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Alpengarten Schynige Platte: Sense holt Blumen zurück

Seit 80 Jahren dient der botanische Alpengarten Schynige Platte oberhalb von Wilderswil der Wissenschaft, dem Naturschutz und dem Tourismus. Als Grundlage für die künftige Arbeit wurden nun die Erfahrungen in einem Pflegewerk gesammelt.

Paul Brunner vom Gartenteam mäht die Milchkrautweide. (Bild zvg)

pd/bns. Dass im Alpengarten Schynige Platte von Hand gemäht wird, ist laut einer Medienmitteilung nicht in erster Linie als Publikumsattraktion gedacht: In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren war der Garten mit dem Faden (Motorsense) gemäht worden – mit dem Erfolg, dass in einer blumenreichen Blaugrashalde Seggen und Gräser zunahmen, während Blumen wie die Straussblütige Glockenblume (Campanula thyrsoides) stark zurückgingen. Nachdem man daraufhin wieder auf die Sense umstieg, kehrten auch die Blumen zurück. Neue Erkenntnisse bestätigen, dass der Faden oft bei der stark unregelmässigen Oberfläche die Überwinterungsknospen der Blütenpflanzen verletzt hatte, so dass sie in der Konkurrenz mit den Seggen und Gräsern ins Hintertreffen gerieten.

Diese Erfahrung ist eine von vielen, die jetzt in einem Pflegewerk festgehalten sind. Allerdings heisst das nicht, dass der ganze Garten nun gleichmässig mit der Sense gemäht wird – denn schliesslich zeigt er unterschiedliche Pflanzengesellschaften, die in den Kulturlandschaften der Alpen auch durch unterschiedliche Nutzungsformen entstanden sind.
Das Pflegewerk des Alpengartens beschreibt detailliert 68 Quartiere, und fast für jedes werden spezifische Pflegemassnahmen aufgeführt. Jährlich geschnitten werden zum Beispiel die nährstoffreichen und entsprechend schnell wachsenden Gesellschaften wie die Milchkrautweide. Andere, magerere Gesellschaften wie die Rostseggenhalde werden nur jedes zweite oder dritte Jahr gemäht – so, wie das bei vielen Wildheumähdern üblich war. Ein Teil der Flächen wird nach der Schneeschmelze «gerieschet» – das heisst, mit Rechen oder von Hand vom alten, dürren Gras befreit. Und ein Stück karge Borstgrasweide wird seit den 1970er Jahren wieder jeden Juli von zwei Schafen beweidet, nachdem im betreffenden Quartier typische Arten wie Borstgras, Arnika und Purpurenzian immer seltener geworden waren und man zum Schluss kam, dass es zur Erhaltung dieser Pflanzengesellschaft vermutlich keinen gleichmässigen Schnitt, sondern selektiv fressende Tiere braucht.
 
80 Jahre Erfahrung  
Ebenso wie das Mähen, Rieschen und Weiden behandelt das Pflegewerk auch alle anderen Arbeiten im Garten, vom Sammeln der Samen (für die eigene Vermehrung und für den Samentausch der Botanischen Gärten) und der Herstellung geeigneter Substrate über die Aussaat und das Auspflanzen bis zum Jäten, mit dem vor allem auf den künstlich angelegten Standorten die Pflanzengesellschaften im Gleichgewicht gehalten werden.
Weitere Kapitel behandeln die Dokumentation sowie die Wissensvermittlung für ein breites Publikum. Geschrieben haben das Pflegewerk die vormalige Chefgärtnerin und der wissenschaftliche Leiter des Alpengartens, Verena und Otto Hegg-Nebiker. Dazu haben sie 50 Jahre eigene Arbeitserfahrung und Diskussionen mit Gärtnerinnen sowie das Archiv des 1927 gegründeten Alpengartens mit Jahresberichten, Arbeitsbeschreibungen, Blühkalendern, Artenlisten und anderen Daten aus den letzten 80 Jahren ausgewertet. Zusätzlich wurde Manches Altgewohnte hinterfragt und neue Erkenntnisse aus der Fachpresse und aus Diskussionen mit Fachleuten eingearbeitet.

Drei Aufgaben
«Im Alpengarten mit seiner kurzen Vegetationszeit und ihrer leider oft nur wenige Sommer dauernden Anstellungszeit kann eine Gärtnerin das Resultat ihrer Arbeit nicht immer selber sehen», wird Verena Hegg in der Medienmitteilung zitiert: Schon allein deswegen müssen die Erfahrungen schriftlich festgehalten werden – und die handliche Zusammenfassung im neuen Pflegewerk garantiert, dass sie für jede neue Gärtnergeneration jederzeit greifbar sind.
Dazu kommt, dass man über die Ökologie vieler Pflanzenarten noch zu wenig weiss – ganz zu schweigen von der Kultivierung in der alpinen Stufe. Viele Gartenarbeiten sind deshalb auch ein Stück Forschungsarbeit und müssen vom Gartenteam entsprechend sorgfältig dokumentiert werden. So sind Datenreihen entstanden, die zum Teil bis in die 1930er Jahre zurückreichen und die nun – zum Beispiel zur Erforschung des Klimawandels und seiner Folgen – wissenschaftlich ausgewertet werden können.

Zugleich soll der Garten, der jeden Sommer von rund 25 000 bis 30 000 Gästen aus aller Welt besucht wird, seinen grossen Reichtum ansprechend präsentieren. Damit dient er einerseits dem Tourismus und erfüllt anderseits eine wichtige Naturschutzaufgabe. Otto Hegg: «Mit seiner Artenvielfalt, mit der Präsentation der Pflanzen in ihren natürlichen Pflanzengesellschaften macht der Alpengarten ökologische Zusammenhänge erkennbar und mit den Führungen und den Auskünften, die das Personal während der Arbeit im Garten erteilt, sensibilisieret er das Publikum für Naturschutzanliegen.»

«Schön, aber auch richtig»
Das Pflegewerk geht davon aus, dass die Anforderungen von Wissenschaft, Tourismus und Naturschutz berücksichtigt werden können, wenn der Garten «schön, aber auch richtig» ist. Das heisst, dass die Blumenpracht in einer Weise gezeigt wird, die sich pflanzenökologisch begründen lässt und die deshalb auch jenen Besuchern – Laien und Wissenschaftern – etwas bietet, die nach naturwissenschaftlichen Erklärungen für diesen ökologischen Reichtum fragen. Und es heisst anderseits, dass der wissenschaftlich geführte Garten die Menschen auch emotional durch seine pure Schönheit ansprechen und so ihr Interesse wecken soll. Wie in den letzten 80 Jahren an diesem Ziel gearbeitet wurde, zeigt die erste Auflage des Pflegewerks. «Aber so wohl durchdacht das Werk ist, es ist nie abgeschlossen», sagt Otto Hegg. «Denn in dem Mass, wie beim Arbeiten im Garten neue Erkenntnisse gewonnen werden, muss das Handbuch von allen Beteiligten immer wieder neu diskutiert und ergänzt werden.»

Eile mit Weile
«Erfolg und Misserfolg sind in der alpinen Stufe selten kurzfristig sichtbar», hält das neue Pflegewerk des Alpengartens zur Kultur von Alpenpflanzen fest. Die Aussage illustriert Otto Hegg am gut erforschten Beispiel der Arve: Damit ein neuer Baum entsteht, muss eine alte Arve blühen; die Samen müssen drei Jahre reifen und von einem Tannenhäher am richtigen Ort als Wintervorrat vergraben und dann vergessen werden; das junge Bäumchen muss Schneedruck, Schneeschimmel, Lawinen und Trockenheit überstehen: «Bis die junge Arve mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit am Leben bleibt und selber wieder blüht, braucht es über 50 Jahre, während denen zur richtigen Zeit das Richtige geschieht und kein falsches Ereignis den Erfolg zunichtemacht.» Bei den Krautpflanzen im Alpengarten reduziere sich diese Zeitspanne etwas – aber anderseits wird das Problem auch Komplexer, sobald es um die Erhaltung ganzer Populationen und Pflanzengesellschaften geht. «Das heisst, wir müssen in der alpinen Stufe bei allem, was wir tun, Geduld haben, aber auch die Pflanzen mit dem richtigen Wissen pflegen, damit der Erfolg eintreffen kann.»

Spätsommer im Alpengarten
Neben attraktiven Blütenständen wie den «Haarmannli» – den Wuschelköpfen der verblühten Alpenanemonen – oder den nach Anis duftenden Süssdolden zeigt der Alpengarten Schynige Platte immer noch rund hundert blühende Arten. Dazu gehören vor allem Hochstauden wie Eisenhut, Rittersporn und Alpenmannstreu, aber auch die transparent geäderten, weissen Studentenröschen, die violetten Feldenziane, der zierliche Moorenzian im künstlich angelegten Flachmoor, die rötlichweissen Hirschheil-Dolden in der Kalkschutthalde und die leuchtend gelben Sterne des Scharfen Mauerpfeffers im trockensten Teil des Urgesteinsfeldes. Eben die ersten Blüten, respektive die Hüllblätter, geöffnet haben die Schwalbenwurzenziane und die Silberdisteln.

Alpengarten Schynige Platte 2007. Öffnungszeiten täglich 7.30 bis 18 Uhr. Eintritt Erwachsene vier Franken, Kinder und Studenten ein Franken Gästekarte/Gruppen ab sechs Personen drei Franken. Führungen nach Voranmeldung 50 Franken pro Gruppe (ab 20 Personen wird eine Gruppe geteilt). Telefon 033 822 28 35. – Weitere Informationen: www.alpengarten.ch / Anfahrt per Bahn/Zahnradbahn Interlaken–Wilderswil–Schynige Platte Fahrzeit eine Stunde: www.jungfraubahn.ch / Schynige Platte-Bahn (SPB) / Berner Oberland-Bahn (BOB) / Wanderung: WilderswilSchynige Platte: viereinhalb Stunden, Breitlauenen (Zwischenstation der Schynige-Platte-Bahn)–Schynige Platte: anderthalb Stunden.
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