«Meyerschwümm» an der Ausstellung in Goldswil: Riesenschirmlinge in verschiedenen Wachstumsstufen (linke Bildhälfte) und rechts davon der ebenfalls essbare Flockenstielige Hexenröhrling. (Bilder Peter Schmid) pd/bns. Vor zwölf Jahren begann der Ringgenberger Werner Meyer Pilzmodelle aus Polyurethan-Schaum zu herzustellen. Damals wollte er eigentlich keine Kunstwerke schaffen, sondern Anschauungsmaterial für Ausbildungszwecke jederzeit griffbereit haben. Was dann in jahrelanger Entwicklung entstand, ist eine faszinierende Vielfalt an handgefertigten Pilzmodellen, die von ihren natürlichen Vorbildern kaum zu unterscheiden sind. Zusammen mit dem Pilzverein Interlaken präsentierte der Künstler am Wochenende vom 21. und 22. April sein Schaffen an einer Ausstellung in Goldswil. Als Mitglied der technischen Kommission des Pilzvereins Interlaken war Meyer immer wieder mit der Situation konfrontiert worden, dass gewisse Pilzarten gerade nicht zur Verfügung standen. Es sollte doch eine Möglichkeit geben, Pilze für den praktischen Unterricht jederzeit verfügbar zu haben. Konservierungsmethoden wie etwa in Formalin entsprachen aber entweder nicht seinen Qualitätsvorstellungen oder waren zu unsicher und zu teuer. Auf der Suche nach einer besseren Lösung erinnerte er sich an eine Tischdekoration, die er einmal aus Polyurethan-Schaum gebastelt hatte. Sollte diese Kunststoffverbindung vielleicht als Ausgangsmaterial für die Herstellung von Modellen dienen können?
Weder der giftige Fliegenpilz (linke Bildhälfte) noch der schmackhafte Steinpilz dürfen in der Ausstellung fehlen.
Material und Werkzeug
Polyurethan-Montageschaum wird weltweit auf Baustellen verwendet, ist in jedem Baumarkt zu haben und kann leicht bearbeitet werden. Nun benötigte Meyer lediglich ein paar geeignete Messer und Meissel. Bald einmal stellte er aber fest, dass die üblichen Schnitzwerkzeuge für seine Zwecke zu grob waren. Zum Schneiden von filigranen Pilzlamellen ist nicht nur eine sichere Hand notwendig, sondern auch eine feine Messerschneide wie etwa jene einer Rasierklinge. Das Führen einer solchen bot dem gelernten Coiffeur kein Problem. Sein feinstes und nützlichstes Werkzeug, ein Skalpell wie es von Chirurgen verwendet wird, fand Meyer dann bei einem befreundeten Arzt.
Verschiedenste Farben verleihen den Modellen wie hier dem Dunkelvioletten Schleierling ein natürliches Aussehen.
Formen und Farben
Aber wie wird aus einer Rohform aus Polyurethan-Schaum ein naturgetreues Pilzmodell mit seinen oft winzigen aber für die Bestimmung doch typischen Merkmalen? «Ich benutze für den Feinaufbau der Pilzkörper nebst Polyurethan-Schaum oft auch Watte, die ich mit Haarlack verfestige», gibt Meyer eines seiner Geheimnisse preis. «Das rohe Modell wird in der Regel anschliessend mit weissem Dispersionslack grundiert. Der anschliessende Prozess einer natürlichen Farbgebung ist eine überaus heikle Arbeitsstufe». Meyer verwendet zu diesem Zweck alle erdenklichen Farbstoffe, von ganz einfachen Wasserfarben bis hin zu komplexen Haartönungsmitteln. «In zahllosen Versuchen erreichte ich oft ganz einfache Lösungen, um die Oberflächenstrukturen natürlich erscheinen zu lassen. Winzige Schüppchen auf Hüten und Stielen bestimmter Pilzarten erreichte ich beispielsweise mit frisch gemahlenem schwarzem Pfeffer». Jahrzehntelange Liebe zu Pilzen
Erste Kontakte zur Welt der Pilze hatte Werner Meyer bereits im Alter von drei Jahren, als ihn sein Vater auf seine ausgiebigen Sammeltouren mitnahm. Die enge Beziehung zur Natur blieb ihm bis heute erhalten. In seinem Hüttli auf der Lombachalp oberhalb von Habkern verbringt er manches Wochenende zusammen mit seiner Gattin Beatrice.
Werner Meyer verwendet alle erdenklichen Farbstoffe, von ganz einfachen Wasserfarben bis hin zu komplexen Haartönungsmitteln. (Bild zvg)
Auch
Misserfolge
Ein Künstler muss sich auch mit misslichen Situationen abfinden können. Besonders die anfängliche Versuchsphase seines Wirkens war von Misserfolgen begleitet. Als Meyer am Anfang einmal die geschnitzten Modelle in Unkenntnis seiner Wirkung mit Kunstharzlack stabilisieren wollte, fand er am nächsten Morgen nur noch eine Masse von undefinierbarer Form vor. Sehr viel mehr ärgerte er sich aber Jahre später, als er einige im Vereinslokal gelagerte Pilzmodelle abholen wollte. Beim Öffnen des Schrankes musste er feststellen, dass diese von Mäusen bis zur Unkenntlichkeit zerstört und grösstenteils aufgefressen waren.
Ein Höhepunkt seines Schaffens
Seine erste Ausstellung präsentierte Werner Meyer im Februar 1997 an der Hauptversammlung des Vereins für Pilzkunde Interlaken und Umgebung, in dessen technischer Kommission er aktiv mitwirkt. Im April 1999 präsentierte Meyer seine Werke erstmals einer breiten Öffentlichkeit. Im August 2000 folgte eine Sonderausstellung im Rahmen der Schweizerischen Pilzbestimmertage im Kursaal Interlaken. Stetig arbeitete Meyer an seinem Werk, bis er eine solche Perfektion erreichte, dass seine Modelle heute auch als Objekte für Schulungszwecke eingesetzt werden. Was es am Wochenende vom 21. und 22. April 2007 in Goldswil zu besichtigen gab, gehört wohl weltweit mit zu den schönsten Nachahmungen aus der farben- und formenreichen Wunderwelt der Pilze. Einfach und bescheiden, wie es seiner Natur entspricht, beschreibt der Künstler sein Lebenswerk mit einem einfachen, aber umfassenden Ausdruck: «Meyerschwümm».
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