Eisfunde vom Schnidejoch: 1000 Jahre älter als Ötzi
Die prähistorischen Objekte, die seit dem Jahr 2003 auf dem Schnidejoch im Berner Oberland aus dem Gletschereis aufgetaucht sind, haben sich als weit älter erwiesen als bisher angenommen. Sie stammen aus der Zeit um das Jahr 4500 vor unserer Zeitrechnung und sind damit mindestens 1000 Jahre älter als die Gletschermumie Ötzi.
Die Archäologen Kathrin Glauser und Albert Hafner fotografieren Fundgegenstände auf dem Schnidejoch. Unten rechts ist ein aus dem Eis ausschmelzender Birkenköcher zu sehen. (Bilder Archäologischer Dienst des Kantons Bern/zvg)
pd/bns. Zu den wichtigsten auf einer internationalen Tagung von Archäologen und Klimawissenschaftern in Bern präsentierten Forschungsergebnissen zählen laut einer Medienmitteilung neue Altersbestimmungen der insgesamt über 300 Eisfunde auf dem Schnidejoch, einem auf 2756 Meter über Normalnull gelegenen Übergang auf halbem Weg zwischen der Lenk und Sitten im Wallis. In klimatisch günstigen Zeiten sei das Schnidejoch als Verkehrsweg genutzt wurde. Die in den Jahren 2003 bis 2007 entdeckten Objekte reichten von prähistorischen Kleidungsstücken aus Leder und Bast, über einen Köcher und Pfeile, bis zu bronzenen Gewandnadeln und römischen Schuhnägeln. Nun sei das Alter von 46 dieser Fundstücke an der ETH Zürich mit Hilfe der Radiokarbonmethode exakt bestimmt worden. Dabei habe sich gezeigt, dass die Funde rund 1500 Jahre älter sind als ursprünglich angenommen. Albert Hafner, der Verantwortliche des Schnidejoch-Projekts beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern: «Wir wissen nun, dass es sich bei den Eisfunden vom Schnidejoch um die ältesten dieser Art in den Alpen handelt.»
Fragmente eines einfachen neolithischen Lederschuhs, der im Jahr 2004 auf dem Schnidejoch gefunden wurde.
DNA-Analyse von 5000jährigen Lederfunden
Die an der Schnidejoch-Tagung vorgestellten Ergebnisse sorgten nach Angaben des Archäologischen Dienstes bei den Teilnehmern nicht zuletzt aus methodischer Sicht für Aufsehen: «Angela Schlumbaum vom Institut für prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Basel zum Beispiel präsentierte eine DNA-Analyse von 5000jährigen Lederfunden vom Schnidejoch – ein weltweit einzigartiger Erfolg. Damit steht fest, dass die Hose, welche ein vermutlich verunfallter steinzeitlicher Berggänger bei seinem Marsch zwischen dem Berner Oberland und dem Wallis trug, aus dem Leder einer Hausziege gefertigt worden war.» Wertvolle Informationen auch für die Klimaforschung «Seit die Gletscher schmelzen, gibt das Eis auf der ganzen Welt archäologisch hochinteressante Fundstücke frei», heisst es in der Medienmitteilung: «Doch auch für die Klimaforschung liefern diese Gegenstände aus prähistorischer und frühgeschichtlicher Zeit wertvolle Informationen.» Erstmals seien nun in Bern Spezialisten aus beiden Forschungsgebieten zusammengekommen, um die Erkenntnisse, die sie aus diesen Funden gewonnen hätten, auszutauschen. An der vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern und dem Archäologischen Dienst des Kantons Bern organisierten Tagung hätten120 Forscher aus allen Ländern teilgenommen, in denen bisher Gletscherfunde dieser Art gemacht worden seien: Kanada, Norwegen, Österreich, Italien, Schweiz und die USA. Archäologen und Klimaforschende arbeiten zusammen
Ursprünglich sei die Tagung, die unter dem Titel «Ötzi, Schnidi und die Rentierjäger: Eisfeldarchäologie und der Klimawandel des Holozäns» stattgefunden habe, als Bestandesaufnahme der Schnidejoch-Forschung in kleinem Kreis gedacht gewesen, verlautet im weiteren: «Doch das grosse internationale Interesse am Thema liess das Treffen zu einem veritabeln wissenschaftlichen Symposium anwachsen – das weltweit erste seiner Art. Bis anhin gingen Archäologen und Klimaforscher bei ihrer Arbeit gewöhnlich getrennte Wege.»Wie die Berner Tagung gezeigt habe, könnten die beiden Forschungsrichtungen aber durchaus voneinander profitieren. «Dem Einfluss des Klimas auf geschichtliche Entwicklungen wie zum Beispiel Migrationsbewegungen wurde bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt», erklärt der Archäologe Albert Hafner. Und Martin Grosjean, Professor für Geographie an der Universität Bern sowie Direktor des Oeschger Zentrums erklärt: «Die Schnidejoch-Funde erlauben die bis anhin präziseste Rekonstruktion von Gletscherschwankungen im Alpenraum in prähistorischer Zeit.
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