Steinböcke im Alpenwildpark Harder. (Archivbilder Dora Schmid-Zürcher)
pd/bns. Der Alpenwildpark Harder in Interlaken – siehe auch Hundert Jahre Steinbock in der Schweiz: Kanton Bern feiert die Wiederansiedlung vom Donnerstag 21. September 2006 – hat als zweiter Wildpark in der Schweiz reinblütige Steinböcke gezüchtet, um sie in den Bergen auszusetzen. Die Schweiz zählt heute über 15 000 Stück Steinwild und trägt damit massgebend zur Erhaltung dieser Tierart im Alpenraum bei. Der Bestand dieser einst hierzulande ausgerotteten Tierart wird im Kanton Bern auf etwa 1000 Tiere geschätzt, die sich über 13 Kolonien verteilen (Stand 2005).
Der Alpenwildpark Harder in Interlaken hat als zweiter Wildpark in der Schweiz reinblütige Steinböcke gezüchtet, um sie in den Bergen auszusetzen.
Der Alpenwildpark Harder in Interlaken
Von Anfang an war laut einer Medienmitteilung das Hauptziel des im Jahr 1913 gegründeten Alpenwildparkvereins Interlaken-Harder den in der Schweiz ausgerotteten Steinbock im Berner Oberland wieder anzusiedeln. Am 13. März 1915 kam das erste Zuchtpärchen aus dem Wildpark Peter und Paul in St. Gallen nach Interlaken. Es handelte sich um neun Monate alte Steinkitze. Sie kosteten den damals stolzen Betrag von 4000 Franken. Drei Monate später trafen zwei weitere Bockkitze und ein Geisskitz in Interlaken ein. Diese Tiere stammten aus dem letzten Rückzugsgebiet des Steinbocks im Aostatal in Italien: «Sie wurden in die Schweiz geschmuggelt.» In den Jahren 1917 und 1918 wurden die ersten Steinböcke im Wildpark Harder geboren. Die ersten sieben Tiere – drei Böcke und vier Geissen – wurden am 21. Juni 1921 am Wanniknubel im Hardergebiet ausgesetzt. In den folgenden Jahren hat der Wildparkverein weitere Tiere in die Freiheit entlassen, so 1922 erneut am Wanniknubel (zwei Böcke und drei Geissen) und 1924 am Südhang des Augstmatthorns (ein Bock und zwei Geissen). Die direkt aufeinanderfolgenden Aussetzungen wirkten sich positiv auf das Wachstum der Steinbockkolonie aus. Heute ist laut der Medienmitteilung die Kolonie am Augstmatthorn Teil einer Population von rund 250 Tieren im Grenzgebiet der Kantone Bern, Obwalden und Luzern.
Steinwildansiedlung im Diemtig- und Simmental
Im Januar 2001 trat ein Konzept zur Steinwildansiedlung im Diemtigtal und Simmental in Kraft, das die versuchsweise Freisetzung von fünf Steingeissen und fünf Steinböcken vorsah. Der Entscheid zur Gründung einer neuen Kolonie in diesem für den Steinbock als günstigen Lebensraum bezeichnetem Gebiet im Kanton Bern erfolgte laut einer Dokumentation nach umfassenden Abklärungen mit den betroffenen Gemeinden, den Waldbesitzern, den Landnutzern sowie der Jägerschaft, dem Naturschutz und dem Tourismus auf Initiative und unter der Federführung des Amtes für Natur des Kantons Bern.
Zielsetzung des Projekts waren nach Angaben der Arbeitsgruppe Steinwildansiedlung Diemtigtal und Simmental
namentlich die Erhöhung der Artenvielfalt, die Möglichkeit der nachhaltigen Nutzung beim Erreichen der entsprechenden Populationsgrösse und die Steigerung der touristischen Attraktivität in der Region. Für den Versuch seien neben den gesetzlichen Bestimmungen weitere Rahmenbedingungen festgelegt worden, die zu einem Gelingen des Projekts beitragen sollten: «Dabei galt es insbesondere den Auswirkungen auf Kulturen, andere Wildtiere, Nutztiere und Schutzwald sowie anderen bisherigen Nutzungen im Gebiet und dem Ergreifen von geeigneten Massnahmen im Falle von Problemen Beachtung zu schenken.» Begleitet werde das Projekt von einer Arbeitsgruppe, die sich aus Vertretern der verschiedenen Interessengruppen zusammensetze.
«Dank der effizienten und erfolgreichen Arbeit der Wildhut, der tatkräftigen Unterstützung durch die einheimische Bevölkerung und dem Einsatz von Wildbiologen und Tierärzten konnten innerhalb von zwei Jahren alle zehn zur Umsiedlung freigegeben Steinböcke – fünf Geissen und fünf Böcke – in der neuen
Heimat ausgesetzt werden, verlautet im weiteren. Mit dem Ziel eine möglichst breite genetische und gesunde Basis zu schaffen, habe sich die Herkunft der Tiere auf drei Quellen verteilt: Kolonie Augstmatthorn (fünf Tiere), Kolonie Schwarzmönch (drei Tiere) und Tierpark Brienz (zwei Tiere). Von den meisten freigesetzten Tieren habe zwecks späterer Analyse vor der Freisetzung eine Blutprobe gewonnen werden können. «Auf Initiative des eidgenössischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF), welches auch die entsprechenden Kosten trug, konnten mehrere der freigesetzten Tiere im Rahmen einer Untersuchung über Verhaltensanpassung des Steinwilds an wechselnde Schneeverhältnisse mit Sendern ausgerüstet und überwacht werden.» Die Sender erlaubten eine Überwachung der
räumlichen Verschiebungen der Tiere über eine Dauer von bis zu zwei Jahren.
Der erste Nachwuchs stellte sich laut einer Dokumentation bereits im Jahre 2002 ein (ein Kitz). Danach habe sich die neu gegründete Kolonie alljährlich erfolgreich fortgepflanzt: 2003 eine Geiss mit einer Zwillingsgeburt (Geiss und Bock), 2004 drei Geissen mit je einem Kitz und 2005 fünf Geissen mit je einem Kitz, was einem totalen Zuwachs von elf Jungtieren entspreche: «Im Jahr 2005 hat sich erstmals auch eine Geiss der zweiten Generation fortgepflanzt, nämlich die im Jahre 2002 geborene Tochter der Steingeiss «Elisabeth»; leider konnte das Jungtier später nicht mehr beobachtet werden und es ist davon auszugehen, dass es nicht überlebt hat.» Ende Frühling 2006 zählte die Kolonie nach Angaben der Abeitsgruppe Steinwildansiedlung Diemtigtal und Simmental 19 Tiere, da ausser dem erwähnten Verlust noch ein weiteres Jungtier aus dem Vorjahr vermisst werde. Bisher habe einzig die Steingeiss «Rega» keinen Nachwuchs gezeugt, was vermuten lässt, dass sie nicht fortpflanzungsfähig sei.
Alle in den Jahren 2001 bis 2003 ausgesetzten zehn Tiere (fünf Steingeissen und fünf Steinböcke) sind laut der Dokumentation nach fünfjähriger Projektphase (Frühjahr 2006) noch am Leben und nutzen als Kernzone das Gebiet zwischen dem Fromattgrat und dem Seehore. Eine Ausnahme bildet der Bock «Peter», der die ganze Niesenkette nutze und sich nur periodisch im Kerngebiet bei seinen Artgenossen aufhalte. Nach fünfjähriger Projektphase könne eine äusserst positive Bilanz gezogen werden: «Erstens wählte das Steinwild das Zielgebiet als Einstandsgebiet, zweitens hat sich die Kolonie erfolgreich fortgepflanzt und drittens traten keine Konflikte mit den Waldbesitzern und der Landwirtschaft auf.»Auch die Gemse habe sich nach einer Anpassungsphase gut mit dem Neuankömmling zurechtgefunden: «Das Ziel der touristisch sanften Nutzung dieser attraktiven Tierart wird durch die etwas abgelegene geografische
Lage ebenfalls erreicht.» Der Bekanntheitsgrad der Steinwildkolonie im hinteren Diemtigtal habe im Verlaufe der Jahre zugenommen: «Dank den systematisch und regelmässig zusammengetragenen Daten verfügt das Projekt über eine gute Dokumentation betreffend Herkunft der Tiere, Bestandesentwicklung und räumliche Entwicklung der Kolonie; diese Information ist für eine spätere Analyse und Beurteilung der Ansiedlung von grossem Wert.» Die Arbeitsgruppe werde das Projekt weitere fünf Jahre begleiten. Es gelte namentlich mit der zu erwartenden Zunahme der Populationsgrösse der Kolonie, die Entwicklung und deren Auswirkungen weiter zu überwachen und dem Kanton Bericht zu erstatten. Die Öffentlichkeit soll zudem regelmässig über die Ereignisse im Zusammenhang mit der Steinwildansiedlung informiert werden: «Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Steinwild in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten spontan und dauerhaft die Niesenkette besiedeln wird.»
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