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Freitag, 29. Juli 2005
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Schynige Platte: Wer pflanzt den Himmelsherold in den Alpengarten?

Der botanische Alpengarten Schynige Platte zeigt auf kleinem Raum rund 600 Pflanzenarten. Dazu braucht es viel botanisches und gärtnerisches Wissen. Und es braucht die Gärtnerinnen und ihre Helfer, die dieses Wissen jeden Tag in die Praxis umsetzen und weiterentwickeln.

Das Alpengartenteam im üppig blühenden Gelben Enzian. Von links nach rechts: Cornelia Berger, Paul Brunner, Monika Hedinger und Franziska Kohler. (Bilder zvg)

pd/bns. Der Himmelsherold am Rand des Urgesteinsfeldes ist verblüht. Jetzt sind das graue Kreuzkraut und das Katzenpfötchen mit ihren gelben und samtig rosa schimmernden Blüten an der Reihe. Sie scheinen sich wohlzufühlen im kürzlich erneuerten sauren Boden und wachsen, so hofft Gärtnerin Franziska Kohler, mit der Zeit mit den anderen Bewohnern dieser Abteilung zu einem richtigen Krummseggenrasen zusammen. Bis es so weit ist, müssen Franziska Kohler und ihre beiden Kolleginnen allerdings noch oft jäten. Und heikle Bewohner wie den Himmelsherold, der sich eigentlich erst über 2100 Meter über Meer wohlfühlt, müssen sie vermutlich immer wieder sorgfältig aus Samen nachziehen und auspflanzen.

Franziska Kohler jätet zwischen Katzenpfötchen und Kreuzkraut im Urgesteinsfeld – mit dem Taschenmesser und mit viel Fingerspitzengefühl.

Die Alpen auf 83 Aren

Der Alpengarten zeigt seine gegen 600 Bergblumen, Sträucher und Farne aus dem ganzen Schweizer Alpenraum möglichst in den Pflanzengesellschaften, in denen sie natürlicherweise vorkommen. Aber nicht jede der heute 15 Pflanzengemeinschaften ist von Natur aus auf den 83 Aren des Alpengartens zu finden. Das liegt zum einen am Boden: Die Schynige Platte besteht aus Kalk, und der Boden für säureliebende Pflanzen muss künstlich hergestellt werden. Zum andern sind die 2000 Meter über Meer, auf denen der Alpengarten liegt, für Pflanzen wie den Himmelsherold eigentlich zu tief, für andere, wie den Türkenbund schon reichlich hoch. Und schliesslich gedeihen manche Pflanzen auch in der Natur nur in besonderen Glücksfällen – das sind dann eben die seltenen Arten.

Alpengarten aktuell

Gegenwärtig steht rund die Hälfte aller Pflanzenarten des Alpengartens in Blüte. Besonders prächtig zeigen sich Hochstauden wie Rittersporn, Eisenhut, Himmelsleiter, Purpur-Enzian und gelber Enzian. Daneben findet man auch Winzlinge wie die Zwergorchidee auf der Windecke, die sich nur in ganz kurzen Rasen ab 2000 Metern über Meer wohl fühlt. Auch der Heilpflanzengarten blüht nach Kräften – vom Allermannsharnisch über die Schafgarbe bis zum Baldrian. In den letzten Tagen hat das Gartenteam in der Heilpflanzenabteilung einen kleinen Tast- und Duftgarten angelegt, damit Besucher den Garten mit allen Sinnen erkunden können.
 

Damit das Publikum im Alpengarten auch die kleinen und seltenen Arten zu Gesicht bekommt, werden üppig wuchernde Arten wie etwa der Waldstorchenschnabel im Zaum gehalten, indem man sie jätet oder ihre Samenstände einsammelt bevor sie reif werden. Und die verschiedenen Wiesen- und Weidentypen werden mit zwei Schafen beweidet, Ende Sommer gemäht oder im Frühjahr «grieschet» (mit dem Rechen vom alten Gras befreit), damit die Blumen genug Licht bekommen. In den windgeschützten Saatbeeten päppeln die Gärtnerinnen derweilen heikle, seltene oder neue Pflanzen nach allen Regeln ihrer Kunst auf, bis sie stark und gross genug für den offenen Teil des Alpengartens sind.

Wo Pflanzen ein Gesicht haben

«Auf 2000 Metern über Meer Pflanzen zu kultivieren, ist etwas ganz anderes als im Treibhaus», sagt Chefgärtnerin Cornelia Berger. «Hier oben kann es nach der Aussaat drei bis vier Jahre gehen, bis man auspflanzen kann.» Den «Alpengärtnerinnen» gefällt das. «Wenn man massenhaft Pflanzen für einen Grossverteiler produziert, weiss man, dass die meisten im Herbst schon wieder weggeworfen werden», sagt Monika Hedinger. «Aber hier oben hat man Freude an jedem einzelnen Pflänzchen. Es tut einem weh, wenn der winzige Himmelsherold, den man im Sommer pikiert hat, im nächsten Frühling erstickt ist, weil ihn eine Maus mit Erde zugeschüttet hat. Und man freut sich, wenn von einer seltenen Art drei Pflänzchen gekeimt haben.»

Im Heilpflanzengarten blühen Akelei, Gelber Enzian, Meisterwurz, Baldrian, Schafgarbe, Kümmel und Allermannsharnisch.

Die Kunst der Gärtnerin

Wo jede einzelne Pflanze zählt, merken die Gärtnerinnen deutlich, dass sie mit Lebewesen zu tun haben. «Wie im menschlichen Zusammenleben gibt es auch bei der Arbeit mit Pflanzengesellschaften die Erfahrung und gewisse Grundregeln», sagt Franziska Kohler. «Aber es reicht nicht, nur diese Regeln zu kennen.» Denn in der Natur ist kein Boden genau gleich wie der andere, kein Sommer gleicht dem vorangehenden; und man weiss erst sehr wenig über das Leben und Zusammenleben der verschiedenen Pflanzen. «Da muss man sich manchmal auf das Gefühl verlassen», sagt die Gärtnerin.

«Es ist wie jede Arbeit mit dem Lebendigen eine kreative Arbeit – und ein Maler kann sein Kunstwerk ja auch nicht auf dem Reissbrett planen», meint Paul Brunner. Er ist im Gartenteam seit elf Jahren für den Unterhalt der Wege, Treppen, Trockenmauern und Zäune verantwortlich, macht aber auch die Felssicherung im Frühling und unterstützt die Gärtnerinnen in der Gartenpflege oder mit Publikumsführungen.

Nie ausgelernt

Gruppen fachkundig durch den Garten führen, mit Reiseveranstaltern korrespondieren, Informationsschilder zu den Besonderheiten einzelner Pflanzen produzieren oder während der Arbeit die Fragen interessierter Besucher beantworten müssen alle Mitglieder des Gartenteams. «Das brauchte am Anfang Mut», erinnert sich Monika Hedinger, mit ihren derzeit anderteinhalb Alpengarten-Saisons das jüngste Teammitglied. «Ich hatte das Gefühl, die Leute fragen sicher genau das, was ich nicht weiss.»

Gelegenheiten, etwas nicht zu wissen, gibt es im Alpengarten in Hülle und Fülle. Bergblumen gehören nicht zur Grundausbildung in Gartenbau. So muss eine neue Gärtnerin in ihrem ersten Sommer auf der Schynige Platte gegen 600 Pflanzennamen lernen – in erster Linie die offiziellen lateinischen Bezeichnungen. Und natürlich soll sie all den deutsch, französisch und englisch sprechenden Besuchern Auskunft geben können. «Ausgelernt hat man hier nie», sagt Cornelia Berger. Nach den Pflanzennamen warten die Pflanzengesellschaften und ihre Lebensbedingungen. Hier ist auch die Wissenschaft noch am Lernen, und die Gärtnerinnen leisten mit ihrer detaillierten und systematischen Dokumentation aller Beobachtungen ihren Beitrag zur Forschung.

Viele Besucher

Vielseitiger als im Alpengarten kann Arbeit kaum sein, ist das Gartenteam überzeugt: «Wir haben hier mit Steinen, Pflanzen, Tieren und Menschen zu tun.» Mit Tieren? Klar, der Alpengarten ist ein Paradies für Schmetterlinge, Alpensalamander – und für Mäuse, bis sie erwischt und in den Wald verbannt werden. Man kann auch wunderschön Vögel beobachten. Und die Murmeltiere wohnen direkt nebenan. «Neulich sprach ich während der Arbeit mit Monika, die ich im Keller mit den Etiketten klappern hörte», erzählt Cornelia Berger. Sie habe sich gewundert, dass sie keine Antwort bekam; «ich sah um die Ecke – und da war ‹Monika› ein Murmeltier. Wir sahen uns lange an; dann trottete der ‹Mungg› in den Arbeitsraum, leckte Wasser, und ging.»

Immer wieder anders

Im Alpengarten ist kein Tag gleich wie der andere. «Alles verändert sich hier oben ganz schnell: Das Wetter, die Stimmungen, die Jahreszeiten, die Pflanzen und unsere Arbeit», sagt Franziska Kohler. «Hier kann man Prozessen wie der Entwicklung einer Pflanze vom Keimen bis zur Samenproduktion zusehen.» An jedem Tag habe die Pflanze eine andere Art von Schönheit. «Hier habe ich gelernt, feinste Nuancen in der Veränderung von Farben und Formen zu sehen.» Nur etwas bedauert die Gärtnerin: «Ich habe diese Art zu sehen für mich selber entdeckt, aber ich merke, dass ich das anderen Leuten nicht einfach mitgeben kann.» Diese Art Erlebnis brauche wohl einfach Zeit, und die können sich nicht alle Leute nehmen. «Aber wenn ich mit interessierten Besuchern spreche, habe ich manchmal das Gefühl, dass sie die Blumen auch so sehen.»

Über den Wolken

Im Winter gibt es im Alpengarten nichts zu tun. «Saisonstelle» hört sich für viele nach «Notlösung» an. Die vier Mitglieder des Gartenteams sehen das anders. Sie zählen auf, was sich bei der selbständigen und vielseitigen Arbeit, in der Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Leiter Otto Hegg und den kompetenten Vorstandsmitgliedern lernen lässt. Entsprechend breit ist das Spektrum möglicher Zukunftspläne und reicht von der Vermittlung von Naturerlebnissen bis zur Anwendung der botanischen Kenntnisse im Bio-Landbau. Dass man im Winter etwas anderes tun müsse, gebe denjenigen, die neue Erfahrungen suchen, viel Freiheit, erklärt das Gartenteam. Die Gärtnerinnen nutzen diese Freiheit, um zu reisen, in anderen Ländern und Kontinenten zu arbeiten oder in anderen Berufen zu schnuppern – bis zur Schneeschmelze, wenn es sie wieder in die Berge zieht.

Alpengarten 2005 (Garten und Ausstellung): Täglich offen 7.30 bis 18.00 Uhr. Eintritt Erwachsene vier Franken, Kinder/Studenten ein Franken, Gästekarte/Gruppen ab sechs Personen drei Franken,. Führungen nach Voranmeldung. 50 Frankenpro Gruppe (ab 20 Personen wird eine Gruppe geteilt). Telefon: 033 822'28'35. Anfahrt: per Bahn (Interlaken Ost –) Wilderswil – Schynige Platte: Fahrzeit 50 Minuten Weitere Informationen www.alpengarten.ch / www.jungfraubahn.ch

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Hintergrundinformationen siehe auch Bericht Staneks Planetenlexikon 2005: Mit dem Computer auf den Mars vom Sonntag, 14. November 2004




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