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Freitag, 14. Januar 2005
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Amphibienwanderung Burgseeli: Versuchsweise ohne Fangzaun?
pvr. Die Zahl der auf ihren Laichwanderungen zum Burgseeli und zurück in ihren Landlebensraum von Ringgenberger Schülern und weiteren freiwilligen Helfern geretteten Amphibien ist in den letzten Jahren laufend zurückgegangen. Weil im Frühjahr 2004 insgesamt nur noch weniger als hundert Tiere gefangen und über die Strasse getragen werden konnten, wird erwogen, versuchsweise auf das aufwendige Aufstellen und Betreuen des Fangzaunes zu verzichten.
Der Ringgenberger Primarlehrer Alfred Wyss, vor 14 Jahren Initiant und seither Koordinator der alljährlichen Amphibien-Rettunsgsaktion beim Aufstellen von Warntafeln, welche die Automobilisten auf die Laichwanderungen zum Burgseeli aufmerksam machen sollen. (Archivbilder Peter Schmid)
Als mögliche Alternative hat Beatrice Lüscher, die kantonalbernische Regionalvertreterin der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (KARCH), in einem Schreiben an die Schule Ringgenberg vorgeschlagen, im Jahr 2005 versuchsweise auf das aufwendige Aufstellen und Betreuen des Fangzaunes zu verzichten und stattdessen die Tiere in den Krötenwandernächten durch Helfer entlang der Strasse aufzusammeln und über die Strasse zu tragen. Auch der Hauptinitiant der Ringgenberger Amphibienrettungsaktion, Primarlehrer Alfred Wyss zweifelt daran, dass in diesem Frühjahr nochmals Fangzäune aufgestellt werden. Er rechne aber damit, bestätigte er auf Anfrage, dass voraussichtlich im Februar an Ort und Stelle bei einer Begehung von der Koordinationsstelle vorgeschlagene Massnahmen diskutiert und für die Tiere funktionierende Lösungen gefunden werden könnten, mit denen alle Beteiligten einverstanden seien. Im Herbst 2005 könnte dann über die Massnahmen Bilanz gezogen und das weitere Vorgehen diskutiert werden. Auch Beatrice Lüscher hofft, «dass wir gute Lösungen für die Kröten sowie vom Aufwand her vertretbare Lösungen für die Helfergruppe finden».
Amhibienrettungsaktion am Burgseeli im Teamwork.
Immer weniger eingefangene Tiere
Wyss hatte im vergangenen September die Koordinationsstelle für Amphibien und Reptilienschutz um eine Stellungnahme gebeten, ehe die Rettungsaktion allenfalls endgültig aufgegeben würde. In dem Schreiben wies Alfred Wyss darauf hin, seit dem Jahr 1991 seien im Frühling regelmässig Fangzäune aufgestellt worden, um die beim Überqueren der Hauptstrasse gefährdeten Kröten und Frösche zu retten. Die Zahl der eingefangenen Tiere habe laufend abgenommen. Nun seien aber die Zahlen im Frühjahr 2004 mit gesamthaft weniger als hundert geretteten Tiere nochmals rückläufig gewesen: «Wir sind beim Überlegungspunkt angekommen, wo wir uns fragen, wie weiter?» Für die Schulkinder sei es zunehmend frustrierend gewesen, jeden Morgen die ganze Strecke abzuschreiten, in jeden Eimer zu schauen – doch ohne «Erfolg». Vielmals habe sich kein einziges Tier blicken lassen: «Wenn erwachsene Helfer abends die Strecke ablaufen, mussten auch sie mehrheitlich «Nullresultate» ins Statistikblatt eintragen.» Auch für sie höre die Erbauung und Bereitschaft, sich zu engagieren, langsam auf: «Der Arbeitsaufwand für das Aufstellen und Abbauen dieses über einen Kilometer langen Zaunes ist jeweilen gross.»
Ein weibliches Exemplar der zum Burgseeli gewanderten Erdkröten. Die Weibchen sind wesentlich grösser als männliche Tiere.
«Massaker auf der Strasse verhindert»
In einem Antwortschreiben – mit Kopie an den Gemeinderat von Ringgenberg – dankte die Koordinationsstelle für Amphibien und Reptilienschutz Alfred Wyss und seinen Helfern «für ihren grossen und wertvollen Einsatz im Amphibienschutz seit 1991». Dabei hätten sie über 10'000 Erdkröten die Wanderung an ihr Fortpflanzungsgewässer ermöglicht und ein Massaker auf der Strasse verhindert: «Während der letzten Jahre sind die Zahlen der geretteten Erdkröten am Burgseeli leider stark zurückgegangen.» Im besten Fall hätte nach Einschätzung der Koordinationsstelle ein Teil der Kröten vom Burgseeli ihren Landlebensraum Richtung See verschoben, «so dass sie die Strasse nicht mehr überqueren müssten auf der Anwanderung und so bei der Rettungsaktion nicht mehr erfasst worden wären». Starke Populationsschwankungen der Erdkröte seien jedoch von anderen Standorten bekannt, ebenso starke Rückgänge in mehreren Populationen: «Ob es sich am Burgseeli um eine Lebensraumverlagerung, um eine langzeitige Populationsschwankung oder tatsächlich um einen Rückgang handelt, können wir nicht sicher beurteilen; die Daten deuten aber am ehesten auf einen Rückgang hin.» Die Gründe dafür seien nicht bekannt: «Mehrere Faktoren könnten zusammenwirken, zum Beispiel die Überbauung der Gewerbezone, ein Hindernis zwischen Landlebensraum (Wald, Gebüsch) und Fortpflanzungsgewässer (Burgseeli), oder auch Veränderungen am Burgseeli selbrt (eventuell Krebsbesatz) oder aber auch klimatische, Faktoren.»
Die paarungslustigen Männchen springen auf die Weibchen und lassen sich zum Laichgewässer tragen. Doch die Wanderzeit – siehe auch Krötenwanderung: Im Huckepack zur Hochzeitsnacht – ist für die Tiere gefährlich geworden. (Bild Pro Natura/zvg)
Vorübergehend Tempo 30?
Aufgrund der stark rückgängigen Fangzahlen ist die Koordinationsstelle für Amphibien und Reptilienschutz laut ihrem Schreiben von Ende Oktober vergangenen Jahres damit einverstanden, im Jahr 2005 versuchsweise auf das aufwendige Aufstellen und Betreuen des Fangzaunes zu verzichten: «Als Alternative sollen in den Krötenwandernächten Helfer entlang der Strasse die Tiere aufsammeln und über die Strasse tragen.» So könne man auch die Entwicklung der Wanderaktivitäten grob weiterverfolgen und jeweils entscheiden, welche Massnahmen in den nächsten Jahren angebracht seien: «Um einerseits das Massaker an der Strasse möglichst gering zu halten, andererseits die Helfer nicht zu gefährden, sollte in den Wandernächten die Froschwanderung signalisiert werden und eine temporäre Geschwindigkeitsbeschränkung auf 30 bis höchstens 40 Stundenkilometer eingeführt werden; bei höheren Geschwindigkeiten sterben Kröten durch die Druckwelle eines Autos auch, wenn sie nicht direkt vom Rad getroffen werden.» Falls möglich sollte nach Auffassung der Koordinationsstelle oberhalb der Strasse ein Ersatzweiher gebaut werden: «So hätten die Kröten eine Möglichkeit, sich fortzupflanzen ohne vorher die Strasse zu überqueren.» Gerade in den ersten Jahren werde es jedoch immer noch einzelne Tiere geben, die Richtung Burgseeli über die Strasse wanderten.
Abgesehen von der Strasse sieht die KARCH-Regionalvertreterin Beatrice Lüscher weitere Gefahren für die anwandernden Erdkröten – Gefahren, die unbedingt entschärft werden sollten: «Zwei uns bekannte Gefahrenquellen im Gebiet sind der Lochbachkanal und der Geschiebesammler Anhöhe.» Gerieten Kröten (oder andere Kleintiere) in diese Becken, blieben sie darin gefangen und könnten nicht mehr zu ihrem Fortpflanzungsgewässer: «Es wäre unbedingt notwendig, den Tieren eine gut funktionierende Ausstiegmöglichkeit anzubieten.»
«Rege Bautätigkeit und Uneinigkeit mit dem Landwirt» Bemerkungen von Alfred Wyss zur Statistik der Amphibienwanderung Burgseeli Ringgenberg-Goldswil (siehe untenstehende Tabelle):
– Nachdem wir feststellten, wie vom Burgseeli an milden Regenabenden im April die Rückwanderung auch in Massen erfolgte, entschlossen wir uns im Jahr 1995 erstmals, auch für diese Tiere einen Zaun zu erstellen.
– Auch wenn die Wanderbewegungen bis Mitte Mai noch nicht ganz abgeklungen sind, müssen die Zäune aus Rücksicht auf die Landwirtschaft zu diesem Zeitpunkt abgebaut werden.
– Der anfänglich hinter der Gewerbezone «Tormatta–Lengematta» aufgestellte Zaunsektor konnte schliesslich wegen der regen Bautätigkeit und Uneinigkeit mit dem Landwirt nicht mehr aufgestellt werden.
– Die Statistik zeigt eine rückläufige Tendenz. Was mögen die Ursachen sein? Es ist wohl schwierig, eindeutige Begründungen zu liefern. Die ersten Statistikjahre belegen, dass gerade am Zaunabschnitt zwischen Parkhotel und Lochstrasse sehr viele Tiere eingefangen wurden. Diese suchen sich nun wohl einen Weg zwischen den Gebäuden durch oder umgehen die «Hindernisse» in östlicher Richtung. Andererseits wurde uns von verschiedenen Seiten immer wieder bestätigt, es seien kaum noch überfahrene Tierkadaver auf der Strasse zu -sehen.
– Im Burgseeli gebe es seit einigen Jahren wieder Krebse. Ob die eine besondere Vorliebe für Frosch- und Krötenlaich oder junge Tiere haben? Offenbar wird das Phänomen von Populationsschwankungen auch anderswo festgestellt. Am Fernsehen wurde kürzlich eine Reportage über die Fangzäune am Burgäschisee gezeigt. Dort wird seit einigen Jahren eine ähnliche Tendenz festgestellt. Selbst Biologen können dafür keine umfassenden Erklärungen liefern.
– Die Kinder sind trotz der rückläufigen «Erfolge» nach wie vor von dieser Hilfsaktion überzeugt, finden die Aufstellung des Schutzzaunes nötig und sinnvoll und helfen mit Begeisterung mit.
Wanderung zum Burgseeli |
Rückwanderung |
Jahr |
Kröten |
Frösche |
Molche/Unken |
Total |
Kröten |
Frösche |
Molche/Unken |
Total |
| 1991 |
|
|
|
1655 |
|
|
|
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| 1992 |
|
|
|
1168 |
|
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| 1993 |
|
|
|
1219 |
|
|
|
|
| 1994 |
|
|
|
1276 |
|
|
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|
| 1995 |
|
|
|
1090 |
|
|
|
* 181 |
| 1996 |
|
|
|
1307 |
|
|
|
376 |
| 1997 |
|
|
|
867 |
|
|
|
247 |
| 1998 |
|
|
|
670 |
|
|
|
162 |
| 1999 |
694 |
65 |
3 |
762 |
106 |
28 |
2 |
136 |
| 2000 |
191 |
79 |
8 |
278 |
35 |
12 |
|
47 |
| 2001 |
204 |
28 |
30 |
262 |
44 |
1 |
|
45 |
| 2002 |
125 |
92 |
15 |
232 |
107 |
24 |
7 |
138 |
| 2003 |
164 |
21 |
|
185 |
42 |
15 |
1 |
58 |
| Total |
1378 |
285 |
56 |
10'971 |
334 |
80 |
10 |
1390 |
* Rückwanderungszaun erstmals aufgestellt.
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