Fast leeres Seebecken: Diese riesigen Eiswände lagen noch vor wenigen Tagen unter dem Wasserspiegel. (Bild Bruno Petroni)
Die Weisse Lütschine kam wieder einmal gelb daher: Am Mittwoch und Samstag letzter Woche entleerte sich der grosse, selber gebildete See auf der Oberfläche des unteren Grindelwaldgletschers einmal mehr fast vollständig. Nur rund ein Fünftel des riesigen Eisbeckens ist zurzeit noch mit Wasser gefüllt. Erst vor Monatsfrist – siehe auch Unterer Grindelwaldgletscher: Der See wächst vom
Freitag 18. Mai 2007 – hatte er mit fast 200 000 Kubikmeter Wasser ein Rekordvolumen erreicht und sich mit dem nördlich vorgelagerten Seelein zu einem einzigen See verbunden. Weniger Steinschlag
Es war recht ruhig auf dem Gletscher seit dem letzten Herbst. «Die letztes Jahr für enormes Aufsehen sorgende, bröckelnde Schlosslauenen am Fusse der Eiger-Ostflanke hat ihre Spannung abgebaut, es waren und sind nur noch vereinzelte Steinschläge zu verzeichnen», stellt der zuständige Berner Geologe Hans Rudolf Keusen fest.
Bruno Petroni, freier Journalist, Matten bei Interlaken / petroni@gmx.ch
Erstmals seit einem halben Jahr flog der Westschweizer Geologe Thiérry Oppikofer von der Universität Lausanne am Montag mit dem neuen Laser-Scannergerät zur Bäregg, um die gegenüberliegende, rutschenden Felswand «aufs Korn zu nehmen».Jetzt liegen die Auswertungsdaten vor. Hans Rudolf Keusen: «Der hintere Bereich der Wand hat sich seit der letzten Messung von Anfangs Dezember um 9,3 Meter gesenkt, was einer Geschwindigkeit von vier Zentimetern pro Tag entspricht.» Und: «Die Wandfront rutscht kontinuierlich um 39 Grad abwärts, und zwar nur 1,5 Zentimeter täglich.» Der gesamte «Klotz», rund eine Million Kubikmeter gross und über 2,5 Millionen Tonnen schwer, rutscht also als Einheit langsam und kontinuierlich über das unterirdische Gletschereis hinunter. Keusen: «Das Eis wird vom Gewicht des Berges wie eine zähe Flüssigkeit langsam verdrängt. Es kommt in diesem Bereich zu einer Stauwirkung, was ein langfristiges Anwachsen des Sees dahinter zur Folge haben wird.» Durch die Isolationswirkung des riesigen Schuttkegels aus dem Bergsturz vom 13. Juli letzten Jahres werde diese Stauwirkung noch zusätzlich verstärkt. Wie das Amen in der Kirche
Durch die enorme Eigendynamik und tiefe Höhenlage verliert der untere Grindelwaldgletscher jährlich sechs Meter an Höhe – dreimal mehr als andere Gletscher. Der vor knapp zwei Jahren entstandene Gletschersee wird in den nächsten Jahren Dimensionen von bis zu zehn Millionen Kubikmeter annehmen, was dem Fünfzigfachen des bisherigen Rekordvolumens vor einem Monat entspricht: «Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche», bestätigt Keusen.
Defekte Messanlage ersetzt
Den seit über einer Woche falsche Daten anzeigende Messpegel, der im Dezember im See versenkt worden ist, haben die Spezialisten am Montag ersetzt: «Zwar entleerte sich der See letzte Woche, aber niemals in der Geschwindigkeit, welche uns die defekte Alarmanlage anzeigte», sagt der Zürcher Glaziologe Martin Funk. «Offensichtlich ist sie von den Erd- und Moränenbewegungen des Frühjahres auf dem Gletscher zerstört worden.» Die Verantwortlichen haben auch in der Gletscherschlucht unten Messstationen eingerichtet: «Diese funktionieren einwandfrei. Durch die neuerlichen Aktivitäten des Sees musste die Gletscherschlucht für die Besucher nicht geschlossen werden.»
Neuer Abfluss?
Seit kurzer Zeit bildet sich am südlichen Ufer des ominösen Gletschersees ein Loch, durch welches das Wasser abfliesst und unter dem Gletscher in Richtung Gletscherschlucht hinunter fliesst. Im Bereich des Abflusses rumpelt und «chroset» es im Minutentakt. Die Experten stehen nach wie vor vor einem Rätsel, was das Innenleben des Gletschers angeht.
Schwarze, weisse, gelbe ...
Immer wieder kommt es zu Verwirrungen um die Bezeichnung der Lütschine. Während im Lauterbrunnental die Weisse Lütschine Richtung Brienzersee fliesst, ist es von Grindelwald her tatsächlich die Schwarze. Diese hat ihren Namen vom schwarzen Schiefergestein im Quellgebiet des Bärgelbaches. Vom unteren Grindelwaldgletscher her fliesst aber auch eine Weisse Lüschine, und zwar bis zu ihrer Einmündung in die Schwarze Lütschine in der Erlen. Ihre meist hellbraune bis gelbe Farbe verdankt sie der aussergewöhnlichen Felsbeschaffenheit im Gebiet des Ankebälli und Mättenbergs. Aufmerksame Beobachter stellten letzten Mittwoch und Samstag fest, dass die Weisse Lütschine gelb daherkam – Vorboten für eine neuerliche Entleerung des Gletschersees.
|