Gesucht: Alle Tellensöhne dieser Welt Im Gedenken an Friedrich Schiller laden die Tellspiele Interlaken die Tellensöhne dieser Welt – das heisst alle die ob gross oder klein, ob als Walter oder als Willi, in Schillers Wilhelm Tell auf der Bühne gestanden haben – an die Premiere vom 23. Juni 2005 nach Interlaken ein.
Gruppenbild mit der Tell-Bronzestatue der Genfer Künstlerin Anita Maria Gehler beim Eingang zum Tellspielareal in Matten bei Interlaken. Modell gestanden beziehungsweise gesessen hatte seinerzeit der Kugelstossweltmeister Werner Günthör.
ds/bns. 200 Jahre seit dem Tod von Friedrich Schiller (1759 bis 1805) werden von den Tellspielen Interlaken als guter Grund bezeichnet, dem Schöpfer von Wilhelm Tell in aller Würde zu gedenken. Ohne ihn gäbe es das Tellspiel in dieser Form nicht, obwohl der Stoff auch andere Schriftsteller und Dramaturgen beschäftigt hat oder hätte, verlautete an einer Medienorientierung: «Ob es jedoch gelungen wäre ähnliche Erfolge zu feiern wie sie Schillers Tell auch 200 Jahre nach seinem Tod beschieden sind, bleibt offen.» Gedenktage könnten auch Danktage sein – Interlaken habe Friedrich Schiller zu danken und wie: Seit dem Jahr 1912 werde Wilhelm Tell auf der weiten Naturbühne gespielt und mehr als 1200 Aufführungen seien über die Bühne gegangen: «Bald werden es zwei Millionen Zuschauer sein, die sich den Klassiker als Freilichttheaterproduktion angeschaut haben; dabei werden ihnen die Tellbuben als wohl bekannteste Nebenrollen viel Freude bereitet haben.»
Sieh den Hut dort auf der Stange ... (Bilder Dora Schmid-Zürcher)
Und diese Tellbuben würden nun gesucht: «Viele von ihnen, die in Interlaken gespielt haben, kennen wir.» Als Beispiel für einen Tellensohn-Darsteller nannte Tellspiele-Medienchef Peter Wenger den bekannten Schweizer Schauspieler Christian Kohlund. Die Liste des Tellspielvereins reiche bis ins Jahr 1931 zurück: «Doch unsere Suche gilt nicht nur ihnen, nein wir halten Ausschau nach allen Tellbuben auf der ganzen Welt. Auf welcher Bühne auch immer, ob als Theater in der Schule oder in einem ‹Grossen Haus› – alle möchten wir sie an unsere Première 2005 nach Interlaken einladen.»
Die Tellspiele Interlaken hätten am 23. Juni ein paar hundert Plätze für ehemalige Tellbuben samt Begleitung reserviert: «Wer einen solchen Knaben kennt oder selber in dieser Rolle aufgetreten ist, möge sich doch bei den Tell-Freilichtspielen in Interlaken melden; sie werden alle eine Einladung erhalten.» Der grosse Abend beginne um 18 Uhr mit dem mittelalterlichen Vorprogramm «Tellwelt» und ende nach der Premièrenvorstellung bei einem gemütlichen Treffen aller Tellbuben.
Regisseurin Monika Wild und Medienchef Peter Wenger.
Wieder mit «Tellwelt»
Zu Ehren der Uraufführung vor 200 Jahren – siehe auch Tellspiele Interlaken erstmals mit eigens komponierter Musik vom Freitag, 25. Juni 2004 – sei auf die Spielsaison 2004 hin erstmals ein «Tellwelt» inszeniert worden, wurde an der Medienorientierung erinnert: «Das Ziel war, all den Besuchern, welche vor dem Spiel an einer Führung hinter die Kulissen teilnahmen, die freie Zeit vor der Aufführung auf amüsante Weise zu vertreiben.» Der Applaus sei den Spielern sicher gewesen. Das Vorprogramm werde zum festen Programmpunkt und gehe so auch in diesem Jahr über die Bühne.
In einem mittelalterlichen Markt würden an den vielen Ständen altes Handwerk gezeigt und Speisen und Getränke feilgeboten. Zur Unterhaltung und Belehrung trete auf einer Gauklerbühne eine fahrende Theatergruppe mit verschiedenen zeitgenössischen Darbietungen zum Thema Wilhelm Tell auf. Unterstützt würden sie durch Bänkelsänger und Geschichtenerzähler. Auf die kleinen Gäste wartet eine Puppenbühne. Daneben gilt es bei vielen alten Kinderspielen Geschick und Können einzusetzen.
Das bunte mittelalterliche Treiben beginne bei trockener Witterung jeweils um 18 Uhr.
Bald zwei Millionen Zuschauer
Am 19. Mai 1912 habe die erste Aufführung am heutigen Standort der Tellspiele in Matten bei Interlaken stattgefunden, wurde an der Medienorientierung erinnert. Wegen den beiden Weltkriegen seien die Spiele von 1915 bis 1930 und von 1940 bis 1946 unterbrochen gewesen. Am 13. Juli 1995 hätten die Tellspiele Interlaken ihre 1000. Vorstellung gefeiert: «In diesem Jahr beginnen die Tellspiele ihre Spielsaison mit der 1206. Vorstellung und mit dem 1'950'410. Zuschauer.» Wohl kaum habe in der Schweiz eine Theaterproduktion mit dem gleichen Stück und erst noch am gleichen Spielort solche Erfolge feiern können.
Billettbestellungen neu auch online
In diesem Jahr wird nach Angabe der Tellspiele Interlaken ein neues Online-Bestellsystem aufgeschaltet. Über www.tellspiele.ch – siehe auch nebenstehenden Kasten – könnten die Ticket bequem gebucht und daheim ausgedruckt werden.
Weiterhin nehme das Tellspielbüro Interlaken telefonische und schriftliche Bestellungen entgegen. Wer eine persönliche Beratung vorziehe könne das Tellspielbüro am Höheweg 37 in Interlaken aufsuchen. Das Tellbüro sei während der Spielzeit von 8.00 bis 12.00 Uhr und von 13.30 bis 17.00 Uhr offen. Am Aufführungstag könnten zudem Billette ab 18.00 Uhr direkt an der Abendkasse im Tellspielareal bezogen werden. Plätze seien bei den meisten Vorstellungen noch vorhanden. Die Preise für einen gedeckten Tribünenplatz bewegten sich zwischen 26 und 48 Franken: «Kinder erhalten in Begleitung Erwachsener 50 Prozent Rabatt in allen Kategorien – ein familienfreundliches Angebot.» Für kleinere Kinder werde ein Gratishütedienst angeboten. Neu bieten die Tellspiele ein Kombi-Arrangement zusammen mit dem Mysterypark an. Die Details können auch hier über das Tellspiel-Büro angefordert oder unter http://www.tellspiele.ch/d/ausflug/ eingesehen werden.
Bänkelsänger im Vorprogramm.
Die Inszenierung 2005
200 Jahre seien es her, dass Friedrich Schiller mitten in der Blüte seines Schaffens, im Alter von nur 45 Jahren, starb, erinnerte Regisseurin Monika Wild an der Medienorientierung: «Obschon manch Krankheitsschub das Schreiben oft zur Qual werden liess und Schiller nie an seinen nahen Tod glaubte, so wirkt doch sein letztes vollendetes Werk als das Vollkommenste, wenn nicht gar Reifeste.» Er habe den Spagat zwischen Historie, geographischen Gegebenheiten, grossen Schauplätzen und intimem Drama im Familienkreis geschafft. Dabei seien derart klare Persönlichkeiten und Bilder entstanden, dass sie in jede Zeitspanne passten: «Seine Darstellung der Frauengestalten war der Zeit weit voraus und das Spannungsfeld zwischen Macht und Unterdrückung ist aktueller denn je.» Dies möge wohl ein wichtiger Grund zum Erfolg von Schillers Wilhelm Tell auch 200 Jahre nach seinem Tod sein: «Für uns Schweizer kommt dazu, dass das Tellspiel die Schweizergeschichte schlichtweg so widerspiegelt, wie wir sie gerne dokumentiert hätten.» Gottfried Kellers Gedanke «Ob sie so geschehen, das ist hier nicht zu fragen ...» habe nach wie vor seine Gültigkeit.
Hinter Theater-Rüstungsblech und Schminke verbirgt sich etwelcher Charme ...
Das mittelalterliche Markttreiben des Rahmenprogramms erstrecke sich bis auf die Bühne und schaffe so einen fliessenden Übergang vom Vorprogramm zur altbewährten Tell-Aufführung, war an der Medienorientierung im weiteren zu erfahren: «Volkstümliches, präsentiert für ein internationales Publikum, eine aufwendige mittelalterliche Ausstattung, rund 180 Laiendarsteller, prächtige Pferde und die herrliche Naturkulisse geben der Inszenierung ihren Rahmen und unterstreichen die vom Autor bereits bei der Entwicklung des Stückes im Vordergrund gestandene Publikums- und Bühnenwirksamkeit des Werkes in einzigartiger Weise.» Die eigens vom Schweizer Theaterkomponisten Dany Nussbaumer für die Tellspiele Interlaken komponierte musikalische Umrahmung, welche einerseits Übergänge zwischen den Bildern, andererseits aber auch dramatische Untermalungen für einzelne Szenen setze, mache das Spiel zu einem mehrdimensionalen Erlebnis.
Der Übergang vom Vorprogramm zur altbewährten Tell-Aufführung ist fliessend.
Von den Laiendarstellern am Rugen wird laut Monika Wild sehr viel gefordert: Eine viermonatige Probenzeit neben vollem beruflichem Engagement, tägliche Probenarbeit bei Wind und Wetter im Freien, die Auseinandersetzung mit den Schillerschen Originaltexten und mit der deutschen Bühnensprache – an den Tellspielen Interlaken werde Wilhelm Tell traditionsgemäss in der Originalsprache aufgeführt. Im Vordergrund stehe immer die Freude des Laiendarstellers am Theaterspielen. Bei der Erarbeitung der Szenen mit den Darstellern lege sie besonderen Wert auf den zeitgemässen Umgang mit den klassischen Texten sowie auf ein natürliches Spiel und einen guten Spielfluss, sagte die Regisseurin: «Den Schillerschen Pathos legte ich dem Dichter selbst in den Mund; ebenso ist es mir wichtig, den Zuschauer nicht als blossen Betrachter plakativer Darstellung aus dem
Geschehen auszuklammern, sondern ihn durch ehrliches, emotionelles Spiel der Darsteller mitzureissen, das heisst ihn auf der Gefühlsebene zu erreichen.»
Als Familien-, bestenfalls als Freiheitsdrama, nicht aber als Historienstück, habe Schiller sein Werk verstanden. Unterdrückung, Gewalt und Willkür würden in ihrer Härte erst wahrgenommen, wenn man sie am eigenen Leib erfahre, im engsten Kreis, in der Familie, in der vertrauten Umgebung: «Wo ‹freche Willkür an das Heil'ge rührt›, wo sie die persönliche Freiheit des Einzelnen, die Familie und das eigene Hab und Gut bedroht, kann man nachvollziehen, was Menschen zum Widerstand und zu ‹Heldentaten› antreibt.»
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