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Freitag 1. Dezember 2006
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Permafrost: Schleichender Prozess schreitet voran

Vier neue Messanlagen und ein tropfender Zugangsstollen auf dem Jungfraujoch. Eine rutschende Garage auf dem Schilthorn. Und «wackelige» Skilifte auf Glacier 3000: Der Rückgang des Permafrostes hält die Bergbahnbetreiber auf Trab.

Neu im Bereich des Stollenausganges installiert: Vier hochpräzise Extensometer registrieren bis 15 Meter tief im Felsen jeden Hundertstelmillimeter Bewegung. Diese Verschiebungen können bei Geotest in Zollikofen online verfolgt werden. (Bilder Bruno Petroni)

Die mit dunklen Flecken übersäte und mit Rissen versetzte Oberfläche auf den letzten 20 Meter des Stollenganges zum Aletschgletscher beweist es: Das Schmelzwasser dringt jetzt bereits durch die dicke Spritzbetonschicht hindurch! «Aber zur Panik gibt es jedoch keinen Grund», sagt Dres Wyss. Er ist seit 19 Jahren auf dem Jungfraujoch als Leiter des Technischen Unterhaltes und als Sicherheitsbeauftragter zuständig und kennt jede Nische hier oben auf 3500 Meter über Meer. Und doch: Der «schwitzende» Bereich des Stollenausganges befindet sich nur gerade wenige Meter östlich derjenigen Stelle, wo sich vor 16 Jahren ein grosser Felssturz von fast 5000 Kubikmeter ereignet hat.

Die Risse sind zentimeterdick und Schmelzwasser tritt daraus zum Vorschein: Der technische Leiter auf dem Jungfraujoch, Dres Wyss nimmt die Situation ernst, warnt aber vor Panikmache.

Vier neue Messvorrichtungen

Weil es sich beim Südhang mit massiver Sonneneinstrahlung um labile Gesteinsschichten handelt, hat die Jungfraubahn bereits im Jahr 1991 über dem Ausgang massive Steinschlag-Auffangnetze installiert. Vor zwei Jahren wurde der Fels zusätzlich mit Stahlseilnetzen verstärkt. Und erst vor zwei Wochen montierten die Verantwortlichen um die Geotest AG Zollikofen im Bereich des Stollenausganges Aletsch vier neue Extensometer zur elektronischen Überwachung der Felsbewegungen und –temperaturen. Selbst in minus 15 Grad kaltem Permafrostgestein tritt nämlich Wasser in flüssiger oder in Dampfform auf.
Bruno Petroni, freischaffender Journalist, Matten bei Interlaken / petroni@gmx.ch
«Sobald es dann auf geeignete, sogenannte Kondensationskeime trifft gefriert es zu Eis. Geschieht dies immer wieder, kommt es zu einem Spaltenwachstum, dem Vorläufer eines Felsturzes», erklärt Hans Rudolf Keusen, seit 25 Jahren quasi der «Hausgeologe» des Jungfraujochs.

Schützen die Touristen vor Steinschlag: Bereits vor 15 Jahren wurden hier massive Fangnetze montiert. Im Hintergrund die Sphinxterrasse mit dem 70jährigen Observatorium.

Die Flasche im Eisfach

Keusen weiter: «Die Verhältnisse in den Bergen sind natürlich derart kompliziert, dass das Experiment mit der Wasserflasche im Eisfach des Kühlschrank, die unter dem Druck des sich ausdehnenden Eises birst, nicht mit der Natur verglichen werden kann. Jedoch zeigt dies, wie dieser Vorgang den Fels in den Alpen zum bröckeln bringen kann.» Keusen erklärt damit, wie sich Wasser während des Gefrierens zu Eis um fast zehn Prozent seines Volumens ausdehnt.

Wasser durch neue Risse
«Diesen Sommer haben sich nun zahlreiche Risse in der Stollenwand neu gebildet und ausgeweitet. Das Wasser rann erstmals richtig dazwischen heraus. Weil das gefrierende Schmelzwasser im Fels weiter für einen Druckaufbau sorgen könnte, erachten wir die Montage dieser Extensometer als ideale Vorsichtsmassnahme», erklärt der Technische Leiter Dres Wyss. Beunruhigend auch die Entwicklung am Nordhang unter der Sphinx: Hier bilden sich seit wenigen Jahren im Eisfeld immer mehr gräuliche Flecken: Ein deutliches Zeichen von vermehrtem Schmelzwasservorkommen. «Sehr beunruhigend», bestätigt der Geologe Hans Rudolf Keusen.

Der Druck auf den Stollenausgang (Bildmitte) wird immer grösser.

Vom Eis auseinandergedrückt

Quer durch die hundert Meter hohe Sphinx des Jungfraujochs zieht sich eine 40 Meter dicke Malmkalk-Gesteinsschicht. Im Gegensatz zum kompakten Lauterbrunner-Innertkircher Gneis erlaubt der zerklüftete Malmkalk dem Schmelzwasser den Eintritt in feinste Risse, wo es gefriert, sogenannte Eislinsen bildet, sich ausdehnt und das Gestein auseinanderdrückt. Dieser Vorgang kann den Fels schwächen und instabil machen. Die Experten sprechen in solchen Fällen von einer Segregation. Weitere Zeichen von porösem und «arbeitendem» Fels auch im rund 180 Meter langen Verbindungsstollen vom Berghaus zur Sphinx, der sich 70 bis 90 Meter unterhalb der Oberfläche befindet: «Weil es in letzter Zeit vor allem in den Sommermonaten immer mehr von der Decke herunter zu tropfen begann, haben wir vor einem Jahr die Abdeckung um dreissig Meter verlängert», sagt Dres Wyss.

Wenn die Garage sich neigt
In den Alpen liegt die Permafrostzone oberhalb der Waldgrenze auf 2500 bis 3000 Meter über Meer, meist an Nordhängen. Ausschlaggebend ist nicht das Eisvorkommen, sondern die Temperatur in den Gesteinsschichten. Im Berner Oberland befassen sich neben dem Jungfraujoch vor allem die Verantwortlichen des Schilthorns mit dieser Thematik. «Immer im Herbst wird der Berg aktiv. Gerade vor sechs Wochen baute die Abwasserleitung am Piz Gloria plötzlich Druck auf – ein deutliches Zeichen dafür, dass etwas geht», berichtet Ruedi Lauri, Technischer Leiter der Schilthornbahnen. Zwar wurden bereits vor vierzig Jahren beim Bau des Drehrestaurants und der Bergbahn an den Einbau von Kalträumen zur Trennung von Kälte und Wärme gedacht. «Dennoch senkte sich ein Teil der Aussengarage für das Pistenfahrzeug durch den Permafrost-Rückgang bereits im Jahr 1995 ab, was eine Aufhängung des Garagentraktes erforderte. Vor drei Jahren schliesslich waren die Verschiebungen wiederum derart vorangeschritten, dass die Aufhängung erneuert werden musste», weiss der zuständige Basler Bauingenieur Kurt Ramseyer zu berichten.

Auf Glacier 3000 an der Kantonsgrenze oberhalb von Gstaad beobachtet man weniger besorgt die Entwicklung des Permafrostes, um so mehr aber den Gletscherrückgang: «Drei Skilifte sind zum Teil vollständig auf Gletschereis gebaut, was uns immer wieder vor grosse bauliche Herausforderungen stellt», räumt der stellvertretende Pistenchef Lars Theiler ein.

Bauten isoliert «einpacken»
Wärme ist der natürliche Feind des Permafrostes. Und Wärme geben auch technische Anlagen wie der 108 Meter hohe Liftschacht auf dem Jungfraujoch ab, der zur Aussichtsterrasse der Sphinx auf 3571 Meter über Normalnull führt. Diesem Umstand wurde beim Bau Rechnung getragen. Entsprechend befinden sich die Aufzüge in einem riesigen, zylinderförmigen Hohlraum, der mit kalter Luft permanent abgekühlt wird. Die dabei gewonnene Abwärme wird zur Beheizung der Räume im Bereich der Sphinx eingesetzt. Bis zu 80 Meter lange Extensometer überwachen in diesem Bereich Temperaturen und Bewegungen im Hundertstelmillimeter-Bereich und sind direkt mit der Zentrale der Geotest AG in Zollikofen verbunden.
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