Dienstag, 5. September 2000
«Tag der offenen Sperren» im Kandertal
«Letzi», Burg und Sperre von 1941 in Reichenbach-Mülenen
aid/S. Am kommenden Samstag Nachmittag, 9. September 2000 können die mittelalterlichen Wehranlagen («Letzi» und Burg Mülenen) und die moderne Sperre aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs in Reichenbach-Mülenen unter kundiger Führung besichtigt werden. Die Führungen finden am Samstag, 9. September 2000 jeweils um 13, 14.30 und 16 Uhr statt. Treffpunkt ist der Parkplatz beim Gasthof «Bären» in Mülenen. Parkplätze befinden sich bei der BLS-Station Mülenen und der Talstation der Niesenbahn.
Der heutige Weiler Mülenen liegt in der Verengung am Eingang des Kandertals. Seine strategische Bedeutung ist augenfällig. Mit verhältnismässig geringem Aufwand kann hier der Eingang zum Tal kontrolliert werden. Im Mittelalter wurde der Taleingang mit einer Mauer, der sogenannten Letzi, der Burg und dem Städtchen Mülenen geschützt. Zusätzlich verstärkt wurde die Talsperre durch den künstlich vor Burg und Letzi geleiteten Suldbach. Die Anfänge der Wehranlage reichen bis ins späte zwölfte Jahrhundert zurück. Um das Jahr 1400 wurden Burg und Letzi aufgegeben.
Im Zusammenhang mit dem Bau der Umfahrungsstrasse wurden die Überreste der «Letzi» im Jahr 1990 wieder entdeckt. In den Jahren 1990 bis 1996 wurden die «Letzi» und Teile der Burg Mülenen vom Archäologischen Dienst des Kantons Bern untersucht, konserviert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Burg und «Letzi» stehen seit dem Jahr 1992 unter dem Schutz von Bund und Kanton. Neben wissenschaftlichen Publikationen liegt nun auch ein Faltprospekt für das historisch interessierte breite Publikum vor. Aus diesem Anlass möchte der Archäologische Dienst am kommenden Samstag die Talsperren von Mülenen der Öffentlichkeit vorstellen. Zu sehen sein werden an diesem «Tag der offenen Sperren» auch Teile der militärischen Sperranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg.
Aus dem Faltprospekt
Der mittelhochdeutsche Ausdruck «Letzi» bedeutet laut Faltprospekt Hinderung, Hemmung, Schutzwehr oder Grenzbefestigung. Eine Letzi sollte feindlichen Durchmarsch abweisen, Viehraub, Plünderung und Brandschatzung verhindern. Gleichzeitig legte sie als Repräsentationsobjekt Zeugnis von der wirtschaftlichen Macht der Grundherrschaft ab. Im Kanton Bern sind nur in Mülenen und Wimmis Letzinen als Geländedenkmale erhalten geblieben. Vergleichbare Letzinen finden sich vor allem in der Zentralschweiz (Näfels, Sattel/Morgarten, Rothenthurm, Brunnen, Arth), jedoch keine in annähernd ähnlichem Überlieferungszustand oder von Bauten unverstellt.
Die Letzi von Mülenen
Der heutige Weiler Mülenen liegt in der Verengung am Eingang des Kandertals. Seine strategische Bedeutung ist augenfällig: Mit verhältnismässig geringem Aufwand konnte hier im Engnis das Tal kontrolliert oder gesperrt werden. Wehrtechnische Zeugen aus verschiedenen Zeiten sind in selten eindrücklicher Weise überliefert.
Historisches
Die Anfänge der aus Letzimauer, Burg, und Städtchen bestehenden, talauswärts gerichteten Talsperre reichen ins späte zwölfte Jahrhundert zurück. Mit dem künstlich vor Burg und Letzi durchgeleiteten Suldbach wurde die Sperre zusätzlich verstärkt. Besitzer des urkundlich im Jahr 1269 erstmals erwähnten Ortes waren die Freiherren von Kien, um 1290 die von Wädenswil. Im Jahr 1294 erfolgten hier wohl Kampfhandlungen in der Fehde derer von Wädenswil mit der Stadt Bern. Grosse und genaue Lage des Städtchens, das übrigens nur beim Chronisten Justinger erwähnt ist, bleiben vorerst unklar: Im Jahr 1331 ist von einem «stetli mülinon» die Rede. Stadtrechte sind nicht bekannt.
Nach verschiedenen Handwechseln gelangte Mülenen im Jahr 1352 durch Verkauf an die Stadt Bern. Wegen der Verlegung des Landvogteisitzes auf die Tellenburg bei Frutigen wurden Burg und Letzi Mülenen um 1400 preisgegeben und in der Folge als Steinbruch benützt.
Archäologisches
Im Zusammenhang mit dem Bau der Umfahrungsstrasse wurde die Letzi im Jahr 1990 wiederentdeckt. 1990 bis 1996 konnte sie zusammen mit wesentlichen Teilen der Burg durch den Archäologischen Dienst des Kantons Bern untersucht und im Jahr 1995 mit Hilfe des Bundes konserviert werden. Seit 1992 stehen Burg und Letzi unter dem Schutz von Bund und Kanton.
Die archäologischen Befunde belegen, dass die heute konservierten Reste nicht die ältesten Bauspuren sind; es darf eine Vorgängersperre (aus Holz?) angenommen werden, die vielleicht schon in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bestand. Von der heute sichtbaren, zweiten Letzi des 13. Jahrhunderts hat sich die 1,45 Meter breite Sperrmauer mit rund 1,5 Meter der einstigen Höhe von 3 bis 5 Meter erhalten. Die Mauerstärke lässt Wehrgang und Brüstung annehmen. Unregelmässigkeiten im Mauerwerk und Abdrücke improvisierter Holzverschalungen belegen, dass die Errichtung unter grossem zeitlichem Druck erfolgte. Im Süden ermöglichte ein Rondenweg das Zirkulieren der Mannschaft. Nach Norden, also feindseitig, erschwerte ein vorgelagerter Böschungsabsatz (Berme) und davor der umgeleitete Suldbach die Annäherung. Das Geländerelief ist zwischen Tankstelle und Letzimauer östlich der Umfahrungsstrasse angedeutet.
Im Zentrum der Anlage stand die Burg, die in vier Bauphasen nach zum Teil mächtigen künstlichen Aufhöhungen des Burghügels entstand. Kern bildete das 10 mal 19 Meter messende Hauptgebäude in einem annähernd quadratisch ummauerten Geviert von 24 Meter Seitenlänge. Hier befand sich auch der heute im Chalet-Neubau konservierte Sodbrunnen.
Sperre von 1941
Die Talsperre des Zweiten Weltkriegs – moderne Nachfolgerin der mittelalterlichen Letzi: Mit der Errichtung der Zentralraumstellung «Reduit» ab 1941 erhielt das Engnis Mülenen – auch im Zusammenhang mit der hier vorgesehenen Unterbrechung der international bedeutenden Lötschberg-Transitachse BLS – operative Bedeutung.
Der Auftrag zur Sperrung der Passage obligé (siehe Operationsbefehl Nr. 13) wurde vom 1. Armeekorps wie folgt umgesetzt: Mit konsequentem Ausbau des schon im Jahr 1867 begradigten Suldbachlaufes zu einer Betonwanne von 14,5 Meter Breite und 3,5 Meter Tiefe entstand ein für damalige Raupenfahrzeuge kaum überwindbarer Panzergraben. Dieser wurde feindseitig verstärkt durch Infanteriehindernisse, Minenparzellen und Sprengfallen. Den taleinwärts liegenden Uferstreifen verstärkten fünf Betonhöckerstreifen – sogenannte Toblerone-Pyramiden – und Stacheldrahthindernisse. Fahrzeugbreite Durchlässe in den Hinderniszonen ermöglichten den Talverkehr. Sie konnten unverzüglich durch Einführen von Eisenbahnschienenstücken (Steckbarrikaden) in einbetonierte Halterungen geschlossen werden. Geladene Sprengkammern hätten die sofortige Unterbrechung der BLS-Transitachse ermöglicht. Die Überlagerung der Geländeverstärkungen mit Feuer erfolgte aus dem zentralen Werk (Bunker) auf dem ehemaligen Burghügel – heute im Chalet-Neubau integriert – sowie aus den beiden Flankenwerken Niesen und Berg. Eine im Dispositiv integrierte Batterie 10,5-Zentimeter-Kanonen war für den Fernkampf vorgesehen (betonierte Stellungen mit Unterstandskaverne). Das zur Batterie gehörende Richtgeschütz stand in einem vorgeschobenen, meisterhaft getarnten Bunker nördlich des Suldbachs. Eingerichtet auf das Sperrdispositiv Mülenen war zusätzlich ein überhöhtes, seitlich zurückgestaffeltes Felswerk.
Letzi von Wimmis
Die Letzi von Wimmis «Spissi» ist archäologisch noch nicht untersucht. Sie befindet sich im Engnis zwischen Burgfluh und Niesen-Nordflanke. Hangabwärts ist ihr ein Graben-Wallsystem vorgelagert. Vom ursprünglichen Tordurchlass führt hangwärts ein Hohlweg hoch. Zwei weitere Durchlässe wurden nach Aufgabe der Letzi geöffnet. Der Wall wurde im Nordteil in den zwanziger Jahren zwecks besserer Landnutzung abgetragen.
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