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Grindelwald: «Für eine Flutwelle ist es viel zu eng»

Nach Bergsturz, Staubwolken und einem immer wieder auslaufenden Gletschersee endlich gute Nachrichten für Grindelwald: Auf Grund eines Engpasses zuhinterst in der Gletscherschlucht kann es nicht zu einer Flutwelle kommen.

Zu eng für eine Katastrophe: Die neuesten Erkenntnisse sind beruhigend, und wenn alles gut geht kann die Gletscherschlucht im Mai wieder für die Touristen geöffnet werden. (Bild Bruno Petroni)

Einem neuerlichen Vorstoss des Grindelwalder Rettungschefs Kurt Amacher ist es zu verdanken: «Die Erleichterung ist natürlich schon bei allen Beteiligten spürbar. Wir sind zuversichtlich, die Gletscherschlucht im Mai wieder öffnen zu können.» Der das sagt, heisst Rolf Neuenschwander und fungiert als Stabschef der Gemeindeführungsorganisation (GFO) und Bauverwalter von Grindelwald. Er lud am Dienstag zur Besprechung der Gefahrensituation in bezug auf die Gletscherschlucht für den kommenden Sommer.

Keine Horrorszenarien
Im Verlaufe dieser Versammlung liess Kurt Amacher dann die Katze aus dem Sack: Bei einem Vorstoss vor zwei Wochen gelang es ihm, über 1700 Meter weit in die Schlucht und bis zur Zunge des Unteren Grindelwaldgletschers vorzustossen: «Da hinten war es zwar recht finster. Dennoch stellte ich fest, dass dort die Bergflanke des Eigers vom Westen und diejenige des Mättenberges vom Osten her vollständig zusammenkommen, und zwar rund zehn Meter über dem Grund der Schlucht. Ganz unten sind die Wände rund zweieinhalb Meter voneinander entfernt.» Amacher kann daraus das beruhigende Fazit ziehen, «dass eine allfällige künftige Flut durch diesen Engpass automatisch gehemmt wird und es unmöglich zu einer Flutwelle kommen kann, wie sie in den bisher aufgeführten Worstcase-Szenarien der GFO aufgeführt worden ist».

Wasserfluss wird überwacht
GFO-Chef Rolf Neuenschwander kündigt auch den baldigen Ersatz des Pegel-Überwachungsgerätes unweit des Schluchteingangs an. Neu soll wesentlich tiefer in der Schlucht nächstens eine Messanlage installiert werden, «damit wir im Ernstfall mehr Zeit zum reagieren haben».
Bruno Petroni, freier Journalist, Matten bei Interlaken / petroni@gmx.ch
Als präventive Massnahme wird ausserdem die Plattform der Bungeesprunganlage um einen Meter erhöht. Bergführer Johann Kaufmann als Leiter Bergsport des Betreibers Grindelwald-Sports: «Wir haben mit der Gemeinde ein Sicherheitskonzept ausgearbeitet und keine Bedenken, dass wir ab Mai wieder die beliebten Bungee- und Canyonjumps in die Tiefen der Schlucht gefahrlos anbieten können.»

Erleichterung macht sich breit
Der Grindelwalder Feuerwehrkommandant Albert Wenger will zwar das Alarmierungskonzept überarbeiten, hört aber gerne, dass die Weisse Lütschine keinesfalls eine Flutwelle in Richtung Grindelwald-Grund spülen wird, wie das bisher befürchtet werden musste. Ebenfalls erleichtert von der Entwarnung zeigt sich Werner Rubi vom Hotel Gletscherschlucht. Die Bergstürze unweit seines Gastrobetriebs, die entsprechenden Staubimissionen und auch die Schliessung der Gletscherschlucht stürzten ihn in ein finanzelles Fiasko: Das Hotel büsste im letzten Jahr die Hälfte seines Umsatzes ein: «Natürlich sind das gute Nachrichten. Nun hoffen wir, dass wir das Schlimmste wirklich überstanden haben, wie der Geologe vermutet.»

Teile des Steges höher legen?
Hans Rudolf Keusen – eben dieser Geologe – will nun anhand von Amachers Angaben Berechnung über die möglichen Flutmengen erstellen lassen. Diese möchte er bei der Mitte April geplanten Zusammenkunft mit Vertretern des Bundesamtes für Umwelt (Uvek), des Kantons und der Gemeinde Grindelwald vorlegen können: «Möglicherweise müssen wir den Gehsteig in der Gletscherschlucht an der einen oder anderen Stelle ein bisschen erhöhen. Zudem sind weitere Untersuchungen nötig. Immerhin ist es aber beruhigend zu wissen, dass durch diesen engen Schlitz zuhinterst in der Schlucht nur eine bestimmte Wassermenge aufs Mal durchfliessen kann.»

Bis zur hintersten Ecke
Nach seiner ersten Expedition ins Innerste der Gletscherschlucht vor zwei Monaten hatte Kurt Amacher vorerst genug: «Viel zu gefährlich», war sein Kommentar damals. Nachdem nun aber die Eisschichten in der östlichen Wand der Schlucht weggeschmolzen waren und sich auch die Lawinensituation am Mättenberg oben entspannt hatte, wagte der Rettungschef vor zwei Wochen einen weiteren Solovorstoss. Und tatsächlich, diesmal gelangte er bis in die hinterste Ecke: Zur Gletscherzunge, wo über ihm die mächtigen Wände von Eiger und Mättenberg zusammenkommen. Mit der Erkenntnis, dass sich dort hinten ein maximal zweieinhalb Meter breiter Engpass befindet, ist die Frage nach einer möglichen Flutwelle endlich beantwortet, und erst noch mit Nein.

Suche nach dem Geheimnis
Weithin unerklärlich ist den Experten das merkwürdige Verhalten des mehrere hunderttausend Kubikmeter grossen Gletschersees, der sich seit anderthalb Jahren alle paar Monate wieder binnen weniger Stunden komplett zu entleeren pflegt. Zurzeit enthält das Becken nur etwa einen Viertel des Wasservolumens. Wo und auf welche Weise das Wasser abläuft, vermochten sowohl die Hydrologen, Glaziologen als auch Geologen bis heute nicht zu eruieren.

Vergrössert sich der See?
Sicher ist nur, dass ein Überlauf am westlichen Rand des Beckens den Abfluss regelt, wenn der See randvoll ist. Die Fachleute rechnen aber damit, dass der See in den nächsten Jahren auf bis zu zehn Millionen Kubikmeter wachsen wird. Dazu der Zürcher ETH-Glaziologe Martin Funk: «Nach dem grossen Bergsturz letzten Sommer hat sich auf der Gletscheroberfläche ein isolierender Schuttkegel gebildet. Dahinter schmilzt der Gletscher weiter vor sich hin, was zwangsläufig zu einer massiven Vergrösserung des Gletschersees führen wird.»
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