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Montag 20. November 2006
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Bergrettung: Gedanken- und Erfahrungsaustausch
Ohne Fachchinesisch, dafür mit lebhaften Referaten über Bergrettungen hat am Samstag in Interlaken die 4. Schweizer Bergrettungs-Medizintagung stattgefunden. Auch Basejumping und eine waghalsige Rettung an der Jungfrau kamen zur Sprache.
Von der Gletscherspalte über die Wasserrettung bis hin zur Orientierung im Hochgebirge bei Nacht, Nebel und Schnee warten auf die Rettungsteams die anspruchsvollsten Aufgaben. Und das bei einer Bereitschaft rund um die Uhr. (Bilder Bruno Petroni)

«Bergretter habens nicht einfach: Sie müssen ihr Knowhow jederzeit auf dem neuesten Stand kultivieren, kommen aber relativ selten zum Einsatz.» Mit dieser Feststellung wies die Zermatter Bergrettungslegende Bruno Jelk an der 4. Schweizer Bergrettungs-Medizintagung in Interlaken auf die vielen Pflichten und Auflagen hin, mit welchen sich die Rettungsspezialisten in den Alpen auseinanderzusetzen haben. «Von der Gletscherspalte über die Wasserrettung bis hin zur Orientierung im Hochgebirge bei Nacht, Nebel und Schnee: Der Retter muss in jeder erdenklichen Situation wissen, wie er zu handeln hat», sagte Bruno Jelk, der erst vor einer Woche als Stiftungsratsmitglied der Rettungsflugwacht gewählt worden ist.

Bruno Petroni, Matten bei Interlaken / petroni@gmx.ch
Laut Ueli Mosimann, Statistiker des Schweizerischen Alpenclubs (SAC), gilt der Bergrettungsdienst bei vielen Berggängern heutzutage als Lebensversicherung, die mit dem heutzutage mitgeführten Mobiltelefon jederzeit gerufen werden kann: «Anstatt im Notfall einmal mehr in der Kälte zu biwakieren und zu frieren, ist es halt schon verlockend, einfach den Helikopter zu bestellen.» Mosimann berichtete an der Medizintagung von einer erheblichen Zunahme von Bergwanderern (2005 landesweit rund 1,8 Millionen). Stürze und Abstürze seien die häufigste Unfallursache, gefolgt von Verirren in steilem Gelände.

Tödliche Skitourenunfälle
«Die Todesfallrate ist bei Skitourenunfällen immer noch am höchsten – bei einer Lawinenverschüttung sind die Überlebenschancen halt schon wesentlich geringer als bei anderen Unfällen», sagte SAC-Statistiker Ueli Mosimann. Immerhin sei die Anzahl der tödlichen Unfälle in den letzten zwanzig Jahren generell zurückgegangen. Mosimann würdigte bei dieser Gelegenheit die Verdienste des Lauterbrunner Arztes Bruno Durrer: «Er war es, der vor 16 Jahren begann, die Rettungseinsätze statistisch zu erfassen. Bis dahin waren vom SAC nur die Todesfälle registriert worden.» Es war denn auch Bruno Durrer persönlich, der auf die neue Extremsportart Basejumping einging. Immerhin landet ein Grossteil der im Lauterbrunnental über die Klippen springenden Abenteurer direkt vor seiner Arztpraxis.

Hatten an der Interlakner Bergrettungs-Medizintagung einiges zu erzählen: Der Lauterbrunner Arzt Bruno Durrer (links) und Martin Schürmann (Bergführer, Wilderswil)

Rettendes Fledermauskombi
«Gerade vor zwei Stunden ist bei uns oben wieder einer ums Leben gekommen. Das Thema ist also brandaktuell», fügte Durrer eingangs seines Referates am Samstagnachmittag ein. Dann wartete er mit Zahlen auf: «Weltweit sind bisher 104 Basejumper tödlich verunfallt, zehn Prozent davon bei uns im Lauterbrunnental. In diesem Jahr haben wir im Tal mit 17 Unfällen und drei Toten eine weitere Steigerung dieser tragischen Rate.» Immerhin stellt Bruno Durrer fest «dass die Springer jetzt durch die neuen ‹Wing Suits› – eine Art Fledermausgewand – und durch den dadurch entstehenden Luftwiderstand schon vor dem Öffnen des Fallschirms deutlich von den Felswänden ‹wegfliegen› können und so die Gefahr einer Kollision mit der Wand wesentlich geringer ist.»

Fünf Tage lang blockiert
Das Forum wurde abgeschlossen mit einem Referat von Martin Schürmann. Der Wilderswiler Bergführer hatte es vor drei Monaten gemeinsam mit zwölf Kollegen, dem SAC und der Air-Glaciers fertiggebracht, in einer waghalsigen und schwierigen terrestrischen Rettungsaktion zwei deutsche Bergsteiger am Rottalgrat zu bergen. Bei widrigsten Wetter- und Schneeverhältnissen harrten diese Touristen fünf Tage und Nächte lang auf 3600 Meter über Meer in einer Felswand aus. Da eine Helikopterbergung ausgeschlossen war, «bohrten» sich die Retter mit Fixseilen 600 Meter in die Höhe und holten die durchfrorenen Bergsteiger aus der Wand. Martin Schürmann: «Es war ein Einsatz am absoluten Limit. Hier stellte sich einmal mehr die Frage, wie weit man da gehen will. Einmal mehr zeigte sich während dieses Einsatzes, dass solche Rettungsaktionen nur in einem perfekt eingespielten Team möglich sind.» – Informationen : www.alpinerettung.ch

Keine Ärztesprache
Die von der Fachgruppe Bergmedizin (Vorsitz Bruno Durrer) veranstaltete Medizintagung in Interlaken wurde von verschiedenen Bergrettungsvereinen, der Rettungsflugwacht und aus unserer Region von der Air-Glaciers und der Jungfraubahn finanziert. Der lockere Austausch von Kenntnissen und Erfahrungen ohne grosse akademische Phrasen, sondern aus der Praxis, stehen dabei im Vordergrund, und auch technische und menschliche Aspekte werden diskutiert. Das 5. Ärzteforum findet am 8. November 2008 wiederum in Interlaken statt.
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