da die letzte umfassendere Sanierung in den Jahren 1946 bis 49 erfolgte, ist es wenig erstaunlich, dass jetzt Konservierungsarbeiten in grösserem Umfang anstehen: an vielen Stellen ist der Mörtel dermassen ausgewittert, dass akuter Steinschlag besteht; ja ganze Mauerpartien könnten abstürzen. Die Arbeiten dauern bis Frühjahr 2008.
Tiefer wurzelnde Pflanzen nährten sich vom Mörtel und sprengten mit ihrem Wurzelwerk Risse ins Mauergefüge der Burgruine.
Schutzobjekt seit dem Jahr 1928
Die ums Jahr 1240 errichtete Ringgenberger Burg stellt im Bestand des Berner Oberlandes einen der hervorragendsten mittelalterlichen Bauzeugen dar. Hier erfolgte eine der ersten Sanierungen nach den Vorstellungen des im Jahr 1927 gegründeten Schweizerischen Burgenvereins;die Anlage steht denn auch seit 1928 unter kantonalem Schutz (Regierungsratsbeschluss RRB 4432 vom 5. Oktober 1928) und seit 1928 unter jenem des Bundes (Grundbucheintragvon 1964).
Eine letzte umfassendere Sanierung am Burgmauerwerk erfolgte in den Jahren 1946 bis 49 (Leitung: Architekt Christian Frutiger, Küsnacht ZH). Die erste bekannte datiert wie bereits erwähnt ins Jahr 1928. Dabei wurde ein dichter, harter, Zement enthaltender Mörtel verwendet. Im Jahr 1985 erfolgte die Sanierung des heute als Glockenturm genutzten westlichen Burgturmes.
Johannes von Ringgenberg (1291 bis 1350), Minnesänger und Burgherr. Darstellung
aus der Manessischen Liederhandschrift, Universitätsbibliothek Heidelberg. (zvg)
Warum so dringend?
Bei der Ringmauer im Bereich von Burghof und Wohnturm im Osten der Kirche ist – besonders beim kleinteiligen Mauerwerk – kaum noch Mörtelfüllung vorhanden. Durch Aussanden der Fugen verlieren die meist kugeligen oder schiefen Mauersteine ihren Halt. Einzelne Steine brechen aus und könnten Besucher gefährden. Ganze Mauerpartien könnten abstürzen, Mauerwerkslöcher könnten entstehen. Der wachsende Schaden ist absehbar. Die Abdeckung der Mauerkrone auf der Ring- und Turmmauer hat sich weitgehend aufgelöst. Dadurch dringt Wasser in die Mauern ein, das bei Frost enorme Sprengwirkung erzeugen kann. Das Mauerwerk zeigte vor der jetzt begonnenen Sanierung an den Aussenseiten starken Efeubewuchs und war mit Büschen und Bäumen bewachsen. Sie mussten als erste Baumassnahme entfernt werden, weil ihr Wurzelwerk vom Bindemittel des Mauermörtels, das heisst vom Kalk lebt und mit der Sprengkraft seiner Wurzeln das Mauerwerk weiter gefährdet hätte.
Daniel Gutscher, Archäologischer Dienst des Kantons Bern
Zudem war das Fällen der Bäume im mauernahen Bereich erforderlich, damit – insbesondere auf der Nord- und Ostseite – die Mauerpartien nicht permanent feucht bleiben. Eine Neuverfugung mit Kalkmörtel ist daher dringend geboten, weil damit hohe Kosten für Mauerrekonstruktionen abgestürzter Teilbereiche vermieden werden können.
Flugaufnahme von Burg und Kirche Ringgenberg aus dem Jahr 2001. (Bild zvg)
Die jetzt angelaufenen Arbeiten umfassen: die Reinigung und anschliessende bauarchäologische Untersuchung und Dokumentation des gesamten Mauerwerks von innen und aussen, anschliessend die zirka steinhauptbündige Neuvermörtelung der Fugen mit einem dem originalen Mörtel ähnlichen Rezept – immerhin hat der mittelalterliche Mörtel an vielen Stellen seit 1240 gehalten. Ein Erschliessungsbauwerk sowie ein Rundweg sollen das Projekt abschliessen. Die Arbeiten werden vom Archäologischen Dienst des Kantons Bern geleitet (örtliche Leitung: Martin Portmann und Urs Ryter); Bauunternehmer ist die Arbeitsgemeinschaft Nufer Anderegg Bau AG und Zurbuchen Bauunternehmung, Ringgenberg; das Architektenteam bilden Imboden Architektur AG und Amacher Architekten AG, Ringgenberg. Der Bund begleitet die Konservierung durch einen Experten der eidgenössischen. Kommission für Denkmalpflege, dipl. Arch. ETH/SIA Ruggero Tropeano. Die Kirchgemeinde hat eine Arbeitsgruppe gebildet.
Vor dem eingerüsteten Bergfried. Von links nach rechts: Samuel Zurbuchen (Bauunternehmung), Architekt Hansueli Imboden und Matthias Schmocker (beide Imboden Architektur AG), Fritz Nufer (Nufer Anderegg Bau AG), Polier Rudolf Jaggi, Vreni Steiner (Präsidentin der Kirchgemeinde Ringgenberg), Daniel Gutscher, (Projektverantwortlicher des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern), Pfarrer Andreas Schildknecht und Architekt Walter Amacher.
Finanzierungskonzept
Für die reinen Konservierungs- und Dokumentationsarbeiten – siehe auch Ringgenberger Burgruine unter Baugerüst vom Mittwoch 24. Mai 2006 – entstehen Kosten von rund 675 000 Franken. Daran beteiligt sich der Kanton über den Lotteriefonds mit 300 000 Franken, der Bund mit 163 000 Franken, Pro Patria mit 15 000 Franken. Wenn die Unterstützung durch weitere Partner zustandekommt, sieht die Kirchgemeinde vor, mit einem Besuchersteg dem Bauwerk eine touristische Aufwertung zu geben; damit betrüge der Gesamtbedarf zirka 800 000 Franken. – Einige geschichtliche Angaben zur Burg Ringgenberg:
1230 |
Kuno von Brienz wird vom deutschen Kaiser zum Reichsvogt über das Gebiet des Brienzersees ernannt. Er gilt als Erbauer der Burg Ringgenberg, nach welcher er sein Geschlecht fortan nennt, erstmals sein Sohn Philipp in einer Urkunde des Jahres 1252. |
Um 1240 ... |
dürfte die Burganlage entstanden sein. Sie wies im Innern der dem langgestreckten Felsrücken folgenden Ringmauer ein mächtiges Palasgebäude auf, dessen Innenraum später dem Kirchengebäude dienen
sollte. |
Um 1300 ... |
lebt, feiert und dichtet in der Burg der berühmte Ritter und Minnesänger Johannes von Ringgenberg (zirka 1270 bis 1350), der uns in der Manessischen Liederhandschrift nicht bloss mit Text, sondern gleich noch mit einem Bild überliefert ist (Universitätsbibliothek Heidelberg). |
1351 |
gelangt die Burg ans Kloster Interlaken. |
1380 |
Zerstörung durch die Untertanen mit Hilfe der Unterwalder. Anlass war die Steuererhöhung auf Grund der drohenden Verarmung der Freiherren. |
1528 |
Im Zuge der Reformation gehen sämtliche Klostergüter und damit auch jene von Ringgenberg an Bern über. |
1670/71 |
Auf deren Antrag überlässt Bern die gesamte Ruine der Kirchgemeinde. Erbauung der heutigen Kirche durch Abraham Dünz I. Ausmalung durch Hans Conrad Heinrich Friedrich. Die Kirche stand bis dahin auf dem Goldswiler Kirchhügel, wo sich noch heute die romanische Kirchenruine und der Friedhof befinden. |
Augenschein bei der Burgkirche. Am Freitag 2. Juni 2006 zwischen 17 und 19 Uhr besteht für die interessierte Bevölkerung die Möglichkeit, einen Augenschein vor Ort zu nehmen. Die schwindelfreien Besucher werden gebeten mit gutem Schuhwerk ausgerüstet zu sein, da man sich in kleinen Gruppen auf das Baugerüst begibt (Helmpflicht). |