Begleitet von Feuerwerk-Rauchschwaden durchbricht die Lokomotive eines Güterzuges ein Papierhindernis am Nordportal in Frutiger. (Bilder Dora Schmid Zürcher)
pd/bns. Diesem für die Schweizer Verkehrspolitik als historisch bezeichneten Moment wohnten nach Angaben der Alptransit 1200 geladene Gäste aus dem In- und Ausland, darunter mehrere Verkehrsminister, bei. Am Vortag hatten Ersteller und Betreiber auf dem Bundesplatz vom Bundesamt für Verkehr die Betriebsbewilligung für die neue Strecke entgegennehmen können. Eröffnet wurde der Lötschberg-Basistunnel, Teil der Neuen Eisenbahn-Alpentransversalen (Neat), die zum Ziel hat, den alpenquerenden Güterverkehr von der Strasse auf die Schiene zu verlagern, mit einem italienischen Güterzug. Unter Licht- und Soundeffekten durchbrach der 1300 Tonnen schwere Güterzug kurz nach 10.30 Uhr das Papier, das die Oströhre des Nordportals in Frutigen verschloss hatte: Bundesrat Moritz Leuenberger, Vorsteher der eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek), stieg zusammen mit Peter Teuscher, Direktor der BLS Alptransit AG, und Mathias Tromp, Direktor der BLS AG, aus der Lokomotive. Als Symbol für die freie Fahrt im Nord-Süd-Verkehr in Europa überreichte Peter Teuscher Bundesrat Moritz Leuenberger ein Schienenstück. Teuscher: «Im Jahr 1998 versprachen wir dem Schweizer Stimmvolk, dass der Tunnel 2007 in Betrieb geht; wir haben Wort gehalten, darauf sind wir stolz.» Nach der Übergabe segneten Bischof Norbert Brunner vom Bistum Sitten und Sinodalratspräsident Samuel Lutz von den reformierten Kirchen Bern – Jura – Solothurn das Bauwerk. Als Überraschung war dem einfahrenden Sonderzug, der die Gäste durch den Tunnel brachte, eine Lötschberg-Eröffnungslokomotive vorgespannt. Dies war das Geschenk der SBB AG an die beiden Unternehmen BLS AG und BLS Alpransit AG.
Der deutsche Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (links) in angeregtem Gespräch mit seinem Schweizer Amtskollegen Moritz Leuenberger.
Festreden in Visp
Die Festgesellschaft fuhr danach zur Nothaltestelle Ferden mitten im Tunnel. Hier, rund tausend Meter tief im Berg, wurde den Gästen ein Walliser Apéro serviert, bevor es mit dem Zug weiter nach Visp ging. Dort fand in einem grossen Festzelt der eigentliche Festakt mit Reden des deutschen Verkehrsministers Wolfgang Tiefensee, des italienischen Infrastrukturministers Antonio di Pietro und von Bundesrat Moritz Leuenberger statt. Auch Peter Teuscher blickte in einer kurzen Rede nochmals auf die Bauzeit zurück, während Mathias Tromp den Blick nach vorne auf den Betrieb richtete.
Plastikverpackte und schirmbewehrte Gäste an der regnerischen Eröffnung.
«Wille des Volkes versetzt Berge»
Moritz Leuenberger betonte in seiner Rede, dass eine nachhaltige Verkehrspolitik der Wille des Volkes sei: «Die Schweiz wollte nicht zu einem Strassenkorridor für Vierzigtönner werden, sondern entschloss sich für Eisenbahntunnel.» Die Stimmbürger hätten sich nie beirren lassen: «Dieser Tunnel ist der Beweis dafür – der Wille des Volkes kann wirklich Berge versetzen.» Die Verlagerung sei auch Klimapolitik. Jeder Lastwagen, der auf die Schiene wechsle, helfe den Ausstoss an Kohlendioxid zu senken. Die Schweiz leiste mit der Neat zudem einen Beitrag an das neue Europa, das durch Infrastrukturen zusammenwachse und Berge und Meere überwinde.
Freundlicher Empfang der Eröffnungsgäste durch die Bevölkerung in Visp.
«Das fast Unmögliche möglich gemacht»
Peter Teuscher bedankte sich bei allen Politikern und Behörden, die sich für die Neat-Projekte und deren Umsetzung in dieser Form eingesetzt hätten. Er werde im Ausland oft beneidet um die weitsichtige Haltung der schweizerischen Verkehrspolitik und das Konzept der Finanzierung. Allen Projektbeteiligten sprach Teuscher ein grosses Lob aus: «Ihr habt das fast Unmögliche möglich gemacht.» Die Tunnelbauindustrie und die Planungsbranche hätten es bewiesen: «Man kann ein solch komplexes und lange dauerndes Projekt im vorgegebenen Zeit- und Kosten-rahmen erstellen.» Am stolzesten sei er aber darauf, dass gegenüber dem Schweizer Volk und auch gegenüber Europa Wort gehalten worden sei: Der Tunnel sei fertig, der erste Grundstein zum Neat-Konzept sei gelegt.
Norbert Brunner, Bischof von Sitten, und Synodalratspräsident Samuel Lutz von den reformierten Kirchen Bern – Jura – Solothurn segneten gemeinsam den Tunnel.
«Weitsichtiger Entscheide und technische Meisterleistungen»
BLS-Direktor Mathias Tromp sagte, dass es weder Selbstverständlichkeit noch Zufall sei, dass die schnellste Eisenbahnstrecke der Schweiz gerade am Lötschberg in Betrieb gehe. «Es ist das Ergebnis eingehender politischer Diskussionen, weitsichtiger Entscheide und vielen technischen Meisterleistungen.» Mit der Eröffnung der ersten alpenquerenden Hochgeschwindigkeitsstrecke werde ein neues Kapitel in der bewegten Geschichte der Lötschberg-Achse aufgeschlagen. Ab sofort biete die BLS auf ihrer Achse neben 42 Personenzügen im Tag die als dringend nötig bezeichneten Zusatzkapazitäten für die Abnahme der wachsenden Güterströme aus Nord und Süd. Tromp bedankte sich bei den politischen Entscheidungsträgern, bei der Bevölkerung, dem Bundesrat, den Kunden und Partner und bei seinen Mitarbeitenden. Letzteren habe er es zu verdanken, dass die BLS heute zur Betriebsaufnahme am Lötschberg bereit sei.
Neuer Fahrplan kommt am 9. Dezember 2007
Der Fahrplan durch den neuen Lötschberg-Basistunnel wird nach Angaben der SBB am 9. Dezember 2007 umgesetzt. Die Fahrzeiten zwischen Basel/Bern und Mailand verkürzen sich ab diesem Datum um rund eine Stunde. Hingegen verlängere sich vorübergehend die Fahrzeit einzelner Züge ab Genf/Lausanne in Richtung Mailand. Detaillierte Informationen zum ausgebauten Angebot am Lötschberg sind im Internet unter www.sbb.ch/loetschberg zu finden.
Grosses Eröffnungsfest für die Bevölkerung
Morgen Samstag 16. Juni 2007 findet nach Angaben der BLS-Alptransit in Frutigen und Visp auf beiden Seiten des Tunnels ein grosses Eröffnungsfest für die Bevölkerung statt. Von zirka 8.30 bis 19.00 Uhr verkehren Pendelzüge im Halbstundentakt durch den neuen Basistunnel zwischen Visp und Frutigen. Mit einem speziellen Angebot erhalten die Besucher von überall in der Schweiz eine Ermässigung von 30 Prozent auf der Bahnfahrt zu den Festplätzen. Für die 17 Minuten dauernde Fahrt durch den Basistunnel kann man sich gegen eine Gebühr einen Platz reservieren. Neben dem Bundesamt für Verkehr, der BLS, den SBB und den lokalen Tourismusorganisationen informieren die projektbeteiligten
Unternehmen über den Bau, die bahntechnische Ausrüstung und den Betrieb des Lötschberg-Basistunnels.
Festplatz Frutigen. Der Informationsrundgang in Frutigen (Samstag 16. Juni 2007 von 8.00 bis 18.00 Uhr) führt vom Bahnhof zum Nordportal des Lötschberg-Basistunnels. Die BLS AG stellt den neuen Lösch- und Rettungszug sowie viele andere Fahrzeuge aus. Auf einer speziellen Bühne beim Nordportal des Basistunnels haben Fotografen und Filmer einen optimalen Blick auf die ein- und ausfahrenden Züge. Eine Festwirtschaft im zukünftigen Interventionszentrum der BLS AG sowie diverse Verpflegungsstände entlang des rund zwei Kilometer langen Rundgangs sorgen für das leibliche Wohl der Besucher. Eine Dampfeisenbahn, ein Spielmobil
und diverse Hüpfburgen sorgen dafür, dass auch die Kleinen auf ihre Kosten kommen. Auf Helikopterrundflügen ab Frutigen kann man die Linienführung des Basistunnels abfliegen oder einfach nur einen Alpenrundflug machen. Besuchern, die mit dem Auto anreisen, steht auf dem Flugplatz Frutigen eine beschränkte Anzahl Parkplätze zur Verfügung.
|