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Samstag, 23. September 2000

«Vertrauen vor allem auch das der Sammler missbraucht»

Kunststoffsammlung in Thun wird gestoppt und ab Mai 2001 in neuer Form lanciert

sth/S. Die Stadt Thun bricht laut einer Medienmitteilung eine in der Schweiz bisher einmalige Sammlung rezyklierbarer Kunststoffe aus Haushalten nach 15monatiger Versuchszeit ab. Hauptgrund: Der Aufwand zur Sortierung der vier Kunststoffarten sei zu gross. Die beauftragte Firma habe deshalb nur einen kleinen Teil der abgelieferten Kunststoffe der Wiederverwertung zugeführt: «Mit der Eröffnung des geplanten Abfallsammelhofes im Mai 2001 soll ein neues Sammelangebot für sortengetrennte Kunststoffe lanciert werden.»

Seit Anfang Juli 1999 habe die Stadt Thun versuchsweise Kunststoffe aus Privathaushalten gesammelt – laut Medienmitteilung eine Pionierleistung in der Schweiz. Anfänglich hätten die gefüllten Sammelsäcke nur an bestimmten Annahmestellen abgegeben werden können, seit Februar dieses Jahres seien sie zusätzlich einmal monatlich durch das Tiefbauamt in der ganzen Stadt abgeführt worden. 40 Tonnen gemischte Haushaltkunststoffe habe man in diesem ersten Jahr in Thun sammeln und für Folien und Rohre wiederverwerten wollen: «Allerdings sammelte man nur einen Drittel.» Das Material sei meist von guter Qualität und Sauberkeit gewesen: «Die Sortierung der ersten Lieferung, die von den Verantwortlichen in Thun im November 1999 persönlich begleitet und analysiert wurde, ergab, dass der in Thun gesammelte Kunststoff zu 70 Prozent wiederverwertbar wäre.»
 

Nur ein kleiner Teil dem Recycling zugeführt

Doch jetzt hat das zuständige Tiefbauamt der Stadt Thun laut Medienmitteilung beschlossen, den Versuch abzubrechen. Der Grund: Die Wiederverwertung des gesammelten Kunststoffs sei gar nicht umgesetzt worden: «Dem von der Stadt Thun beauftragten Abnehmer, der PR Recycling AG (früher Poly Recycling AG) in Weinfelden, war diese Sortierung zu teuer.» Der Erlös aus dem Sackverkauf, der Transport und Sortierung decken sollte, betrage rund 900 Franken pro Tonne. Die Kosten jedoch beliefen sich mit einer Feinsortierung nach Angaben der beauftragten Sortierfirma fast auf das Doppelte, nämlich auf 1700 Franken pro Tonne: «Wie sich kürzlich herausstellte, hat deshalb die Firma nur noch Säcke, die sortenreine Ware enthielten, aussortiert und die restlichen rund 80 Prozent Prozent der Sammelware an Kehrichtverbrennungsanlagen geliefert.» Dies sei ohne Rücksprache mit den Partnern in Thun geschehen. Damit sei nicht nur das Vertrauen der Verantwortlichen, sondern vor allem auch das der Sammler missbraucht worden. Klar sei: «Eine weitere Zusammenarbeit mit der PR Recycling AG ist für die Stadt Thun zurzeit undenkbar.»

Säcke für Privathaushalte zu gross

Doch es gebe weitere Gründe, weshalb die Kunststoffsammlung mit dem Sacksystem vorerst wenig praktikabel erscheine: «So zeigte sich, dass der Polysack in einer Grösse von 80 Litern für Haushaltungen zu gross ist, und trotz einem Preis von vier Franken die Kosten für Transport und Sortierung nicht gedeckt werden konnten.» Auch für Gewerbebetriebe seien die Erfahrungen mit den Säcken von 240 Litern Inhalt eher negativ. Da die Säcke nicht sehr reissfest seien, fassten sie nur etwa 20 Kilogramm Inhalt. Bei einem Preis von 8.50 Franken längen die Kosten deutlich höher als die des gemischten Kehrichts: «Wenn man dazu noch in Betracht zieht, dass die Stadt Thun alle 80-Liter-Säcke mit einem Franken subventioniert hat und in Abfuhr und Öffentlichkeitsarbeit zusätzliche rund 50'000 Franken steckte, ist klar, dass die Kunststoffsammlung in dieser Form – sie kostete in diesem Jahr rund das zehnfache der restlichen Kehrichtentsorgung – nicht weiterbestehen kann.»

Abfuhr bis und mit November sichergestellt

Der Sackverkauf werde nun eingestellt, verlautet im weiteren: «Die Bevölkerung wird über die Medien und Anfang Oktober per Flugblatt informiert.» Die monatlichen Abfuhren von September, Oktober und November sollen planmässig durchgeführt werden, und auch die Annahmestellen nähmen noch bis Ende November volle Säcke entgegen. Im Dezember gehe der letzte Transport nach Weinfelden: «Für Lieferungen ab Juli hat die PR Recycling AG immerhin eine Verwertungsquote von 50 Prozent versprochen.» Noch ungebrauchte Säcke könnten ab sofort an allen Verkaufsstellen zurückgetauscht werden. Die Bevölkerung werde Anfang Oktober per Flugblatt informiert. Tips zum weiteren Vorgehen: Keine Polysäcke mehr kaufen, ungebrauchte Säcke an einer der Verkaufsstellen zurücktauschen und angefangene Säcke weiter füllen.

Im Gewerbebereich leichter zu praktizieren: Nur noch sortengetrennte Kunststoffe

Die Ergebnisse des Thuner Versuches könnten laut Medienmitteilung leicht das ganze Kunststoffrecycling in Frage stellen: «Das darf nicht sein, denn die Auswertung hat auch neue Wege aufgezeigt.» Es gebe einen noch kleinen, aber erfolgreichen und wachsenden Kunststoffmarkt, allerdings nur für sortenreine Kunststoffe. Reine Polyethylenfolie beispielsweise habe zurzeit einen Wert von 50 Franken pro Tonne. Dieser Preis lasse sich mit dem von Papier vergleichen. Dass sich die Papiersammlung lohne, sei erwiesen. Solche Folien fielen bei Thuner Gewerbebetrieben in beträchtlichen Mengen an: «Das Sammeln von Kunststoffen aus Industrie und Gewerbe ist daher dank grosser Sortenreinheit einfacher und erfolgversprechender.»

Abfallsammelhof ab Mai 2001 als neue Chance

Vorerst sollen nur noch PE-Folien aus dem Gewerbe gesammelt und entgegengenommen werden. Ein geplanter Abfallsammelhof an der Industriestrasse biete beste Voraussetzungen für eine kontrollierte Annahme: «Mit der Eröffnung im Mai 2001 soll deshalb die neue Kunststoffsammlung lanciert werden.» Gewerbebetriebe, die jetzt schon sammelten, müssten damit nicht aufhören: «Während der Übergangszeit können die PE-Folien im Werkhof an der Grabenstrasse lose oder in Paletten mit Rahmen abgegeben werden.» Eine Gebühr, die deutlich unter dem Entsorgungspreis für Gemischtkehricht liegen werde, soll Handling und Transport decken: «Die Betriebe werden im Oktober über die genauen Bedingungen informiert.»

Viele positive Reaktionen und die gute Sammeldisziplin hätten gezeigt, dass Kunststoffsammeln einem Bedürfnis vieler entspreche, doch gebe es vorläufig kein Angebot mehr für Privathaushalte: Sortenreinen Kunststoff aus Haushalten zu sammeln, sei problematisch, da die Sortenerkennung sehr schwierig sei: «Wie ein zurzeit laufender Versuch in Zug zeigt, ist es trotz verbreiteter Beschriftungen für Laien schwierig, PE (Polyethylen) von PP (Polypropylen) oder von PS (Polystyrol) zu unterscheden.» Zurzeit gebe es aber in der Schweiz noch keine Firma, die erfolgreich Kunststoffe aus Privathaushaltungen verwerte: «Sobald es Abnehnmerfirmen gibt, soll eine mit vernünftigem Aufwand realisierbare kontrollierte Annahme von sortenreinen Haushaltskunststoffen geprüft werden.» Dies entspreche auch dem Abfallkonzept der Stadt Thun aus dem Jahr 1991, in welchem festgehalten sei, dass die Wiederverwertung Vorrang vor Deponierung oder Verbrennung haben soll.

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