Berner Oberland News

Montag, 10. August 1998

Von Unspunnenfest, Chästeilet und Fulehung

bot/S. Uralte volkstümliche Traditionen und Feste sind im Berner Oberland da und dort anzutreffen. Sie haben ihren Ursprung meist im alten Hirtenvolk, das je nach Talschaft seine Bräuche entwickelte. Jeweils Ende Sommer siehe auch Veranstaltungen April bis November 1998 im Berner Oberland werden auf den Alpen die Käse geteilt, alle paar Jahre treffen sich die Älpler zum Unspunnenfest, im Herbst treibt der Fulehung in Thun sein Unwesen und ums Neujahr vertreiben die Potschen böse Geister.

Wenn der Sommer langsam aber sicher in den Herbst übergeht und die Käsespeicher voll sind, ist es auch für die Älpler und
Sennen Zeit, ihr Vieh ins Tal zu treiben. Auf vielen Alpen ist es Tradition, die während des Sommers gefertigten Käse auf die Besitzer der Kühe aufzuteilen. Einer dieser «Chästeilet» findet gegen Ende September im malerischen Justistal zwischen Interlaken und Thun statt. Die schönen Laibe werden von den neun Alpen gesammelt und fein säuberlich zu kleinen Türmen aufgeschichtet, so dass jeder Besitzer den ihm zustehenden Anteil Käse heimnehmen kann. Seit 1739 treffen sich die Älpler auf diese Weise. Bekannt sind auch «Niidleten» und «Chästeilet» auf der Mägisalp am Hasliberg. Bei der im Juli stattfindenden «Niidleten» geht es darum, die Milchmenge der einzelnen Kühe zu messen, so dass dann am Ende des Alpsommers, beim «Chästeilet» der Käse entsprechend der produzierten Milch der einzelnen Kühe an die Bauern verteilt werden kann. Auch die «Niidleten» wird traditionsgemäss in ein Volksfest eingebunden. Ende des Bergsommers finden auf den meisten grossen Alpen Feste mit Tanz und Ländlerkapellen statt. So feiern die Älpler das Ende des Sommers, den sie oft fernab von der Zivilisation verbracht haben.

Unspunnenfest

Eines der grössten Älplerfeste findet nur alle acht bis zwölf Jahre auf der Unspunnenmatte ob Interlaken statt.Das Unspunnenfest hat eine uralte Tradition. An diesem Fest stehen das Schwingen, Steinstossen, Alphornblasen, der Trachtentanz und das Jodeln im Mittelpunkt. Die besten Schwinger von nah und fern kommen hier zusammen und messen im Sägemehlring ihre Kräfte. Die kräftigsten Männer der Schweiz versuchen auf der malerischen Waldlichtung den 167 Pfund schweren Unspunnenstein so weit als möglich zu stossen, und die Jodler singen dazu um die Wette. Das Unspunnenfest ist mit all den Trachten ein farbenfroher Anlass, wo die echte Schweizer Tradition und Folklore bewundert werden kann.

Fulehung

Wie das nur alle paar Jahre stattfindende Unspunnenfest folgt auch der Fulehung, der sich während des «Ausschiesset» in Thun herumtreibt, einer alten Tradition. Jeweils in der letzten Septemberwoche taucht diese Narrengestalt in den Gassen Thuns auf. Der Ursprung des Brauchs ist im Mittelalter zu finden. Während der Burgunderkriege nahmen die Schweizer einen Hofnarren gefangen, den sie nach Thun brachten und der von der Bevölkerung verspottet und durch die Strassen gejagt wurde. Seither jagt nun der Fulehung am letzten Septembermontag durch die Gassen und erschrickt die Kinder. Am Ausschiesset finden diverse historische Umzüge statt es ist aber in erster Linie ein Fest der Jugend, das aus dem traditionellen Kadettenwesen gewachsen ist. So werden unter anderem das Gesslerschiessen oder sonstige sportliche Wettkämpfe ausgetragen.

Ubersitz, Harderpotschete und Pelzmartiga

Um den Jahreswechsel werden da und dort im Berner Oberland Traditionen gepflegt. In Meiringen heisst dieser Brauch «Ubersitz». Während 24 Stunden werden im Haslital am letzten Arbeitstag des Jahres mit «Trycheln» (Kuhglocken) die Geister ausgetrieben. Und bereits in den Nächten zuvor sind die Männer der verschiedenen Dorfteile in Gruppen unterwegs, um die Geister mit ihrem ohrenbetäubenden Schellen der Kuhglocken das Fürchten zu lernen.

Ein ähnlicher Brauch wird jeweils am 2. Januar in Interlaken zelebriert.An der «Harderpotschete» verkleiden sich einheimische Männer und Frauen mit zotteligen Gewändern in Waldgeister und verstecken sich hinter kunstvoll geschnitzten Holzmasken. Mit grossem Getöse streifen dann diese Gestalten namens Potschen durchs Dorf, jagen den Zuschauern Angst ein und vertreiben dadurch die Wintergeister.

In Kandersteg heissen sie «Pelzmartiga», die schauerlichen Gestalten, die zwischen Weihnachten und Neujahr ihr Unwesen und damit die Mächte der Finsternis vertreiben.   Dass es im Berner Oberland keine Geister gibt, ist der beste Beweis dafür, dass diese alten Bräuche auch heute noch funktionieren ...

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