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Tourismusdestination Interlaken – quo vadis?

Dank einer ausführlichen und umfassenden, am Donnerstag vorgestellten Studie glaubt Werner Affentranger, Präsident der Tourismusorganisation Interlaken (TOI), die Destination besser positionieren zu können. Am Abend war vorgesehen, diese Studie auch als Hauptthema an der Mitgliederversammlung des TOI vorzustellen.

Zu den Juwelen von «greater Interlaken» zählt auch die Lombachalp oberhalb des nur wenige Kilometer von Interlaken entfernten Bergdorfes Habkern. (Archivbild Peter Schmid)

ds/pvr. Befragungen der Gäste Interlakens haben laut der Studie deutlich gezeigt, dass die Reisemotive trotz einer sehr stark durchmischten Gästestruktur saisonunabhängig vor allem in der unvergleichlichen Schönheit von Natur und Landschaft, der grossen Vielfalt an Ausflugsmöglichkeiten in die Jungfrauregion und dem Junqfraujoch liegen. «Die ausführliche und umfassende Destinations- und Umweltanalyse, welche im Rahmen des Projektes ‹Tourismusdestination Interlaken – quo vadis?› vorgenommen wurde, zeigte schon in einem frühen Stadium auf, wo Interlakens Unique Selling Proposition (USP) liegen müssen», heisst es in der mit Kosten von 80 000 Franken von der Grischconsulta AG im Auftrag der Tourismusorganisation Interlaken ausgearbeiteten Studie. Ein USP stelle definitionsgemäss ein Alleinstellungsmerkmal dar, welches so beschaffen sein müsse, dass es sich gegenüber den Mitbewerbern markant abhebe: «Es bezieht sich auf einen konkreten Nutzen für den Gast, welchen ihm andere Destinationen nicht bieten können.»

Tourismusdestination Interlaken – quo vadis? Von links nach rechts an der Medienorientierung: Roland Zegg, Inhaber und Geschäftsführer der Grischconsulta AG, TOI-Präsident Werner Affentranger und Interlakens Tourismusdirektor Stefan Otz. (Bild Dora Schmid-Zürcher)

Im Laufe der fortschreitenden Arbeiten seien diese Hypothesen zur Gewissheit geworden: «Interlaken wird praktisch ausschliesslich im Kontext mit seiner natürlichen Umgebung und seiner Funktion als Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Ausflügen von seinen Gästen als Reiseziel gewählt.» Die Befragungen belegten, dass keine unternommene Aktivität für sich allein herausragend sei, sondern dass es vielmehr die unvergleichliche Anzahl an Möglichkeiten sei, die Interlaken einzigartig mache. Eine eindeutige Ausnahme, die diese Regel durchbreche sei das Grand Hotel Victoria-Jungfrau, das für sich alleine eine Ferieninsel darstelle.

«Die Bestrebung, aus der aussergewöhnlichen Angebotsvielfalt Interlakens zwei bis drei Elemente herauszugreifen und sich hauptgewichtig auf diese zu konzentrieren wäre der falsche Ansatz», heisst es im weiteren: Dieses Vorgehen käme einer «Selbstverstümmelung» gleich, indem sich Interlaken seiner Einzigartigkeit selber berauben würde – der Angebotsvielfalt: «Abgeleitet aus Interlakens Funktion als Ausgangspunkt für fantastische Ausflüge in eine unvergleichliche Berg- und Naturlandschaft wird deutlich, dass ein USP weniger ein Angebotsbestandteil von Interlaken selbst ist, sondern vielmehr in einer Kombination von Interlaken und seinem Umfeld liegen müsse.

«Interlaken – Tor zur Jungfrau»
Dieses Statement ist laut der Studie das das Gesamtangebot Interlaken überdachende Verkaufsargument schlechthin und gelte gleichermassen für Backpacker, Camper, Skifahrer, Wanderer, Luxusgast, jung und alt. Darunter liessen sich die drei Stossrichtungen «pure Adrenaline», «pure Swissness» sowie Festivals and Events» ohne Widersprüche zum Gesamtangebot Interlaken abrunden: «Denn Interlaken ist im Bereich Adventure in ganz Europa wirklich einzigartig, da von Bungee Jumping über Canyoning bis Paragliding.»

Aktivitäten wie Ausflüge mit den Bergbahnen, Natur geniessen, das Jungfraujoch besuchen, Schiffahren und Wandern erfreuen sich laut der Studie grosser Beliebtheit bei jung und alt, im Sommer wie im Winter: «All diesen Aktivitäten ist eines gemein: Sie finden draussen statt, in der unvergleichlich schönen, Interlaken umgebenden Szenerie.» Interlakens natürliche Umgebung mache seine Einzigartigkeit aus. Interlaken werde also praktisch ausschliesslich im Kontext mit seiner natürlichen Umgebung und seiner Funktion als Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Ausflügen als Reiseziel gewählt: «So wird es von seinen Gästen auch wahrgenommen, denn sie entscheiden sich für Interlaken, weil es über eine ideale Lage inmitten fantastischer natürlicher und geografischer Gegebenheiten liegt.» Interlaken scheine zudem europaweit die einzige Destination zu sein, welche während des ganzen Jahres mit ihrem Gesamtangebot saisonunabhängig über eine gute Auslastung verfüge und einen konstanten Gästezulauf verzeichnee.

«Jungfrau» – ein Synonym für unvergleichliche Naturschönheit
Auch aus Begrifflichem werde die Rolle Interlakens deutlich, heisst es in der Studie: «Interlaken liegt an schönster Lage am Fusse der Jungfrau; dabei steht ‹Jungfrau› nicht für den Berg per se, sondern ist ein Synonym für eine majestätische Bergwelt, die international ihresgleichen sucht. Jungfrau ist ein Synonym für Eiger, Mönch, unvergleichliche Schönheit der Natur und Landschaft, eindrückliche Szenerie mit Gletscher, Seen, Bergen, Eis, grünen Matten, Naturwundem und so weiter, ja es ist Synonym für eine ganze Region.» Und obwohl mehrere Orte den Anspruch erheben könnten, am Fusse der Jungfrau zu liegen, so könne doch einzig und allein Interlaken von sich behaupten, die «Jungfrau» im eben erläuterten weitesten Sinne zu bieten. Grindelwald beispielsweise könne die Jungfrau lediglich im engsten Sinn bieten, nämlich indem es durch seine Lage den direkten Zugang zum Berg ermögliche. Für die weitere Angebotsvielfalt der Jungfrau-Region müsse der Gast jedoch zuerst nach Interlaken fahren ... Ähnlich ergehe es Gästen aus Wengen, Mürren und Lauterbrunnen.

«Interlakens Angebotsvielfalt ist unvergleichlich!»
Es wäre daher der falsche Ansatz, aus der enormen Angebotsvielfalt Interlakens, die von den Gästen so sehr geschätzt wird und eben genau der Grund für den Reisenentscheid Interlaken schlechthin darstellen, ein einziges Segment herauszugreifen und dieses zu einem einzigen USP emporzustilisieren. Durch eine Konzentration auf einig einziges Segment würde sich Interlaken selbst seiner Einzigartigkeit berauben, nämlich der Vielfalt an Angeboten und Möglichkeiten.
Weiter wäre es nicht richtig, in Interlaken selbst nach der Hauptstossrichtung in der Vermarktung zu suchen – ein USP wird also weniger ein Angebotsbestandteil von Interlaken selbst sein, sondern vielmehr in einer Kombination von Interlaken und seinem Umfeld liegen. Aus all diesen Gegebenheiten lasse sich die eigentliche Funktion Interlakens nun deutlich aufzeigen. Es sei dies seine Funktion als «Basislager», von welchem aus die Gäste alles haben, weswegen sie nach Interlaken kommen: Eine grosse Vielzahl an Ausflugsmöglichkeiten und Aktivitäten in eine fantastisch schöne alpine Bergwelt wie sie im Bilderbuch steht. Unter der Hauptpositionierung «Interlaken – Tor zur Jungfrau» könnten nun drei USP von Interlaken herauskristallisiert werden.

USP eins
In und rund um Interlaken gebe es eine fast unüberschaubare Anzahl Adventure-Angebote. Von Bungee Jumping über Canyoning bis Paragliding und Zorbing sei (fast) alles möglich. Soft-Adventure bezeichne dabei Aktivitäten, welche mit einem tiefen Risiko und physisch geringeren Anstrengungen verbunden seien (also dem Teilnehmer eine eher moderate Aktivität abforderten), wogegen Hard-Adventure diejenigen Extremaktivitäten bezeichne, welche nur unter einem erhöhten Risiko sowie grossen physischen Anstrengungen erlebbar seien (also vom Gast selber einen grossen körperlichen Einsatz forderten): «Interlaken ist als Adventure-Destination in ganz Europa wirklich einzigartig, und nirgends sonst auf diesem Kontinent findet der Gast eine derart weit und stark entwickelte Adventure- und Backpackerszene.Von 47 befragten Backpackern habe mehr als die Hälfte Adventure-Angebote genutzt hat (53 Prozent). Ein Backpacker verwendet 26 Prozent seines Budgets für den Adrenalin-Kick. Immerhin gäben alle Sommergäste im Durchschnitt rund acht Franken pro Tag für diesen Posten aus, oder sechs  Prozent ihres Budgets, was für das «Nischenprodukt Adventure» beträchtlich sei und sich in keiner anderen europäischen Destination finden lasse: «So ist die Nachfrage nach dem Nischenprodukt Adventure in Interlaken seit Jahren im Steigen begriffen, und die Backpacker-Qastgeber konnten während den letzten sechs Jahren den grössten Logiernächtezuwachs verzeichnen (+38 Prozent).» Derzeit verfügten die Backpacker-Unterkünfte über rund 1000 Betten im Ort (ein Viertel der Gesamtbettenzahl Interlakens). Zudem verfüge Interlaken über eine weitere, wichtige Voraussetzung, um zum Mekka des europäischen Backpackertourismus zu werden: Einen reichen Erfahrungsschatz und Know-how im Umgang mit multikulturellen, vielsprachigen Gästen.

Es sei anzumerken, heisst es in der Studie, dass lediglich Adventure-Aktivitäten im engeren Sinn erfasst worden seien, also Skydiving, Paragliding, Base Jumping, Bungee Jumping und so weiter. Diese Zahlen fielen noch deutlicher aus, wenn Soft-Adventure-Aktivitäten wie Wandern, Schiff- und Skifahren auch mitberücksichtigt würden (49 Prozent aller befragten Gäste wandern, 46 Prozent fahren Ski, 38 Prozent unternehmen Schiffahrten). Dieses USP unterstreiche folglich die aktive Seite Interlakens, sei es im Sport, im Outdoorbereich generell oder vor allem im Hard-Adventure-Bereich: «Sie soll vor allem Interlakens jüngere und junggebliebene Gäste ansprechen, welche in Backpackern übernachten, auf Weltreise sind, ein unabhängiges, aktives Leben führen, gerne in Gesellschaft sind und die Lebhaftigkeit der Tourismusdestination schätzen.» Die Jungfrau, welche als «Top of Europe» bekanntgeworden sei, und Interlaken an ihrem Fusse als «Adrenaline Capital of Europe» mitten in einer unvergleichlichen Naturschönheit voller Tradition und Moderne könnten so vermehrt voneinander profitieren und eine sinnvolle Symbiose eingehen. – Adrenalin, so wird in der Studie erinnert, sei ein Stresshormon und schaffe als solches die Voraussetzungen für die rasche Bereitstellung von Energiereserven, die in gefährlichen Situationen das Überleben sichern sollen (Kampf oder Flucht): «Mag dies für ältere Menschen vor allem negativ behaftet sein, ist es für speziell diesen Kick suchende Gäste das Kaufargument schlechthin.» Der Begriff «Adventure" hingegen lasse sich etwas weiter fassen und lasse mehr Interpretationsspielraum bei den Gästen.

USP zwei: Neben dem aktiven, aktiongeladenen Interlaken gebe es aber auch noch ein anderes Interlaken: Die Studie weist darauf hin, es sei dies das beschauliche und erholsame Interlaken, wobei hier Interlaken im weitesten Sinn zu verstehen ist, also mit Iseltwald, Wilderswil, Bönigen und so weiter: «Im Gesamtangebot spielt Interlaken im engeren Sinn (mit Matten und Unterseen) als eigentlicher ‹Brand› die Rolle des touristischen Kerngebietes; die restlichen Interlaken umgebenden Orte sind in diesem Zusammenhang als ‹greater Interlaken› zu verstehen, denn auch diese Gästen kommen wegen Interlakens Gesamtangebot zwischen die Seen.

USP drei: Interlaken verfügt nach Erkenntnissen der Studie über langjährige und erfolgserprobte Kompetenz, Erfahrung und Potenzial bezüglich Organisation von Grossanlässen verschiedenster Art – seien es typisch schweizerisch-traditionelle Anlässe wie die Tellspiele, das Unspunnenfest, oder aber auch Musikkonzerte wie das Greenfield-Festival, Country and Trucker Festivals, Oldtimerrennen, Kongresse sowie das Ballenberg Freilichtmuseum – in Interlaken findet der Gast sowohl ein modernes, zeitgemässes Interlaken als auch die traditionelle, authentische Bilderbuchschweiz. Es gelte anzumerken, dass dieses USP in der Organisation und Infrastruktur liege, welche Interlaken den Eventveranstaltern zur Verfügung stelle. Allerdings fehle im USP «Festivals and Events» ein herausragender, internationaler und mindestens alle zwei Jahre wiederkehrender Event mit Ausstrahlung gänzlich. Dieser müsse entweder von anderen Orten abgeworben oder neu geschaffen werden: «Dort und nur dort will und kann sich TOI engagieren!» TOI müsse den Mut haben, sich auf einen einzigen Punkt in diesem USP zu konzentrieren: Die Akquisition eines Gross-Events im Bereich Sport, Musik, Mobility, Kultur/Folklore, der mindestens alle zwei Jahre stattfinde. Hinzu komme, dass in diesem USP innerhalb der Tourismusdestination Interlaken bereits unzählige Sales-Gruppen existierten, welche sich das Ziel, mehr Anlässe nach Interlaken zu bringen, auf die Fahne geschrieben hätten: «Da die Angebote in diesem Bereich bereits sehr gross sind, ebenso wie die Eigeninitiativen, muss TOI das Hauptaugenmerk nicht in erster Priorität auf die Entwicklung dieses USP legen.»

Weitere geprüfte Stossrichtungen
Die Stossrichtung Kongresse und Incentives wurde laut Studie ebenfalls geprüft: «Von einer weiteren Verfolgung dieser Positionierung wurde aber abgesehen, da hier weder aus der qualitativen noch aus der quantitativen Analyse stichhaltige Argumente für Alleinstellungsmerkmale ableitbar waren.»
Weitere Stossrichtungen wie «The Swiss four Season Holiday Resort», «Deluxe-Ferien in einer Deluxe-Umgebung» oder «Interlaken – Musik und andere Hochgefühle» seien zwar auch denkbar und geprüft worden, doch unterstrichen sie nicht die primäre Einzigartigkeit respektive Kompetenz Interlakens respektive trügen der Angebots- und Gästevielfalt zu wenig Rechnung.

Die grössten Chancen
Es stehe fest, kommt die Studie zum Schluss, dass der Strategieausschuss (STA), respektive die TOI, die Energien dort einsetzen müsse, wo die Chancen für am grössten seien. Priorität 1 a: «Pure Adrenaline» sei bereits zum jetzigen Zeitpunkt überschaubar und geordnet, könne rasch beschleunigt werden; das «Wie angehen?» sei für TOI und den STA klar Priorität 1b: «Pure Swissness» stelle vor allem Fleissarbeit und Konzeptualisierung dar. Priorität 2: Festivals and Events: benötigt am wenigsten betriebsübergreifenden Support, sehr viel Eigeninitiative ist bereits vorhanden.

Es sei zu überlegen, gibt die Studie zu bedenken, ob ein «Sowohl als auch» in Betracht gezogen werden soll (erste Priorität auf erste und zweite, zweite Priorität auf dritte): «In Anbetracht dessen, dass das Jahr 2007 bewusst als Übergangsjahr festgelegt wurde, kann dieser Punkt bis dato nicht abschliessend behandelt werden.»
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