pd. Alljährlich ist die Preisverleihung der vier Goldenen Drachen für die Gewinner und das unabhängige schweizerische Filmschaffen ein bedeutender Moment. Eine vierköpfige Jury hatte im Vorfeld des Film- und Videofestivals in Spiez und Thun die rund hundert eingereichten Filme einer strengen Selektion unterzogen und letztlich die Hälfte für die Autoren-Werkschau des Festivals zugelassen.
Matthias Heim, Film- und Videofestival Spiez und Thun
Vier herausragende Produktionen wurden davon am Freitagabend mit einem «Goldenen Drachen» ausgezeichnet – prämiert wurde je ein Film aus der Kategorie Dokumentar-, Spiel- und Animationsfilm und zusätzlich wurde ein Jurypreis vergeben. – Jurypreis: «Cadolzburg» von Lionel Rupp (Echandes). – Bester Animationsfilm: «Snatch und Kittie» von Nicolas Steiner (Turtmann). – Bester Dokumentarfilm: «Lisa – dieses Leben, Gopfridstutz!» von Liliana Piantini (Lugano). – Bester Spielfilm: «Dobro Pivo» von Steve Walker (Bern). Spezialprogramme als Publikumsmagnete
Menschen in verschiedenen Grenzsituationen standen in acht Filmen des Zyklus «Menschen / Leben / Grenzen» im Mittelpunkt. Der auf dieses Jahr neu ins Leben gerufene Zyklus startete erfolgreich wie dies Festivalleiter Werner Stalder erfreut feststellte: «Mit dieser Filmreihe ist es uns gelungen einerseits einen neuen Publikumskreis für das Festival zu gewinnen, andererseits selten gezeigten nationalen und internationalen Filmen eine Plattform zu geben.» Fünf der acht Beiträge wurden mit einer anschliessenden Diskussion ergänzt. Beispielsweise beim eindrücklichen Film «White Terror», ausgehend vom rechtsradikal motivierten Mord an Marcel von Allmen, diskutierte der Regisseur Daniel Schweizer mit dem Publikum über die extremen Rechtsradikalen. Oder Jean Ziegler kritisiert im Film «We Feed the World» die globalisierte Nahrungsmittelindustrie und diskutierte im Anschluss als Verfechter mit dem Publikum über Sinn und Unsinn der globalen Lebensmittelproduktion.
«Filmschiff Fussball»
Aus aktuellem Anlass fehlte auch die Welt des runden Leders am Filmfestival nicht. Am Samstagabend kreuzte das «Filmschiff Fussball» auf dem Thunersee und zeigte den Spielfilm «Phörba – Spiel der Götter» sowie internationale Kurzfilme zum Thema Fussball. Ebenfalls der Reiz an Erschreckendem fand wiederum ein grosses Publikumsecho. Mittlerweile zum dritten Mal zeigte das Spezialprogramm «Ore d’Orrore» in Spiez zu später Stunde gruslige Filmwerke unter anderem auch aus der Schweizer Horrorfilmszene.
Stetig steigendes Publikumsinteresse
Mit rund 3500 Eintritten zählte das Filmfestival ein erneut gestiegenes Publikumsinteresse. Werner Stalder zum Abschluss des 17. Film- und Videofestivals: «Diese Tendenz ist äusserst erfreulich und zeigt, dass ein kontinuierlich wachsendes Festival letztlich auch dem schweizerischen Filmschaffen zugute kommt.» Ins Kino «Movie World» am langjährigen Standort in Spiez strömte wiederum der grösste Teil des Publikums. Positiv entwickelte sich der Standort Thun, der erst im letzten Jahr vollumfänglich in das Filmfestival integriert wurde und dieses Jahr mit den beiden Kinos «City» und «Lauitor» sowie dem Cafébar «Mokka» vertreten war.
17. Schweizerischen Film- und Videofestival in Spiez und Thun (23. bis 27. Mai 2006
Hauptpreis: «Cadolzburg»; Lionel Rupp (Echandens). Das süddeutsche Städtchen Cadolzburg und die Familie Schaudi sind einen festen Bestandteil des Deutsch-Lehrmittels im Kanton Waadt. Zwei Brüder aus Lausanne machen sich nach Abschluss der Schulzeit auf die Suche nach dieser ominösen Stadt und deren Einwohnern – stimmt all das, was tausende junger Romands während der Schulzeit im Deutschunterricht gelernt haben? In Cadolzburg angekommen treffen die Brüder auf ein bäuerlich-traditionelles Milieu und beginnen mit der Suche nach der Familie Schaudi. «Cadolzburg» basiert auf einer originellen Idee und ist ein pointierter Film, in dem die beiden Romands mit viel Charme, Witz und dem Schul-Deutsch den Einwohner dieser Stadt einiges entlocken ...
Bester Spielfilm: «Dobro Pivo»; Steve Walker (Bern). Ein engstirniger Schweizer ist wegen einem gebrochenen Bein an einen Rollstuhl gefesselt und hat eine Menge an Vorurteilen gegenüber Ausländern. Wider seinen Willen wird er in einer Balkan-Bar abgestellt. Der Film arbeitet mit gängigen Klischees, hinterfragt diese aber stets mit überraschenden Wendungen. «Dobro Pivo» erzählt in prägnanter Kürze eine zugespitzte Geschichte, die trotz der erfrischenden Umsetzung nachdenklich stimmt. Musikalisch wird der Film des Akkordeonisten Mario Batkovic untermalt.
Bester Dokumentarfilm: «Lisa – dieses Leben, Gopfridstutz!»; Lilian Piantini (Lugano). In die Liebe verliebt, das «Bünzlileben» verabscheuend, noch immer lebenslustig und voller Ideen – das ist die 90jährige Lisa Meyerlist. Als Lästermaul hat sie sich in ganz Luzern einen Namen gemacht und fällt, wie seit Jahrzehnten, gelegentlich durch ihre freche und starrköpfig Art auf. Die andere Seite der extravaganten Lisa ist aber durchaus auch gefühlvoll und romantisch. Dazwischen erzählt der Film mit fotografischen Rückblenden einige ihrer Reisen rund um den Globus– eine junge Frau suchte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg das Abenteuer und fand es in fernen Ländern und Kulturen. Ein langweiliges Leben wäre deshalb für die aktive Lisa nicht auszuhalten und so hat sie für diesen Fall vorgesorgt: In ihrer Wohnung bewahrt sie eine ganze Schachtel voller Pillen auf, welche sie ohne zu zögern schlucken würde. Das feinfühlige Portrait über Lisa wird durch Aussagen von Freunden und einer Buchautorin ergänzt.
Bester Animationsfilm: «Snatch und Kittie (Love is in the Air)»; Nicolas Steiner (Turtmann). Die Erde ohne Schwerkraft: Anstatt zu fahren «schweben» zwei frisch Verliebte zu einem romantischen Nachtessen. Auf ihrem Weg zum Restaurant holt die beiden aber das Schicksal ein, die junge Dame kollidiert auf diesem «Schwebeflug» mit einem Apfelbaum. Als ob dies nicht schon genug ƒrger bedeuten würde, fällt ihr auch noch der allerletzte Apfel dieses Baumes auf den Kopf. Sie schmeisst diesen entnervt weg – aus den Augen, aus dem Sinn. Dieser Apfel lässt sich jedoch nicht wie gedacht so leicht eliminieren und rächt sich für diesen harten Umgang auf seine Weise. «Snatch und Kittie» ist ein amüsanter und detailreicher Stop-Motion Film und zeigt das Leben losgelöst von der Erde und in einer Welt, in der Früchte ihr eigenes Leben führen. |