Berner Oberland News
 
Dienstag, 25. August 1998

Baufällige Wasserfassung Burglauenen wird ersetzt

Teilerneuerung des Kraftwerks Lütschental für rund 16 Millionen Franken geplant

S. Das vor gut 90 Jahren im Zuge der Elektrifizierung von Wengernalpbahn und Berner Oberland-Bahn erbaute Kraftwerk Lütschental soll mit Baukosten von insgesamt rund 16 Millionen Franken im Laufe von zweieinhalb Jahren teilweise erneuert werden. Im Hinblick auf eine Konzessionsverlängerung um weitere 80 Jahre ist namentlich die Erneuerung der baufälligen Wasserfassung in Burglauenen vorgesehen. Gesuche, Projektbeschrieb, Pläne sowie Umweltverträglichkeits- und Fachberichte können bis zum Ablauf der Auflage- und Einsprachefrist am 22. September auf dem Bauamt Grindelwald und auf der Gemeindeschreiberei Lütschental eingesehen werden.

Das im Jahr 1908 in Betrieb genommene Bahnkraftwerk Lütschental soll mit Baukosten von rund 16 Millionen Franken teilerneuert werden. – Bild: Die Wasserfassung in Burglauenen soll abgebrochen und neu gebaut werden. (Fotos: Peter Schmid)

Die Wehranlage, die Wasserfassung und die Entsanderanlage des in den Jahren 1906 bis 1908 gebauten Hochdrucklaufkraftwerks soll in zwei Etappen abgebrochen und neu erstellt werden. die Jungfraubahn AG rechnet nach Angaben von Hans Schlunegger, Vizedirektor und Leiter Technik, mit einer gesamten Bauzeit von zweieinhalb Jahren. Die nutzbare Wassermenge soll wie bis anhin sechs Kubikmeter in der Sekunde betragen, die Fallhöhe unverändert etwa 160 Meter und die maximal mögliche Leistung ab Generator 5,9 Megawatt (MW). Die Restwassermenge soll von 250 auf 400 Liter in der Sekunde erhöht und mit einer Dotierwasserturbine genutzt werden. Die Turbine, mit der die Restwassermenge geregelt wird, soll bei einer Generatorenleistung von 18,8 Kilowatt (kW) bei einer mittleren Betriebsdauer von etwa 5000 Stunden (sieben Monate) jährlich rund 80’000 Kilowattstunden (kWh) Strom liefern.

Mehr Restwasser – weniger Strom

«Die Staukote im Oberwasser und die Ausbauwassermenge des Kraftwerks Lütschental bleiben unverändert», heisst es dazu im Technischen Bericht: «Die Staukote beträgt 892,6 Meter über Meer (neu konstant) und die Ausbauwassermenge sechs Kubikmeter in der Sekunde.» Wegen der höheren Dotierwassermenge rechnet die Jungfraubahn AG mit einer um 1,1 auf 35,3 Gigawattstunden (GWh) verminderten Jahresstromproduktion. Davon entfielen auf den Winter 9,7 und auf den Sommer 25,6 Gigawattstunden. Die gesamte installierte Leistung der fünf durch Peltonturbinen angetriebenen Drehstromgeneratoren soll nach dem Umbau unverändert 5,956 Megawatt betragen.

Während an den elektomechanischen Anlageteilen in den letzten Jahren Erneuerungen und Modernisierungen vorgenommen worden seien, heisst es in einer Zusammenfassung des Projektvorhabens, seien an der Wasserfassung und am Wehr in Burglauenen keinen derartigen Arbeiten durchgeführt worden: «So zeigen diese Anlageteile auch einige Schwächen, die zum Teil auf die rund 90 Jahre Betriebsdauer und zum Teil auf das seinerzeit gewählte Betriebskonzept zurückzuführen sind.» Die Sohle der Wehranlage soll gegenüber heute um anderthalb Meter tiefergelegt werden. Die Auftriebs- und Gleitsicherheit der 16 Meter langen und 21 Meter breiten neuen Wehranlage – sie soll auf einer massiven Wehr-Bodenplatte mit einer Fundationskote von 884,2 Meter über Meer ruhen – wird laut dem technischen Bericht durch ein hohes Eigengewicht gewährleistet. Das Konzessionsprojekt basiere auf einer Hochwasserspitze von 160 Kubikmeter in der Sekunde – ein Hochwasser, mit dem theoretisch alle tausend Jahre zu rechnen sei. Grundlage der Wehrdimensionierung bilde eine Hochwasserspitze von 190 Kubikmeter in der Sekunde – ein Ereignis, das sogar nur alle zehntausend Jahre einmal eintreten dürfte. Zum Vergleich: Beim Hochwasser vom vergangenen Wochenende wurden bei der Wehranlage in Burglauenen bis zu 80 Kubikmeter in der Sekunde gemessen.

Kein Fischpass

Zumindest vorläufig sieht das Projekt keinen Fischpass beim Wehr vor: Die Vertreter des Fischereiinspektorats und der beauftragte Fischökologe stimmten überein, heisst es im Zusammenhang mit einem Bedürfnisnachweis für einen Fischpass, dass eine Forderung für die Realisierung eines Fischpasses beim Wehr im Sinne des Bundesgesetzes über die Fischerei als unverhältnismässig einzustufen sei: «Die Beurteilung der natürlichen Gefällstufen bei verschiedenen Abflusszuständen – ausgenommen bei Spitzenabflüssen – ergab, dass unter den heutigen Verhältnissen ein Aufstieg der Restwasserstrecke auch von kapitalen und leistungsfähigen Seeforellen unwahrscheinlich ist.»

Neue Anwohnerbrücke

Die bestehende Anwohnerbrücke in Burglauenen soll durch eine neue, schwerverkehrstaugliche Brücke ersetzt werden: «Die bestehende Brücke über der Lütschine genügt den heutigen Belastungen und den künftigen Projektanforderungen nicht mehr.» Die Durchfahrt für den Schwerverkehr (Löschfahrzeuge der Feuerwehr) sei heute nicht möglich, da die Brückennutzlast beschränkt sei.

Auch die Verteilleitung in der Kraftwerkzentrale Lütschental soll erneuert werden. Unser Bild zeigt vorne rechts den untersten Teil der im Jahr 1982 neu gebauten, 423 Meter langen Druckleitung mit einem Rohrdurchmesser von 1400 Millimeter. Links die alte Druckleitung, welche heute noch als Entlastungsleitung dient.

Neue Verteilleitung in Lütschental

Neben der Erneuerung von Wehranlage, Wasserfassung und Entsanderanlage in Burglauenen sind Anpassungen am Wasserschloss und – mit Investition von rund 1,1 Millionen Franken – eine Erneuerung der Verteilleitung bei der Kaftwerkzentrale in Lütschental vorgesehen. Bereits im Jahr 1982 sei die Druckleitung durch eine neue, 423 Meter lange Leitung mit einem Rohrdurchmesser von 1400 Millimeter ersetzt worden: «Die Verteilleitung zu den Turbinen (letzter Abschnitt der Druckleitung, Länge etwa 43 Meter) wurde damals nicht ersetzt und wird nun im Rahmen der Konzessionserneuerung in der ersten Bauetappe während dem Umbau der Wasserfassung erstellt.» Die neuen Durchmesser wichen nur geringfügig von den Durchmessern der bestehenden Verteilleitung ab: «Der grösste Durchmesser entspricht dem heutigen grössten Durchmesser und beträgt 1,4 Meter.» Die neue Verteilleitung soll an gleicher Stelle offen verlegt werden: «Nachdem 1982 bereits die Druckleitung des Kraftwerkes Lütschental ersetzt wurde, soll nun auch die bestehende einbetonierte Verteilleitung aus Sicherheitsgründen ersetzt werden.»

70 Prozent des Stromes für den Bahnbetrieb

Die Konzession des Kraftwerks Lütschental wurde der Jungfraubahn AG im Jahr 1905 erteilt und im Jahre 1957 um weitere 50 Jahre verlängert. Die geltende Konzession für die Nutzung der Wasserkraft der Schwarzen Lütschine zwischen Burglauenen und Lütschental läuft am 25. Januar 2005 ab und soll für weitere 80 Jahre erneuert werden.

Das Kraftwerk Lütschental wurde laut den einleitenden Ausführungen im Projektbeschrieb für die Teilerneuerung im Jahr 1908 als Bahnkraftwerk in Betrieb genommen: Die produzierte elektrische Energie sei vorerst praktisch ausschliesslich zur Stromversorgung der umliegenden Bergbahnen (Jungfraubahn, Berner Oberland-Bahn, Schynige-Platte-Bahn, Wengernalpbahn und Bergbahn Lauterbrunnen–Mürren) verwendet worden. Im Jahr 1923 habe ein Verbundbetrieb mit der BKW Energie AG realisiert werden können: «Aufgrund der hydraulischen und elektrischen Koppelung der beiden Stromversorgungsnetze (Hochspannungsnetz der Jungfraubahnen und allgemeines Versorgungsnetz der Bernischen Kraftwerke AG (BKW) kann seither gegenseitig Energie ausgetauscht und so die Nutzung des Kraftwerks Lütschental optimiert werden.» Obwohl demzufolge ein Teil des produzierten Stroms ins allgemeine Versorgungsnetz der BKW abgegeben werde, würden auch heute noch etwa 70 Prozent der jährlichen Stromproduktion des Kraftwerks Lütschental in den Bahnbetrieb im engeren – Bahnantrieb, Stationen, Werkstätten, Depots, Steuerungen und so weiter – und im weiteren Sinne – Restaurants, Kioske, Skilifte und andere Nebenbetriebe – fliessen.

Dem Kraftwerk obliege zudem der Betrieb und Unterhalt des bahneigenen Hochspannungsnetzes der Jungfraubahn-Gruppe, das von lnterlaken bis aufs Jungfraujoch reiche und vom Kraftwerk aus gesteuert und geschaltet werde: «Ausserhalb den Besetzungszeiten der Depots und Stationen ist die Kraftwerkszentrale ausserdem einzige Anlaufstelle für den Bahnbetrieb und deshalb über Zugfunk mit allen Bahnstrecken verbunden.» Aus diesen Gründen sei das Kraftwerk Lütschental weiterhin als eine Anlage zu bezeichnen, die überwiegend dem Bahnbetrieb diene und demnach der Eisenbahngesetzgebung unterstehe. Nach Abklärungen mit den zuständigen Bewilligungsbehörden werde das Konzessionsprojekt nicht durch den Grossen Rat des Kantons Bern, sondern vom Bundesamt für Verkehr (BAV) im Rahmen des eisenbahnrechtlichen Plangenehmigungsverfahrens geprüft.

Leserbrief

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