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Fernheizwerk Jungfrauregion mit 100 Millionen Kilowattstunden

Nach sechs Jahren und zwei Monaten Betrieb ist in der Nacht auf 7. Dezember 2006 im Fernheizwerk Jungfrauregion auf dem Wärmezähler der Stand von 100 Millionen Kilowattstunden abgelesen worden.

Energie- und Fernwärmedemonstration vor dem Grand Hotel Victoria-Jungfrau in Interlaken. (Bilder Dora Schmid-Zürcher)

ds/pvr. Die Holz Energie GmbH und der Verwaltungsrat der Abfallholzverwertungsanlage Region Interlaken AG (Avari) haben aus diesem Anlass am Montagvormittag die Medien zu einer Demonstration und Besichtigung beim Grand Hotel Victoria-Jungfrau eingeladen. Vor dem Haupteingang des Luxushotels lud ein Lastwagen jene Materialien ab, die laut Medieninformationen in der Anlage in Wilderswil umweltfreundlich und kohlendioxidneutral verwertet werden können: Waldholz, Sägereischwarten, Rinde, Abbruchholz, Baurestholz, Möbel, verholzte Grünabfälle, gebrauchtes Täfer, Palette, Kisten, Karton, und so weiter. «Die Verwertung von leicht belasteten Hölzern (gebeizt, gestrichen und so weiter ist möglich, weil ein riesiger Elektrofilter die Rauchgase weitestgehend reinigt.» Angestellte des Hotels trugen einen Weihnachtsbaum zum Holzhaufen und erinnerten daran, dass auch Christbäume noch warm geben können wenn sie nicht mehr gebraucht werden. In der Mitte stand ein 200-Liter-Fass Heizöl und auf der anderen Seite eine Mulde mit dreieinhalb Kubikmeter Holzschnitzeln, die vom Brennwert her mit 2100 Kilowattstunden (kWh) dem Fass Öl entsprechen. Für die Wartung der Anlage, die Überwachung, den Pikettdienst und die Behebung von Störungen ist nach Angaben der Avari AG die Firma Livta zuständig. Sogar während des Unwetters vom August 2005 habe das Werk beständig Energie geliefert und für den Fall von Stromausfall stehe ein Notstromaggregat bereit.

Vor dem Victoria-Jungfrau abgestellte Mulde unter anderem mit Grünschnitzeln, Karton, Waldholz, Spänen und Sägereischwarten.

Holz Energie GmbH
Mit der Beschaffung der Energieholzschnitzel habe die Avari AG aber nichts zu tun, verlautete im weiteren: «Die eigens für diesen Zweck gegründete Holz Energie GmbH, bestehend aus drei Unternehmungen (Firma Entrag, Seematter AG und Walter Mäder AG) und dem Waldbesitzerverband Interlaken/Oberhasli, sorgt dafür, dass immer genügend Material im Silo ist.» Bisher seien über 165 000 Kubikmeter Schnitzel geliefert worden, eine Menge mit der die ganze elf Hektaren grosse Höhematte mit einer Dicke von anderthalb Meter überdeckt werden könnte. Dieses Holz aus dem Berner Oberland habe damit eine Heizölmenge von 9,5 Millionen Liter oder eine Kolonne mit 450 Lastwagenanhängerzügen mit Heizöltanks ersetzt: «Der Umgang mit Holz ist risikoarm verglichen mit den Öltransporten und Umweltkatastrophen nach Tankerunfällen.» Mit der bisher erzeugten Wärme hätte man ein Jahr lang 6250 Einfamilienhäuser heizen können.

Stabile Preise
Die Avari AG habe sich als verlässlichen Partner in Bezug auf unterbruchlose Wärmelieferung und auch insbesondere auf Preisstabilität auf dem Markt behauptet», verlautete an der Medienorientierung im Grand Hotel Victoria-Jungfrau. Die Avari AG habe seit der Inbetriebnahme vor sechs Jahren gegenüber den Kunden noch nie eine Preiserhöhung vorgenommen: «Mit der soeben beschlossenen Kohlendioxid-Abgabe auf dem Heizöl wird unser von Anfang an immer verkündetes mittel- und langfristig preisgünstigere Heizen wohl auch die grössten Skeptiker Lügen gestraft und beschwichtigt haben – und dies erst noch umweltfreundlich mit einheimischen nachwachsenden Energieträgern.»

Dritter Heizkessel geplant
Aktuell plane die Avari AG die Erweiterung und Installierung eines dritten Heizkessels von weiteren fünf Megawatt (MW) Leistung verlautete im weiteren. Im Vordergrund stehe die Netzverdichtung mit potentiellen Kunden primär im Perimeter des bestehenden Leitungsnetzes. Die Entwicklung der Anschlusswerte sei von 5066 MW im Jahr 2001 bis 2006 auf 11 167 MW kontinuierlich gesteigert worden. An Spitzentagen würden über 118 000 kWh Wärme mit einem Bedarf von rund 190 Kubikmeter Holzschnitzel produziert. Mit der erzeugten Wärme könnten rund 1200 Einfamilienhäuser inklusive Warmwasseraufbereitung beheizt werden.

Leitungsnetz erweitert
Das ursprüngliche Leitungsnetz von zirka viereinhalb Kilometer ist nach Avari-Angaben in den ersten sechs Betriebsjahren auf rund sieben  Kilometer erweitert worden. Der Wärmeverlust betrage vom Werk bis zum am weitesten entfernten Anschluss ein Grad: «Die Gesamtinvestitionen belaufen sich in der Zwischenzeit auf rund 18 Millionen Franken. Zur Erinnerung wurde erwähnt, dass als kleine Anerkennung die Avari AG im Jahr 2001 in Basel auch mit dem Solarpreis für erneuerbare Energie ausgezeichnet worden sei: «Dies wurde für den damals doch auch nötigen Pioniergeist als positive Wertschätzung durch den Verwaltungsrat gerne wahrgenommen.»

Martin Herrmann (Bildmitte), Leiter Technik im Hotel Victoria-Jungfrau, führte durch die Unterwelt des Grand Hotels.

Bessere Luft am Höheweg
Das Victoria-Jungfrau habe vor über sechs Jahren das Heizöl gegen die Fernwärme mit Holz ausgetauscht und im Bereich des Höhewegs wesentlich zur Verbesserung der Luftqualität beigetragen, wurde an der Medienorientierung im weiteren erinnert. Gleichzeitig werde Holz aus der näheren Umgebung verwertet, ja teils entsorgt, weil es keinen anderen Zweck mehr erfüllen könne: «Die Avari AG leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Entsorgung der Region, zur Wertschöpfung, zur nachhaltigen Kreislaufwirtschaft, Sicherung oder gar Schaffung von Arbeitsplätzen und Luftverbesserung.» Aus dem Fernheizwerk Jungfrauregion entweiche auch kein Feinstaub. Im Zusammenhang mit den Diskussionen über Feinstaubbelastungen von Holzfeuerungen im letzten Jahr wurde erwähnt, dass diese Problematik eben gerade für Grossanlagen mit den entsprechend ausgerüsteten Elektrofiltern nicht zutreffe. Bei einer Besichtigung gab Martin Herrmann, Leiter Technik im Hotel Victoria-Jungfrau als grösster Abnehmer der Avari AG einen Einblick in die Hauptanlage des Hotels. Bei Gesamtkosten von 1,1 Millionen Franken für die Energie entfielen rund 500 000 Franken auf Fernwärme – zuvor seien täglich bis zu 3000 Liter Öl und mehr verbrannt worden. Der Rest bestehe vor allem aus Elektrizitätkosten und einen kleinen Anteil mache der Aufwand für Gas aus. Seit man mit der Fernwärme heize, habe man nicht mehr den Risikofaktor des Heizölpreises. Man wolle den Gästen zeigen, dass man dem Umweltschutz auch nachleben könne und man keinen Ausstoss mehr habe, wie übrigens auf der ganzen Höhemattemeile, die ans Netz angeschlossen ist.

Holzabfälle kostenlos entsorgen
Willi Balmer, Präsident der Burgergemeinde Wilderswil und Grundbodenbesitzer der Fernheizanlage zeigte sich als Hauptaktionär froh über dieses Heizwerk, indem auch Äste, Kronenabfall und Käferholz verwertet werden könnten: Mit dem Verkauf von Holz werde ein kleinen Beitrag an die Unkosten erzielt. Balmer machte darauf aufmerksam dass die Bevölkerung erfahre müsse, dass man unbehandeltes Holz, Möbel, Karton Kisten – nicht länger als 120 Zentimeter und ohne Fremdmaterialien – nach telefonischer Anmeldung kostenlos in die Avari bringen und dann selber in den Häcksler werfen könne.

Ulrich Nyffenegger vom kantonalen Amt für Umweltkoordination und Energie wies darauf hin, dass letzte Woche der erste Schritt zur Umsetzung der Energiestrategie durch die Eingabe der Revision der Energiegesetzgebung gemacht worden sei. Beim zentralen Punkt mit mehr Energieeffizienz, mehr Nutzung von erneuerbaren Energien – mit dem Kernpunkt in den grössten Gemeinden – werde unter anderem auch Interlaken dazu verpflichten, einen Energierichtplan zu machen. Er zeigte auf welche Wertschöpfung von eingesetzten 100 Franken in der Region blieben: Bei Holz seien dies 52 Franken bei Heizöl 16 Franken und bei Erdgas 14 Franken. Wenn der durchschnittliche Ölpreis nur um einen Rappen steige, bedeute dies für den Kanton Bern 50 Millionen Franken Mehrausgaben. Bei Grossanlagen gebe es kein Problem mit Staubemmissionen dank den guten Filtern – anders als vor allem bei den rund 680 000 Stückgutheizungen in der ganzen Schweiz.
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