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Sonntag, 19. September 2004 |
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| Gehörlose Jugendliche aus London auf den Spuren von Sherlock Holmes in Meiringen. (Bilder Dora Schmid-Zürcher) |
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Oak Lodge School London auf den Spuren von Sherlock Holmes
ds/os/pvr. Neun gehörlose Jugendliche aus London, begleitet von vier Lehrkräften sind am Sonntag in Meiringen im Rahmen eines einwöchigen Aufenthalts im Berner Oberland auf den Spuren von Sherlock Holmes gewandelt. Bereits zum elften Mal haben die Rotary-Clubs von Interlaken und London gemeinsam einen Aufenthalt im Berner Oberland für Schüler der Oak Lodge School organisiert. Die Rotarier sponsern seit 1980 alle zwei oder drei Jahre solche Aufenthalte für Schülergruppen. Mit Gebärdensprache erklärt Lehrer Mark Schofield im Museum seinen Schülern das Zimmer von Sherlock Holmes.
Nach der Begrüssung der Gruppe durch «Alpenregion»-Tourismusdirektorin Katrin Lüthi und einer Kurzinformation über Sherlock Holmes mit Filmvorführung im Parkhotel du Sauvage informierte am Sonntagvormittag Sauvage-Direktor Stefan Röösli über die Herkunft der Süssspeise Meringues. Parallel zur anschliessenden Besichtigung des Sherlock-Holmes-Museum offerierte die Williger Versandbäckerei Frutal den Londoner Besuchern Meringues. Danach standen eine
Fahrt zur Talstation der Reichenbachfallbahn und ein Besuch der Stelle, wo der britische Detektiv Sherlock Holmes beim letzten und schicksalhaften Zusammentreffen im Kampf mit seinem Erzfeind, dem Schurken Professor Moriarty am 4. Mai 1891 in die rauschende Tiefe zu Tode stürzte sowie nach dem Mittagessen eine Besichtigung der Aareschlucht auf dem Programm. Begleitet wurden die Kinder in Meiringen durch Walter Tännler, Programmpräsident des Rotary-Clubs Interlaken, Tom Loftus, Hauptorganisator und Präsident des Londoner Rotary-Clubs, Albert Kunz, Mitbegründer des Sherlock-Holmes-Museums in Meiringen und ehemaliger Direktor der Schweizerischen Tourismuszentrale, Hauptsponsorin Penny Spaears, Witwe eines Londoner Rotary-Club-Mitgliedes sowie von einigen Mitgliedern des Rotary-Clubs London die seit Freitag ebenfalls im Berner Oberland weilen.
Gruppen-Erinnerungsbild mit Sherlock Holmes. An der Statue oder mit ihr in Zusammenhang stehend – siehe auch Sherlock Holmes war nicht etwa mit dem Velo da ... vom Dienstag, 27. März 2001 – sind versteckte Hinweise angebracht, welche aus einer der sechzig Sherlock-Holmes-Geschichten stammen.
Kein reiner Ferienaufenthalt
Seit vergangenen Dienstag haben die neun 15- bis 16jährigen Schüler und ihre vier Lehrer ein abwechslungsreiches Programm absolviert. Unter anderem nahmen sie als Gäste an einer Grillparty in Wilderswil teil, waren auf der Pfingstegg in Grindelwald, machten einen Stadtbummel in Bern und besichtigten den Tierpark Dählhölzli und den Bärengraben, ferner die Glasfabrik Sarner Cristal in Uetendorf und fuhren aufs Jungfraujoch. Abgeschlossen wird diese Woche wie in früheren Jahren durch einen Abend auf dem Harder und am Dienstag fliegen die die Gäste wieder zurück nach London. Organisiert wurde das Programm im Berner Oberland hauptsächlich durch Barbara Wyler vom Rotary-Club Interlaken. Die Ausflüge und die Verpflegung werden durch den Rotary-Club Interlaken, der Flug und die Unterbringung im Hotel durch den Rotary-Club London finanziert. Diese Woche in der Schweiz soll aber kein reiner Ferienaufenthalt sein, sondern die gehörlosen Schüler erarbeiteten nach den Ausflügen Aufsätze und genössen auch einen gewissen schulischen Unterricht. Die ausgewählten Kinder haben sich nach Angaben der Veranstalter bereits durch aktives Engagement und Integration in der Schule bemerkbar gemacht. Ein grosser Nachteil für diese Kinder sei, dass viele ihrer Familien die englische Sprache nicht beherrschten und die Jugendlichen nur in der Schule in englischer Gebärdensprache miteinander kommunizieren könnten.
Lehrer Mark Schofield übersetzte die Ausführungen von Albert Kunz, Mitbegründer des Sherlock-Holmes-Museums in Meiringen und ehemaliger Direktor der Schweizerischen Tourismuszentrale in Gebärdensprache.
«Quasi eine Lebensschule»
Die Schüler, die zum ersten Mal London verlassen hätten, noch nie geflogen seien und nie in einem Restaurant gegessen hätten verhalten sich nach Aussage von Albert Kunz sehr diszipliniert und angepasst. Die Lehrer würden in der Schule niemals so viel über ihre Schützlinge erfahren wie in dieser Woche im Berner Oberland: «Die gehörlosen Schüler sind nach dieser Woche auch sehr viel offener und selbstständiger, sie haben viel mehr Vertrauen und diese Reise ist für sie quasi eine Lebensschule.» Die Woche öffne auch die Sinne der Kinder und sie lernten vieles beobachten. Viele stammten aus ärmlichen Verhältnissen und wohnten zum Teil bei ihren Familien, zum Teil aber auch in der Schule. Die Oak Lodge School sei eine vom Staat und von den Gemeinden unterstützte Schule, die sich aber durch Sammeln bei wohltätigen Organisationen zusätzlich Gelder beschaffen müsse.
«Unglaublich und überwältigend»
Die Oak Lodge School ist laut ihrem Rektor Peter Merrifielde eine «sehr spezielle» Spezialschule: Alle ihre Schüler seien von Geburt an taub und hätten deswegen mehrheitlich die Sprache und das Lippenlesen als entwicklungsfähige Deutung der Kommunikation nicht entwickeln können: «Wir benutzen Gebärdensprache um den Kindern das Kommunizieren und Lernen zu ermöglichen, aber visuelle Bilder sind lebendig; ein Berg ist nur die Vorstellung eines Lehrers bis du einen gesehen hast.» Taubheit werde als meist isolierende Behinderung bezeichnet. Weitere gleich schlimme Folgen seien unter anderem ein stark limitiertes Weltwissen, Mangel an Selbstwertgefühl und Schwierigkeiten bei der Kommunikation selbst mit ihren eigenen Familien: «Taube Kinder lernen durch das Sehen, und während Bücher, Computer und Bilder unschätzbar wertvoll sind, gibt es dennoch keinen Ersatz für reelle Erlebnisse.» Viele Oak-Lodge-Schüler seien Flüchtlinge. 80 Prozent stammten aus einem Hintergrund mit ethnischer Minderheit, 35 Prozent erlebten zuhause Missbräuche, 20 Prozent seien Zeuge von traumatischer Gewalt geworden – entweder zuhause oder in ihrem Herkunftsland und für die meisten sei der Gedanke an Ferien völlig fremd. Die Vorstellung, dass ihnen komplett unbekannte Leute in einem anderen Land helfen möchten, ihnen eine schöne Zeit ermöglichen wollten, ihnen eventuell eine heisse Schokolade bezahlten bezeichnete der Schulleiter aus London als unglaublich und überwältigend. Für die Teilnehmer sei der Aufenthalt im Berner Oberland eine lebenslange Erinnerung und eine sehr reelle Quelle, nicht nur des Lernens, sondern einer extremen Steigerung des Selbstbewusstseins. Für ein paar junge Leute sei dies das Fundament, auf welchem sie erfolgreiche Karrieren aufbauen könnten. Interessanterweise seien es nicht nur die Teilnehmer, welche profitiert hätten – die gesamte Schule habe durch die Hilfe der Rotarier gewonnen. Merrifield zitierte einen älteren Schüler, wie er zu einem neuen und sehr frechen Jungen gesagt habe: «Früher verhielt ich mich genau wie du, aber dann wurde ich etwas vernünftiger, fuhr in die Schweiz und wurde sehr vernünftig; du änderst dich besser, oder du wirst nie dorthin gehen.» Das Erlebnis Schweiz beeinflusse jeden: «Ich kann die Profite dieses Wagnisses, welche es auf Generationen von jungen gehörlosen Leuten aus London über die vergangenen 24 Jahre hatte gar nicht überschätzen.» Ex-Schüler, welche die Schule vor 15 Jahren verlassen hätten, sprächen immer noch über die Erfahrung Schweiz als wäre es erst gestern gewesen.
Herausgegeben von Peter Schmid, Freier Journalist, Kreuzli, CH-3852 Ringgenberg
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