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VBS und Kanton Bern wollen Munitionsbergung prüfen Auch im Brienzersee 500 bis 600 Tonnen Altmunition deponiert ds/bns. Unabhängig davon, ob ein Zusammenhang zwischen den seit rund drei Jahren festgestellten Veränderungen an den Geschlechtsorganen der Thunerseefelchen und der auf dem Seegrund abgelagerten alten Munition nachgewiesen werden könne oder nicht sollen Ideen zur Bergung der Munition gesammelt und ausgewertet werden. Danach soll entschieden werden, ob die rund 3000 Tonnen Munition vom Seegrund geholt werden. Neuste Untersuchungen des Eidgenössischen Departementes für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) haben ergeben, dass auch im Brienzersee 500 bis 600 Tonnen Munition deponiert worden waren.
Die Munition im Brienzersee liege auf der Giessbachseite des Brienzersees jedoch mehr Richtung Brienz, verlautete im weiteren. Abgelagerte Munition liegt nach VBS-Angaben vor allem im Thunersee und Brienzersee, aber auch im Urnersee und im Walensee. Diese Deponien stammten aus den 1930er Jahren als man überflüssige Munition versenkt habe. Historische und falls notwendig technische Untersuchungen für alle Schweizer Seen sollen vertieft werden. Verschiedene Bergungsideen hätten bereits die Runde gemacht, so eine vorgeschlagene Vereisung, damit die von Sedimenten überdeckte Munition blockweise gehoben werden könnte. Sanierungen und Bergungsmöglichkeiten würden am Beispiel Thunersee in Zusammenarbeit mit dem Kanton Bern – er sei Eigentümer der Seen und Vollzugsbehörde – studiert sowie Risiken bewertet. Es müssten aber auch Risikoabwägungen gemacht werden, ob mit dem Heben von abgelagerter Munition nicht allenfalls mehr Schaden angerichtet würde. «Praktisch keine Schadstoffe» Die vor über 50 Jahren von Fachleuten des damaligen Eidgenössischen Militärdepartements (EMD) an tiefen Stellen im Thunersee ausgewählten Deponieplätze für gefährliche und nicht mehr verwendbare Munition und Explosivstoffe zeigen laut Hans Stucki vom VBS bei den heutigen Überwachungsuntersuchungen keine kritischen Ergebnisse: «Insbesondere werden praktisch keine Schadstoffe an das Seewasser abgegeben und bei den klassischen Explosivstoffen konnten auch keine Wirkungen als Umwelthormone sowohl in der Literatur als auch im Labortest aufgefunden werden.» Die wachsenden Sedimentschichten am Seegrund würden diese Munitionsmaterialien mit der Zeit immer besser und sicherer einschließen: «Es ist unwahrscheinlich, dass durch diese Munitionsdeponien eine Beeinträchtigung der Umwelt hervorgerufen werden kann.»
Im Zusammenhang mit den rätselhaften Veränderungen an den Thunerseefelchen war unter anderem die These aufgekommen dass Stoffe aus der abgelagerten Munition aber etwa auch Tunnelabwässer der Neat-Baustelle ins Seewasser gelangt sein könnten. Umweltschutzkreise verlangen eine Bergung der Munition. Ueli Ochsenbein vom kantonalen Gewässer- und Bodenschutzlabor führte zur Problematik in Zusammenhang mit der Neat-Baustelle, bei 27 Kilometer Tunnelausbruch brauche man 200 Kilogramm Sprengstoff pro Sprengung (Vortrieb vier Meter, insgesamt 1300 Tonnen Sprengstoff. Dabei gebe es fünf Prozent Verluste, da nicht der ganze Sprengstoff umgesetzt werde. Das gehe ins Tunnelabwasser, werde aber im Auffangbecken mit Flockung und Sedimentation gereinigt und neutralisiert. Deshalb werde öfters kontrolliert: «Wenn Daphnien nach 24 Stunden noch schwimmen ist keine toxische Wirkung vorhanden. «
40 Prozent der geschlechtsreifen Felchen im Thunersee – der Fischbestand bestehe zu 90 Prozent aus Felchen – weisen nach Angaben von Fachleuten Veränderungen der Geschlechtsorgane auf. Dabei seien bei allen drei vorkommenden Felchenformen (Albock, Brienzlig und Kropfer) weibliche und männliche Tiere betroffen. Das Fischfleisch zeige keinerlei Veränderungen in Farbe und Beschaffenheit und sei deshalb weiterhin zum Konsum zugelassen. Im Brienzer- und Bielersee sind bis heute keine ähnlichen Erscheinungen aufgetreten. Fischereiinspektor Peter Friedli sieht die Felchen im Bestand nicht bedroht, da sie sich trotz Veränderungen weiterentwickelten und so auch die Berufsfischer weiterexistieren könnten. – An Folgerungen und laufenden Aktivitäten wurden an der Medienorientierung in der Fischzuchtanstalt Faulensee aufgeführt: – Die Ursachen für die Gonadenveränderung schienen chronischer Natur zu sein. Ein einmaliges Ereignis könne ausgeschlossen werden: «Ebenso kann die Bewirtschaftung respektive die Fischzucht als Ursache ausgeschlossen werden.» – Eine Beeinträchtigung der Felchen als Nahrungmittel liege nicht vor: «Der Konsum der Thunerseefische ist nach wie vor bedenkenlos.» – Weder die Bestände noch die genetische Basis der Thunerseefelchen seien durch die Deformationen im Moment beeinträchtigt. Veränderungen in der Bewirtschaftung (Besatz und Ertrag) zeichneten sich keine ab.
– Seit Dezember 2002 sei der Versuch gestartet, erstmals Felchen bis zur Geschlechtsreife in der Fischzucht aufzuziehen. Eier aus dem Brienzer-, Thuner- und Bielersee würden mit Thunerseewasser erbrütet und die Brütlinge nun mit demselben Wasser aufgezogen. Eine Referenzprobe mit Thunerseefischen werde am Urnersee aufgezogen. – Am 21. Mai 2003 habe die Berner Regierung das Projekt «Ursachenermittlung Gonadenveränderung Thunerseefelchen» beschlossen und die dafür nötigen Kredite gesprochen. Der Kanton Bern werde dabei vom Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) und vom VBS unterstützt. – Am 31. Juli 2003 wird das Gesuch eingereicht an den Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, die Wirkung hormonaktiver Stoffe als Ursache für die Gonadenmissbildungen zu untersuchen. - Es sei vorgesehen, unter Mithilfe der betroffenen Nachbarkantone den Neuenburger- und den Urnersee als Vergleichsgewässer in die Untersuchungen mit einzubeziehen: «Im Ursachenbereich ist es nötig, prioritär potentielle Auslöser zu überprüfen, die an anderen Seen nicht vorkommen.» – Im Zusammenhang mit den Munitionsdeponien im See habe das VBS im Sommer 2003 mit Untersuchungen über die im Wasser gelösten Sprengstoffe begonnen. Deren Gefährdungspotential für Wasserlebewesen werde in einer Risikoanalyse abgeklärt. – Das Gewässer- und Bodenschutzlabor des Kantons Bern (GBL) habe in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (EAWAG) und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau Wädenswil (FAW) im Sommer 2003 mit Abklärungen über die Belastung der Kander und des Thunersees durch Abwässer aus der Neat-Baustelle begonnen. Erste Ergebnisse: In den Tunnelabwässern konnten bisher weder Sprengstoffrückstände auf Basis des Sprengstoffs Trinitrotoluol (TNT) noch andere organische Schadstoffe nachgewiesen werden. Noch schwierig zu interpretieren seien die Resultate der ergänzend durchgeführten ökotoxikologischen Untersuchungen des Tunnelabwassers (die Proben zeigten teilweise toxische Wirkungen). Diese Untersuchungen würden daher fortgesetzt. – An die Nationale Fischuntersuchungsstelle sei der Auftrag erteilt worden, die Gonadenentwicklung aus dem Aufzuchtversuch über die gesamte Versuchsdauer von drei Jahren makroskopisch und histologisch mitzuverfolgen und fotografisch festzuhalten, ob wie und in welcher Phase Gonadenveränderung auftreten. – Seit dem Jahr 1984 würden an den drei Berner Seen (Brienzer-, Thuner- und Bielersee) durch Mitarbeiter des Fischereiinspektorates monatlich 25 Felchen beprobt. Erhoben würden Angaben zu Felchenform, Alter, Geschlecht. Länge und Gewicht, im Thunersee seit Februar 2001 auch mit Beschreibung der Geschlechtsorgane. Das Ergebnis wird als Routineprogramm für fischereibiologische und -wirtschaftliche Fragen mit einzigartiger Zeitreihe bezeichnet. – Die Nationale Fischuntersuchungsstelle in Bern (Nafus) habe im Auftrag des Fischereiinspektorates einen Bericht über das Phänomen der Veränderungen erstellt. Das Ergebnis: Fotografische Dokumentation und Beschrieb über das Aussehen und die Histologie der Missbildungen. – Thunerseefelchen seien an einer Fortbildungstagung aller schweizerischen Fischereiaufseher an der Universität Zürich-Irchel im August 2001 seziert worden, mit dem Ziel, die Kursteilnehmer mit den Missbildungen der Geschlechtsorgane bekannt zu machen. Das Ergebnis: Bisher seien die Deformationen in ihrer Häufigkeit an keinen anderen Schweizerseen beobachtet worden. – Abklärungen, ob im Thunersee andere Fischarten betroffen seien hätten ergeben, dass Äschen und Seesaiblinge nicht betroffen seien. – Im August 2001 seien erste Erbrütungsversuche mit der Felchenform «Brienzlig» in der Fischzuchtanlage Reutigen durchgeführt worden. Das Ergebnis: «Erstmalige Sommererbrütung einer bisher nicht gezüchteten Felchenform konnte erfolgreich abgeschlossen werden. – Ein privater Auftragnehmer habe im Auftrag des Fischereiinspektorates eine Literaturrecherche durchgeführt. Das Ergebnis: Bericht «Situationsanalyse» mit Empfehlungen zum möglichen weiteren Vorgehen. – Das Gewässer- und Bodenschutzlabor (GBL) führe regelmässig Untersuchungen (physikalisch, chemisch, biologisch) in den bernischen Seen und Fliessgewässern durch. Das Ergebnis: «Weder die chemisch-physikalischen noch die biologischen Untersuchungen des Thunersee zeigen in den letzten Jahren Veränderungen der Wasserqualität und der Zusammensetzung des Planktons.» – Vergabe eines Auftrages an ein spezialisiertes Labor in Karlsruhe (Deutschland) zur Untersuchung verschiedener natürlicher und synthetischer Östrogene (Hormone) durch das GBL. Das Ergebnis: Im Thunerseewasser hätten keine derartigen Verbindungen nachgewiesen werden können. – Auftrag des GBL an die Eawag, Oberflächen- und Tiefenwasser aus dem Brienzer-, Thuner- und Bielersee auf Östrogenität zu untersuchen (Hefetest). Das Ergebnis: «Die untersuchten Proben zeigten keine östrogene Wirksamkeit.» – Im Zeitraum Herbst 2001 bis Januar 2002 seien durch das GBL Untersuchungen an Wasserproben aus dem Auslauf des Thunersees auf verschiedene Parameter (zirka 70 Pestizide und 60 Industriechemikalien) durchgeführt worden. Das Ergebnis: «Die Qualität des Thunerseewassers ist bezüglich der untersuchten Chemikalien als ausserordentlich gut einzustufen; die Analysenergebnisse lagen für die einzelnen Stoffe unterhalb der analytischen Bestimmungsgrenzen.» – Im Dezember 2001 sei die Fruchtbarkeit der winterlaichenden Felchen im Thunersee erstmals untersucht worden. Das Ergebnis: «Weder die Spermienmenge und deren Qualität noch die Eimengen scheinen von den Deformationen beeinflusst zu sein; eine massive Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit kann im Moment ausgeschlossen werden, was auch der Bruterfolg beweist.» – Während der Laichzeit 2001 sei geprüft worden, ob auch der nachfolgende Felchenjahrgang von den Deformationen betroffen ist. Ergebnis: «Ja, die Missbildungen sind nach wie vor in unveränderter Häufigkeit feststellbar.» – Die Fachleute der Nafus hätten die Resultate der bisherigen Untersuchungen im Sommer 2002 am Internationalen Kongress für Felchenfachleute in Rovaniemi (Finnland) vorgestellt. Das Ergebnis: «Fischexperten aus aller Welt werden sensibilisiert und motiviert, bei einer anfälligen Ursachenermittlung mitzuwirken.» Munitionsdeponien in Schweizer Seen Zum Stand der Untersuchungen über Missbildungen bei den Thunerseefelchen wurde in Faulensee daran erinnert, dass im Jahr 1992 vom damaligen EMD-Chef Bundesrat Kaspar Villiger entschieden worden sei, die Umweltfragen und Umweltprobleme im Departement genau zu überprüfen. Als eine dringende Angelegenheit sei dabei die Risikobeurteilung der Munitionsdeponien in Seen bezeichnet. Die anschliessend in dem am stärksten belasteten Thunersee durchgeführten Untersuchungen hätten die folgenden Resultate (Bericht von 1995) ergeben: – Es gebe zwei Deponien in der Seemitte bei Merligen und bei der Beatenbucht, in einer Tiefe von gut 200 Meter. Das Material von 3000 Tonnen liege auf einer Fläche von zweimal zwei Quadratkilometern stückweise verteilt. – Die Analyse von Wasserproben vom Seegrund hätten gezeigt, dass keine erhöhten Schwermetallgehalte feststellbar und keine Sprengstoffe analysierbar seien. – In den Sedimenten am Seegrund seien keine Verunreinigungen durch Schwermetalle oder Sprengstoffe feststellbar – Der Sprengstoff Trinitrotoluol (TNT) habe den grössten Anteil (zirka 500 Tonnen) unter den Explosivstoffen in der Munition in den Deponien. – TNT und seine Umwandlungsprodukte hätten vermutlich das grösste toxische Potential bei den Munitionsmaterialien im Thunersee. – TNT besitze eine «mittlere» Toxizität und Gefährlichkeit, sei jedoch nicht «hochgiftig» wie Arsen, Blausäure, Chlordioxine oder chemische Kampfstoffe. Die Risiken des Sprengstoffes TNT und des früher in der Landwirtschaft häufig verwendeten Atrazins seien einigermassen vergleichbar und lägen in derselben Grössenordnung.
Unter den Nachweisgrenzen Das Fazit einer weiteren Untersuchung im Jahr 2003: TNT, seine Abbauprodukte und weitere Sprengstoffe seien im Thunersee nicht nachweisbar, das heisst sie lägen unter den neuen Nachweisgrenzen von zehn Nanogramm pro Liter, was meinem entspricht einem Wert von 100 Kilogramm im ganzen Thunersee aufgelöst entspreche. Anlass zur Untersuchung seien bessere Analysenmethoden, tiefere Nachweisgrenzen für Sprengstoffe, neue Erkenntnisse und Prüfmöglichkeiten zur Wirkung von Stoffen als Umwelthormone sowie Probleme bei den Thunerseefelchen gewesen: «In neuen Labortests auf östrogene, antiöstrogene, androgene und antiandrogene Wirkungen sind bei diesen Stoffen keine Aktivitäten feststellbar.» Die Verrottung der Munition und eine mögliche Freisetzung von Schadstoffen habe anhand des Zustandes von verschiedenen Munitionsteilen beurteilt werden, die nach 30 Jahren Ablagerung im Thunersee geborgen wurden. Im weiteren wurde festgestellt, auf dem Grund des Thunersees wachse jährlich eine neue Sedimentschicht von durchschnittlich fünf Millimeter heran. Es seien dies die feinen Mineralteilchen der Zuflüsse, die sich zuerst über den ganzen See ausbreiteten, bevor sie dann langsam absänken: «Diese Ton- und Lehmschicht, die die Munitionsdeponien heute etwa 25 Zentimeter überdeckt, hat eine schlechte Durchlässigkeit für Wasser und mitgeführte Stoffe und behindert so den Austritt von Stoffen in das Seewasser mit zunehmender Dicke immer stärker.» Das Fazit: «Die Stoffe der Munition werden mit zunehmendem Alter in der Sedimentschicht immer besser eingeschlossen.»Aktuelle Frontpage Berner Oberland News (www.beo-news.ch) Archiv vom 4. Mai 1996 bis Ende des vergangenen Monats Herausgegeben von Peter Schmid, Freier Journalist, Kreuzli, CH-3852 Ringgenberg |
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