| Alpengarten Schynige Platte: Albrecht von Hallers Spätfolgen
Der Alpengarten Schynige Platte ist eine indirekte Spätfolge des Gedichts «Die Alpen», mit dem Albrecht von Haller im 18. Jahrhundert Europa begeisterte. Die von Haller besungenen Blumen stehen derzeit in Blüte.
Als König, vor dem sich alle anderen Blumen verneigen, besingt Albrecht von Haller den Gelben Enzian (Gentiana lutea) in seinem Gedicht «Die Alpen». (Bilderzvg)
pd/bns. «Dort ragt das hohe Haupt am edlen Enziane weit übern niedern Chor der Pöbel-Kräuter hin; ein ganzes Blumen-Volk dient unter seiner Fahne, sein blauer Bruder selbst bückt sich und ehret ihn», dichtete der Berner Universalgelehrte, dessen 300. Geburtstag dieses Jahr gefeiert wird, im Jahr 1729 in den «Alpen».
Weil Albrecht von Haller bei allem Dichten immer auch Botaniker bleibt, beschreibt er seinen «König der Blumen» ein paar Zeilen weiter mit wissenschaftlicher Präzision als Gelben Enzian (Genitana lutea): «Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen, türmt sich am Stengel auf und krönt sein grau Gewand.» Und als Arzt attestiert Haller dem als Mittel gegen Magenverstimmungen bekannten Enzian schliesslich auch «eine schöne Seele». Mit diesen Versen wurde der Gelbe Enzian auf einen Schlag berühmt, gehörte doch Hallers Alpen-Epos im 18. Jahrhundert zu den meistgelesenen Gedichten in Europa.
Vom Sammeln zum Schutz
Die von Hallers «Alpen» ausgelöste Alpenbegeisterung hatte handfeste Folgen: Besonders im Berner Oberland wurde der Tourismus ein erstes Mal kräftig angeschoben. Zugleich führte das neue Interesse an der Flora aus der wilden Bergwelt in Kombination mit der romantischen Vorliebe für englische Landschaftsgärten dazu, dass massenhaft Alpenpflanzen ausgegraben wurden. Schon um das Jahr 1770 gab es einen englischen Katalog für Alpenpflanzen aus der Schweiz. Vom Dom wurden kistenweise «exotische» Bergblumen nach England gebracht. Als man im späten 19. Jahrhundert merkte, dass insbesondere die selteneren Arten wegen der grossen Sammelleidenschaft zu verschwinden drohten, entstand im Jahr 1883 in der Romandie unter dem Schirm des SAC eine Vereinigung zum Schutz der Pflanzen, die 1890 bereits 600 Mitglieder zählte und der später weitere Organisationen in der Deutschschweiz folgten. Die selben Kreise engagierten sich auch für die Gründung von Alpengärten.
Die Blüten der Sterndolde (Astrantia major) beschreibt Haller in seinen Versen mit wissenschaftlicher Präzision: «Der Blumen zarten Schnee, den matter Purpur färbet, schliesst ein gestreifter Stern in weisse Strahlen ein.»
In den auf verschiedene Höhenstufen verteilten «Akklimatisierungsgärten» zog man Pflanzen zum einen nach, um sie an sicheren Orten zu erhalten. Zum andern wurden die Bergblumen schrittweise an tiefere Höhenstufen akklimatisiert und für den Handel vermehrt, was den Druck auf die natürlichen Vorkommen reduzierte. Schliesslich waren die Gärten von Anfang an auch Touristenattraktionen und versuchten zugleich, das Publikum für den Naturschutz zu sensibilisieren. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begannen die Kantone, bedrohte Pflanzen gesetzlich unter Schutz zu stellen – eine Massnahme, die Erfolg hatte, weil Naturschutzorganisationen und Alpengärten ein breites Publikum erreichten und weil zugleich die Schulen schon den Kindern beibrachten, geschützte Blumen zu erkennen und zu schützen. Im 20. Jahrhundert, als viele Pflanzen und Pflanzengesellschaften durch die Veränderungen in der Landwirtschaft und der Landschaftsnutzung grossflächig unter Druck gerieten, rückte der Schutz bedrohter Lebensräume in den Vordergrund. Auch in diesem Bereich engagieren sich Institutionen wie der 1927 gegründete Alpengarten Schynige Platte mit ihrer langjährigen Erfahrung, mit Forschung und Information – im Bestreben, die von Haller beschriebene Vielfalt und Schönheit der Pflanzen und ihrer Lebensräume zu erhalten.
Hochstauden in Blüte
Im Alpengarten Schynige Platte blühen derzeit mit dem Gelben Enzian, der Grossen Sterndolde, dem Alpen-Leinkraut und (allerdings nur noch in den letzten Zügen) der Rostblättrigen Alpenrose alle vier in Hallers «Alpen» beschriebenen Blumen.
Insgesamt zeigt der botanische Alpengarten Schynige Platte 600 Pflanzenarten aus den Schweizer Alpen in ihren Pflanzengesellschaften in 15 verschiedenen Gruppen; Gegenwärtig steht mehr als die Hälfte davon in Blüte. Besonders prächtig sind im Spätsommer die Hochstauden mit dem Gelben Enzian und dem purpurfarbenen Ostalpen-Enzian, mit Fingerhut und Eisenhut, Rittersporn, Himmelsleiter oder Weidenröschen. Daneben blühen auch zarte Polsterpflänzchen wie etwa der Milchweisse Mannsschild; und mit den ersten Studentenröschen kündigt sich auch schon leise der Herbst an.
Alpengarten Schynige Platte. Öffnungszeiten täglich 7.30 bis 18.00 Uhr. Eintritt: frei. Führungen nach Voranmeldung 50 Franken pro Gruppe (ab 20 Personen wird eine Gruppe geteilt). – Telefon: 033 822 28 35. – Anfahrt per Bahn (Interlaken Ost–) Wilderswil–Schynige Platte: Fahrzeit ab Wilderswil 50 Minuten (www.jungfraubahn.ch). – Weitere Informationen: www.alpengarten.ch / Überblick und Links zu den Alpengärten und anderen botanischen Gärten der Schweiz.
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