Berner Oberland News

Donnerstag, 29. Januar 1998

«Dem Christen Im Boden die Faust unter die Nase gehalten»

Genealogische Schrift «Die Burgergeschlechter von Ringgenberg» des Lokalhistorikers Hans Imboden

S. Fast zwei Jahrzehnte lang hat der Ringgenberger Lokalhistoriker Hans Imboden in Kirchenbüchern und aus anderen Quellen Namen, Lebensdaten und weitere Informationen über insgesamt 26 Ringgenberger Familien – sechs davon sind zum Teil schon seit längerer Zeit ausgestorben – zusammengetragen und geordnet.

Der Ringgenberger Lokalhistoriker Hans Imboden mit einem Teil seines umfangreichen Dokumentationsmaterials im Dorfmuseum Schlossweid. (Fotos: Peter Schmid)

Ob Schmocker, Borter, Abegglen, Zumbrunn oder Imboden: Hans Imbodens umfangreiche Aufzeichnungen aus Kirchenbüchern und namentlich auch aus Chorgerichtsakten reichen teilweise von der Mitte des vergangenen 19. bis zu Bodenzinsbüchern in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück. Über die spätere Entwicklung der Ringgenberger Geschlechter geben neben dem seit dem Jahr 1795 geführten Ringgenberger Burgerrodel namentlich die Familiennamensbücher der Schweiz Auskunft.

Aus der nicht durchwegs so guten alten Zeit
Hans Imboden beschränkt sich in seiner genealogischen Schrift «Die Burgergeschlechter von Ringgenberg» nicht auf Namen und nüchterne Jahrzahlen: Er überprüfte die Aufzeichnungen in den Kirchenbüchern und Chorgerichtsakten mit anderen Quellen und fand dabei viel zusätzliches Hintergrundmaterial, das die oft sehr bedrängten Verhältnisse in der keineswegs so guten alten Zeit beleuchtet.

Den Chorgerichtsbüchern der Kirchgemeinde Ringgenberg von 1654 bis 1864 etwa sind aufschlussreiche Angaben über Unfug, Streit zwischen Ehepartnern und Nachbarn sowie unehliche Kinder und so weiter zu entnehmen. Im weiteren stiess Imboden auch auf Entlassungsurkunden von Ringgenberger Söldnern, die Kriegsdienste heil überstanden. Weniger Glück hatte demgegenüber ein Christen im Boden – heute schreiben sich alle «Imboden» in einem Wort – zu Beginn des 19. Jahrhunderts: «1801 Nov 1. starb laut Schein zu St. Omer im Departement du Pas de Calais, Christen im Boden, des alten Weibels Sohn von Ringgenberg als Füsilier im 3ten Schweizer Regiment in KK Französischem Kriegsdienst, alt 25 Jahr. – Datum: Bern, den 15ten Jun. 1808 R.v.Grafenried». Ein weiterer Auszug aus dem Totenrodel: «1794 Septemb. 19. Laut eingelangtem Todtschein von Herrn Feldprediger Steck vom Regiment von Goumoens in Holländischen Diensten, starb daselbst von Ringgenberg Christen Noll, Jacobs Sohn zu Herzogenbusch, alt 22 Jahr.»

Nicht nur Musterknaben...
Die alten Ringgenberger dürften in mancherlei Hinsicht nicht ausschliesslich Musterknaben gewesen sein, was etwa durch die Abschrift eines Schreibens des Regierungsstatthalters Hügli in Interlaken an den Gemeindepräsidenten von Ringgenberg vom 20. Juni 1834 belegt wird: «Mein lieber Herr Präsident! / Ein gewisser Noll von Ringgenberg, dessen Vater Jagd-Aufseher seye, gehe dem Vernehmen zufolge öfters mit einem Jagdgewehr bewaffnet von Hause in das Gebirge, und ist mir deshalb als ein starker Wildfrevler sehr verdächtig. / Ich möchte daher Ihre Aufmerksamkeit auf diesen Mann in vertraulichen Anspruch nehmen, und werde Ihnen sehr dankbar seyn, wenn Sie mir über denselben in genannter Beziehung bald etwas mitteilen können. / Mit freundschaftlicher Begrüssung verharrt / Interlaken den 20. Juni 1834 / Der Regierungsstatthalter / Hügli».

In der im Jahr 1671 gebauten Burgkirche Ringgenberg befasste sich das Chorgericht – bis im 19. Jahrhundert die Amtsgerichte geschaffen wurden – mit den kleineren Sündern: Verhandelt wurden etwa Streitigkeiten unter Eheleuten und Nachbarn.

Das Chorgericht Ringgenberg hatte sich am 18. Juni 1830 mit einem Hans Eggler «wegen unanständigen Betragens in der Kirche» zu beschäftigen. Laut Chorgerichts-Manual wurden ferner vorgeladen: Hans Buri, Christen Im Boden und Ulrich Frutschi, alle «drey» von Ringgenberg. «Angeklagt wegen Portlaubenunfug und Bekerung den Hans Eggler den 6. Juni 1830 verantwortet sich Ulrich Frutschi im Nahmen aller dahin. Es sey der Hans Eggler über drey Bänke hingelegen und habe durch Schlafen und Schnarchen die übrigen um ihn geärgert, wesswegen er Frutschi denselben ein wenig am Haar gezogen um ihn zu weken, ohne etwas Böses weiters dabey zu beabsichtigen; da dann der Hans Eggler aufgefahren, dem Christen Im Boden die Faust unter die Nase gehaltenund mit Fluchen gedroht habe, worauf wieder Stille erfolgt seye. Hierauf ward erkannt: Es solle der Hans Eggler vor das Pfarramt geladen werden und einen trichtigen Verweis erhalten; was auch erfolgte.»

Leben und Schicksal der Vorfahren
In seinen Nachforschungen darüber, welche Geschlechter einst – in den Jahren von 1511 bis 1850 – in Ringgenberg und Goldswil wohnten, sei es ihm darum gegangen festzustellen, von wo die heute noch bestehenden Ringgenberger Burgergeschlechter stammten und seit wann sie in der Gemeinde ansässig seien. Imboden verweist aber auch auf Familiennamen, die einst hier ihren Heimatort gehabt hätten, nun aber ausgestorben seien. Auskunft über die Ringgenberger Burger gebe der Burgerrodel: Dieser werde seit dem Jahr 1795 geführt. Wer damals in der Kirchgemeinde Ringgenberg (Goldswil, Ringgenberg, Niederried) wohnte und keinen anderen Heimatort habe nachweisen können, sei als Burger in die Burgerrodel von Ringgenberg oder Niederried eingetragen worden. Als die ältesten Quellen, auf die er sich habe abstützen können, bezeichnet Imboden die Bodenzinsbücher aus den Jahren 1535, 1611 und 1658, die sich – wie seit zehn Jahren von Gesetzes wegen auch die Kirchenbücher – im Staatsarchiv in Bern befänden. In diesen Büchern sei eingetragen, wer Bodenzins abzuliefern hatte: «Wer also keinen Grundbesitz hatte, erscheint hier nicht. Die Quelle ist daher unvollständig.» Die die Kirchenbücher – Tauf-, Ehe- und Totenrodel – der Kirchgemeinde Ringgenberg seien erst ab dem Jahr 1665 vorhanden. Im Taufbuch fehlten die ersten Seiten von 1665 bis 1672. Dank der Pfarrer, die in der Zeit von 1665 bis ungefähr 1850 diese Rodel führten und neben Namen und Datum oft zusätzliche Angaben aufschrieben – etwa Todesursache, Beruf, politische Ämter und nähere Angaben über den Wohnort inner- oder ausserhalb der Gemeinde – sei es möglich, Zusammenhänge über das Leben und Schicksal unserer Vorfahren zu erkennen. Eine weitere interessante Quelle ist laut Hans Imboden das bis zum Jahr 1939 nachgeführte Heft «Familiennamen des Berner Oberlandes». Darin sei angegeben, welche Namen in den Oberländer Gemeinden «alteingesessen» – das heisst vor dem Jahr 1800 dort verbürgert – seien. Damit würden die Familiennamenbücher der Schweiz im Staatsarchiv in Bern ergänzt.

Wichtige Hinweise über die Herkunft

Die im Manuskript vorliegende und erst zum Teil elektronisch erfasste genealogische Schrift «Burgergeschlechter von Ringgenberg» ist laut ihrem Verfasser keine lückenlose Wiedergabe der erwähnten Quellen: Es handle sich vielmehr um Auszüge. Die Angaben unter den einzelnen Namen könnten so keine vollständigen Stammbäume enthalten, gäben aber doch wichtige Hinweise über die Herkunft. Hans Imboden würde sich freuen, wenn seine Nachforschungen den Anstoss geben könnten, dass sich noch weitere Personen näher mit den Vorfahren befassen würden: «Der Verfasser selber ist an allen Angaben, welche seine Nachforschungen ergänzen und bereichern könnten, interessiert und dankt zum voraus für Hinweise.»

Zurück zur aktuellen Frontpage