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Donnerstag, 28. November 2002

Selbstmord geklärt: «Allfällige Dritteinwirkung ausgeschlossen»

Voruntersuchung im Fall Mischa Ebner wird zu Ende geführt

pkb/S. Die Ermittlungen und Untersuchungen im Zusammenhang mit dem Tod von Mischa Ebner im Regionalgefängnis Thun haben laut einer Medienmitteilung ergeben, «dass eine allfällige Dritteinwirkung ausgeschlossen werden kann und von einer Selbsttötung ausgegangen werden muss». Die laufende Voruntersuchung gegen Ebner wird nach Angaben der Untersuchungsbehörden weitergeführt und es werde nach Abschluss derselben die Aufhebung des Strafverfahren beantragt.

Am Sonntagnachmittag, 24. November, um 15.22 Uhr wurde laut Medienmitteilung von heute Donnerstag das Betreuungspersonal des Regionalgefängnisses Thun – siehe auch Bericht «Mischa Ebner hat sich im Regionalgefängnis Thun erhängt» vom Montag, 25. November 2002 – durch den Zellengenossen von Mischa Ebner alarmiert: «Die unverzüglich herbeigeeilten Betreuer fanden Mischa Ebner erhängt an seinem Leintuch auf; er muss zu diesem Zeitpunkt bereits tot gewesen sein.» Von Seiten des Betreuungspersonals sei Ebner letztmals um etwa 15.05 Uhr anlässlich einer der ständigen, aber in unregelmässigen Abständen stattfindenden Kontrollgänge lebend angetroffen worden: «In der Folge muss Mischa Ebner den Umstand ausgenützt haben, dass sein Zellengenosse während dem Fernsehschauen einschlief; Ebner erhängte sich mit seinem Leintuch an einem Oberlichtfenster der Gefängniszelle.»

Mischa Ebner konnte offensichtlich nicht eines natürlichen Todes gestorben sein, verlautet dazu: «Für die Untersuchungsbehörden lag somit ein sogenannter aussergewöhnlicher Todesfall vor.» Als aussergewöhnlich würden Todesfälle bezeichnet, die nicht durch eine natürliche Ursache bedingt seien, bei denen die Todesumstände der Abklärung bedürften. Gestützt auf die gesetzlichen Bestimmungen seien im vorliegenden Fall sofort die zuständigen Behörden informiert worden: «An Ort und Stelle erschienen in der Folge die zuständige Pikettuntersuchungsrichterin des Untersuchungsrichteramts IV Berner Oberland, Vertreter des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Bern, Mitarbeiter des Kriminaltechnischen Dienstes der Kantonspolizei Bern, weitere Polizisten und die für die Strafsache gegen Mischa Ebner zuständige Untersuchungsrichterin des Untersuchungsrichteramts III Bern-Mittelland.»

Durch das Untersuchungsrichteramt IV Berner Oberland wurde laut Medienmitteilung ein polizeiliches Ermittlungsverfahren angeordnet. Die wesentlichen ersten Massnahmen: Spurensicherung durch den Kriminaltechnischen Dienst, Leichenschau am Fundort und nachfolgende Obduktion von Ebners Leiche durch das Institut für Rechtsmedizin, Befragungen des Bewachungspersonals und des Zellengenossen, Sicherstellung der Kleider und Effekten sowie Erhebung und Auswertung des aufgefundenen Abschiedsbriefs. Bei dem Abschiedsbrief handle es sich um ein handgeschriebenes, einseitiges und undatiertes Schreiben. Nach heutigen Erkenntnissen sei Ebner Urheber der Schrift. Er bezeichne im Brief das Passierte als schrecklich, nicht nachvollziehbar und erkläre, es tue ihm Leid: «Mischa Ebner äussert sich jedoch nicht über eine bevorstehende Selbsttötung.» Die gerichtspolizeilichen Ermittlungen hätten aber ergeben, dass ein Suizid vorliegen müsse: «Eine Dritteinwirkung kann ausgeschlossen werden.» In Fällen von Suizid von Gefängnisinsassen werde routinemässig allerdings auch überprüft, ob die allgemeine, medizinische und psychiatrische Betreuung und Überwachung genügt habe: «Geprüft wird, ob den gebotenen und zumutbaren Aufsichts- und Fürsorgepflichten nachgekommen worden ist.» Dabei komme den verantwortlichen Behörden grosser Ermessensspielraum zu. Es sei im Einzelfall über das Ausmass zu entscheiden. Die Art und Weise der Betreuung und Überwachung habe pflichtgemäss, hinreichend, aber nicht über das erforderliche Mass hinausgehend zu erfolgen: «Im heutigen Zeitpunkt liegen keine Anhaltspunkte vor, die auf eine Verletzung derartiger Pflichten hindeuteten.» Suizide in Gefängnissen liessen sich nicht immer verhindern. Hundertprozentige Sicherheit könne es nicht geben: «Der urteilsfähige und mündige Mensch handelt letztlich selbstverantwortlich.»

Ergebnis der Voruntersuchung gegen Ebner
 
Mischa Ebner hat nach Angaben des Untersuchungsrichteramtes III Bern-Mittelland und des Untersuchungsrichteramtes IV Berner Oberland im Verlauf des Verfahrens in 29 Fällen ein Geständnis abgelegt. 21 Fälle könnten als Eigentumsdelikte bezeichnet werden. In den anderen Fällen sei das Opfer als Person angegriffen worden: «In den letzten vier Fällen – dazu gehören die Vorfälle in Bremgarten, Büren zum Hof, Bern-Bümpliz und Niederwangen – wäre voraussichtlich wegen eines versuchten, beziehungsweise vollendeten Tötungsdelikts Anklage erhoben worden.» Auffallend sei, dass Ebner in der Zeit zwischen Dezember 2000 bis im Sommer 2001 einzig Vermögensdelikte verübt habe, bei welchen in eher geringem Masse Gewalt anwendet worden sei. Im Sommer 2001 habe sich sein Vorgehen geändert. Mit einer Ausnahme (Schinznach-Bad/AG) sei er ausschliesslich im Kanton Bern deliktisch tätig gewesen: «Im Rahmen der Voruntersuchung konnte auch geklärt werden, dass offene Delikte in Deutschland und Frankreich nicht im Zusammenhang mit Mischa Ebner stehen.»

Fahndungsarbeit zu Beginn

Am Anfang der Ermittlungen stand die Untersuchungsbehörde laut Medienmitteilung vor folgender Situation: Die Stadtpolizei Bern habe im Zusammenhang mit Entreissdiebstahlserien, welche namentlich im Westen von Bern verübt worden seien, gegen unbekannte Täterschaft ermittelt: «Diese hatte zum Teil zitronensafthaltige Flüssigkeiten eingesetzt und sich brieflich bei den Opfern gemeldet.» Auf zwei Briefsendungen seien DNA-Spuren gesichert worden. Parallel dazu habe die Kantonspolizei Bern in den Gewaltdelikten von Bremgarten und Büren zum Hof ermittelt: «Hier wurden teilweise ebenfalls DNA-Spuren gefunden und es lagen Briefe an die Opfer und in einem Fall an die Polizei vor.» DNA und Schriftbild hätten in beiden Ermittlungsverfahren übereingestimmt. Dadurch sei der Zusammenhang offensichtlich geworden. Dies habe zu einer intensivierten Zusammenarbeit der beiden Polizeikorps geführt.

In einem Brief an die Polizei zeigte sich der mutmassliche Täter laut Medienmitteilung über seine Beschreibung in der Medienmitteilung betreffend unreinem Teint gekränkt: «Die Erkenntnis, dass es sich bei ihm um eine eitle Person handeln könnte, wurde bei der Erarbeitung und Publikation des Phantombildes genutzt, indem von einer schlecht rasierten Person die Rede war.» Dies habe den Täter wiederum reagieren lassen, was einen zusätzlichen Schriftvergleich ermöglicht  habe. Die Publikation der Schriftvergleiche habe letztlich zum Fahndungserfolg geführt: «Dies nachdem ein an sich belangloses Schreiben Ebners an eine junge Frau, die er beim Sport kennengelernt hatte, der Polizei zur Kenntnis gebracht worden war.»

Vorkehrungen in der Untersuchungshaft

Nach der Hafteröffnung am 21. August 2002 wurde Mischa Ebner nach Angaben der Untersuchungsbehörden im Regionalgefängnis Bern untergebracht, die ersten drei Nächte in einer Sicherheitszelle: «Eine psychiatrische Betreuung wurde sofort angeordnet und die Suizidalität abgeklärt. Als zusätzliche Massnahme wurde den nächsten Angehörigen ausnahmsweise sehr früh eine Besuchsmöglichkeit erteilt.» Ebner sei zu diesem Zeitpunkt gemäss den Sachverständigen nicht akut suizidal gefährdet gewesen, wobei eine gewisses Risiko während der Haft nie ausgeschlossen werden könne: «Gemäss den Sachverständigen sollen sich die Berichterstattungen in den Medien kontraproduktiv auf Ebner ausgewirkt haben; dies hat dazu geführt, dass ihm die Untersuchungsbehörden zu seinem Schutz zeitweise Zeitungen vorenthalten mussten.» Trotz aller Vorkehrungen habe Ebner am 6. September 2002 einen Suizidversuch begangen. Dank der sofortigen Alarmierung seines Mitinsassen sei es beim Versuch geblieben. Da der Kanton Bern über keine psychiatrische Klinik mit einer integrierten Sicherheitsabteilung verfüge, sei Ebner in die Bewachungsstation des Berner Inselspitals verlegt worden. Die Untersuchungsbehörden hätten damals eine Einweisung in eine entsprechende Klinik in einem anderen Kanton ins Auge gefasst. Infolge Platzmangels habe dies nicht realisiert werden können. In der Folge sei Ebners psychischer Zustand mehrmals beurteilt worden: «Die Untersuchungsbehörden haben diverse Massnahmen geprüft und zum Teil auch umgesetzt, um seinem psychischen und physischen Zustand Rechnung tragen zu können.» Dazu hätten zum Beispiel die Orientierung der Gefängnisleitung, die Unterbringung in einer Zweier-/Dreierzelle, die Anordnung spezifischer Kontrollen, die Orientierung einer Klinik mit Hochsicherheitszellen mit dem Bestreben, einen Platz für eine akute Aufnahme reservieren zu können und schliesslich die Verlegung ins neue Regionalgefängnis in Thun gehört: «Durch Letzteres wurde ihm der für ihn sehr wichtige Kontakt zu seinen engsten Bekannten gewährleistet.» Zudem sei ihm die Möglichkeit eingeräumt worden, sich in einfachem Rahmen sportlich zu betätigen und seine bereits begonnene Psychotherapie beim bisherigen Therapeuten fortzusetzen. Zu seinem persönlichen Schutz habe man im Regionalgefängnis Thun entsprechende Weisungen erlassen.

Stand der Voruntersuchung und weiteres Vorgehen

Die am 20. August 2002 gegen Ebner eröffnete Voruntersuchung steht laut Medienmitteilung kurz vor dem Abschluss und werde trotz seinem Tod zu Ende geführt: «Die Untersuchungsbehörde wird danach mangels Prozessvoraussetzung (Tod des Angeschuldigten) der Staatsanwaltschaft den Antrag auf Aufhebung der Strafverfolgung gegen Ebner in den ihm zur Last gelegten Delikten stellen.» Es gehe darum, die geklärten Fälle korrekt zu den Akten legen zu können und die ungeklärten Delikte wiederum der Fahndung nach der unbekannten Täterschaft zu übergeben: «Die Opfer können allfällige Ansprüche nach  Opferhilfegesetz an den Kanton Bern stellen; sie werden ebenfalls nach Opferhilfegesetz über den Ausgang des Verfahrens in ihrem konkreten Fall informiert.»

Psychiatrisches Gutachten

Vor seiner Entdeckung als Straftäter hat es laut einem psychiatrischen Gutachters von Professor Rainer Luthe keine erkennbare Veranlassung gegeben, Ebner gegen seinen Willen in einer psychiatrischen Einrichtung festzuhalten, verlautet in der Medienmitteilung: «Als sich herausstellte, dass es eine zweite Seite seiner Persönlichkeit gab, war die allgemeine Überraschung gross.» Die «andere Seite» habe mühsam ermittelt werden müssen und soweit sie ermittelt worden sei, habe man – jetzt auch gegen seinen Willen – hinter die Maske schauen können: «Dies vermehrte den Eindruck des Rätselhaften zusätzlich, weil sich aufdrängte, dass die Straftaten nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck waren, was besonders bei einem Kapitaldelikt kaum nachzuvollziehen ist.» Auf die neue Situation habe Ebner nicht wie ein ertappter Dieb reagiert, sondern er habe sich selber interessiert, mit dem Psychiater zusammen herauszufinden, was bei ihm nicht stimme. Das heisst, er sei nach aussen der gleiche geblieben, im Kontaktverhalten unauffällig, zwar durch seine Entdeckung bedrückt, aber nicht «depressiv». Er sei wie jeder andere auch durch den Freiheitsentzug und die Vorstellung, was über ihn gedacht werde, beeinträchtigt worden, diagnostisch aber nicht nach einer der üblichen psychiatrischen Kategorien zu fassen. Nur nach Erscheinungsbild und Verhalten habe weiterhin kein Hinweis auf eine wie auch immer geartete Störung bestanden. Die Taten habe Ebner dementsprechend aus der Perspektive des «sich selbst nicht Verstehens» geschildert: «Somit hat die nähere Zuordnung der Störung des Hineinwachsens in die menschliche Gemeinschaft, die sicher vorgelegen hat, aus der Gesamtschau heraus zu erfolgen, wobei von einer massiven und nur teilweise korrigierbaren Schädigung im Verlauf der Entwicklung in den ersten vier Lebensjahren auszugehen ist. Diese Zuordnung, für die zusätzliche (psychologische) Untersuchungsergebnisse beizuziehen sind und von der alle weiteren Schlussfolgerungen abhängen, ist zurzeit noch nicht abgeschlossen. Selbstmord ist als Eventualität nie auszuschliessen.»


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