Gesichert zum vertikalen Abenteuer: Klettersteige werden immer populärer. Wie hier am Klettersteig Allmenalp / Kandersteg können sich die Berggänger bald auch am Stockhorn und unterhalb von Mürren tummeln. (Bild: Bruno Petroni)
«Es geht doch nicht, dass jetzt an einer Nepalbrücke eines Klettersteigs noch ein fünf Meter langes Reklameband hängen soll. Das ist Missbrauch unserer Bergwelt»: Hans Fritschi als Vizepräsident von Pro Natura Berner Oberland zeigt sich ungehalten über die Absicht der Bauherrschaft, den geplanten Klettersteig von Mürren nach Gimmelwald zu vermarkten: «Wir fühlen uns hintergangen, nachdem wir immer zu Gesprächen und zum finden einer Lösung bereit waren.» Der Bauchef des Vereins Klettersteig Mürren-Gimmelwald, Martin Schürmann: «Wir werden Mitte September mit dem Bau beginnen und uns dabei streng innerhalb der gesetzlichen Vorschriften bewegen. Dies gilt auch für die Vermarktung dieser Einrichtung.» Der Haussegen scheint dort also wiederum schief zu hängen, nachdem sich die Parteien nach langwierigen Verhandlungen Ende letzten Jahres schliesslich zu einer Ersatzmassnahme einigen konnten. Diese sieht einen Wildzaun im Schilthorngebiet vor, welcher durch die Bauherrschaft des Klettersteigs errichtet werden soll.
Auch am Stockhorn
Heute gibt es in der Schweiz über 40 Klettersteige. Sechs davon stehen im Berner Oberland. Neben Mürren ist auch am Stockhorn eine so genannte Via Ferrata geplant: «Der Klettersteig soll unterhalb der Mittelstation möglichst nahe an der Seilbahnlinie zu stehen kommen», sagt der Betriebsleiter der Stockhornbahn, Fritz Jost. Das Projekt der Stockhornbahn stösst beim Bereichsleiter Umwelt des SAC, Jürg Meyer auf lobende Worte: «Es ist ein Paradebeispiel dafür, was wir mit dem nationalen Abkommen umsetzen wollen. Nämlich, dass die Klettersteige künftig in Gebieten gebaut werden, welche ohnehin bereits erschlossen sind.» Laut Fritz Jost soll eine erste Etappe des neuen Klettersteigs am Stockhorn bis im nächsten Sommer fertiggestellt werden.
Bruno Petroni, freier Journalist, Matten bei Interlaken / petroni@gmx.ch
Ein anderes Bauprojekt im Berner Oberland vom Männlichen auf den Tschuggen wurde hingegen vorerst auf Eis gelegt, wie Betriebsleiter Andreas Fuchs von der Gondelbahn Grindelwald–Männlichen auf Anfrage bestätigt. Maximal 100 Klettersteige
Vor zwei Wochen entstand die Klettersteig-Charta von Engelberg, ein Abkommen verschiedenster Institutionen wie dem Schweizer Bergführerverband, Alpenclub (SAC), Tourismusverband, Schweiz Tourismus, der Swiss Olympic Association und der Naturfreunde Schweiz. «Pro Natura, der WWF und die Stiftung Landschaftsschutz sind im Prinzip auch an klareren Bedingungen für den Bau von Klettersteigen interessiert, jedoch nicht einverstanden damit, dass das Abkommen eine maximale Anzahl von hundert Klettersteigen in der Schweiz als sinnvoll erachtet», sagt dazu Jürg Meyer vom SAC.
Koordinierte Planung nötig
Hans Fritschi von Pro Natura Berner Oberland: «Wir möchten uns nicht auf eine fixe Zahl festlegen. Es gibt Orte, wo schon einer zuviel ist. Was es aber dringend bräuchte, ist eine koordinierte Planung, sonst bekommen wir den momentanen Wildwuchs an Klettersteigen und anderen Missbräuchen der Bergwelt niemals in den Griff.»
Auch für wagemutige Nichtkletterer
Ein Klettersteig ist ein mit Eisenleitern, -stiften, Klammern und Stahlseilen gesicherter Kletterweg am natürlichen Fels. Früher wurden heikle Felspassagen von Wanderwegen mit Stahlseilen abgesichert. Daraus entwickelten sich in den letzten 15 Jahren mehr und mehr Klettersteige, die immer schwierigere Routen für Nichtkletterer begehbar machten. Inzwischen hat sich das Begehen von Klettersteigen zu einer eigenen alpinen Disziplin weiterentwickelt. Das in einen Klettersteig verbaute Eisen dient einerseits der Fortbewegung, andererseits der Selbstsicherung mit einem Klettersteigset. Bei richtiger Handhabung dieses Klettersets ist der Besteiger jederzeit durch mindestens ein Seil am Stahl-Fixseil gesichert. Für die Begehung eines Klettersteiges sind gutes Schuhwerk, ein Schutzhelm und etwas Schwindelfreiheit unerlässlich.
Die sechs Klettersteige im Berner Oberland
Im Berner Oberland gibt es sechs Möglichkeiten zum vertikalen Abenteuer: Am Schwarzhorn oberhalb Grindelwald, am Rotstock unmittelbar westlich der Eigernordwand, Allmenalp in Kandersteg und Tälli-Gadmenflue im Sustengebiet. Ferner gilt auch der Hüttenweg zur Eiger-Ostegghütte auf 2320 Meter über Meer als Klettersteig. Dieser wird ab Alpiglen erreicht. Und morgen Samstag wird der neue Klettersteig zur Tierberglihütte am Sustenpass eingeweiht. In der Nähe von Gstaad, an der Kantonsgrenze zum Waadtland befinden sich drei weitere Klettersteige im «Pays d’Enhaut». Und gleich «ennet der Gemmi» steht der zurzeit wohl spektakulärste, «luftigste» und längste Klettersteig der Schweiz. Dieser führt oberhalb von Leukerbad bis aufs 2942 Meter hohe Daubenhorn. Durchstiegszeit fünf bis acht Stunden.
Die Klettersteig-Charta von Engelberg
Auf Initiative des Schweizerischen Alpenclubs (SAC) einigten sich am 17. Juni in Engelberg die beteiligten Institutionen, den Bau von Klettersteigen in einem Abkommen künftig zu regeln. Demnach sollen in der Schweiz maximal 100 Klettersteige zugelassen werden. Diese sollen zudem ausschliesslich in Gebieten angelegt werden, die bereits über touristische Infrastrukturen verfügen. Im unerschlossenen Hochgebirge sollen keine neuen Klettersteige erstellt werden. Regionale Konzepte sind auch für Klettersteige verbindlich. Interessierte Kreise wie Natur- und Landschaftsschutz sind frühzeitig einzubeziehen. Und grössere Bauwerke wie Tyroliennes, Hängebrücken und Kletternetze sollen die Ausnahme bilden. Es soll kein gegenseitiges Überbieten mit immer aufwändigeren Installationen stattfinden dürfen.
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