Majestätische Sicht ins Flachland, umgeben von millionenteuren, hochempfindlichen meteorologischen Geräten.
Das Montrealprotokoll von 1987 hat positive Auswirkungen: «Seit der Einführung des internationalen Verbotes der schädlichen Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) scheint sich die stratosphärische Ozonschicht langsam zu erholen», freut sich Rolf Philipona: «Durch Luftreinhalteverordnungen der Uno wurde zudem der Ausstoss von Schwefeldioxid in Europa in den letzten 27 Jahren um sechzig Prozent reduziert, und auch Stickoxid ist drastisch reduziert worden.» Diese an sich erfreuliche Nachricht des Freiburger Strahlenexperten vom Physikalisch-meteorologischen Observatorium Davos soll indes nicht darüber hinwegtäuschen «dass die Treibhausgase für die Menschheit künftig ein grosses Problem darstellen werden». Laut Philipona wird die Verbrennung von Öl, Kohle und Gas bis zum Ende des Jahrhunderts für eine Klimaerwärmung von bis zu fünf Grad sorgen: «Wir müssen umdenken!» Rolf Philipona beobachtet seit über zehn Jahren die Strahlungsbilanz sowie die aerosoloptische Dicke durch Messung der direkten Sonneneinstrahlung auf dem Jungfraujoch und zehn weiteren hochalpinen Stationen der Schweiz. Viel Luft unter den Füssen: Klimaforscher Rolf Philipona überprüft den Zustand der teuren Glasmessgeräte zur Messung der thermischen und ultravioletten Strahlen aus der Erdathmosphäre.
Dreckluft aus dem Osten
Dennoch: «Wissenschaftler melden sich immer nur zu Wort, wenn es schlechte Nachrichten gibt. Aber wenn die Schwefeldioxid-Immissionen binnen zwanzig Jahren sogar um 90 Prozent zurückgehen, braucht das niemand zu erfahren», kritisiert Philipona. Auch der Klimaphysiker Ernest Weingartner vom Paul-Scherrer-Institut hat eine gute und eine schlechte Nachricht: «Wir können auf dem Jungfraujoch feststellen, dass die Emissionen der Feinstaubpartikel in unserem Land seit sechs Jahren nicht mehr zugenommen haben. Hingegen nimmt die Belastung der aus dem Fernen Osten heran transportierten Schadstoffe in hohem Mass zu.» Verantwortlich seien vorwiegend Kohlekraftwerke in Russland sowie die Verbrennung fossiler Brennstoffe in grossem Ausmass in China: «Diese Zunahme an Feinstaub wirkt sich sowohl direkt als auch indirekt auf die globale Erwärmung aus, denn diese Partikel werden mit dem Strom des Windes gut messbar über den ganzen Globus verteilt», sagt Weingartner. In der Forschungsstation Jungfraujoch ist die Herkunft jeglicher Schadstoffe genauestens feststellbar, selbst wenn der Verursacher in der südlichen Hemisphäre angesiedelt ist.
Kontinuierlich mehr Kohlendioxid
Die Klimaforscher der Universität Bern berichten von einem kontinuierlichen globalen Anstieg der Kohlendioxid-Konzentration in den letzten 50 Jahren um rund zwanzig Prozent. Heute beträgt der Anteil des schädlichen Kohlendioxids 383 ppm (Anzahl Kohlendioxid-Teilchen pro Million Luftteilchen trockener Luft).
Bruno Petroni, freier Journalist, Matten bei Interlaken / petroni@gmx.ch
Physiker Markus Leuenberger: «Auf dem Jungfraujoch führen wir erst seit sieben Jahren Kohlendioxid-Messungen durch. In dieser Zeit ist der Gehalt bereits um mehr als drei Prozent angestiegen.» Interessanter Vergleich: Laut Leuenberger nahm der Sauerstoffgehalt im selben Zeitraum gleichzeitig um nur 0,02 Prozent ab, weil die Athmosphäre im Verhältnis sehr viel mehr Sauerstoff enthält. Vermehrt warme Tage
Diese Aussagen der Klimaforscher decken sich mit den über die letzten Jahrzehnte erfassten meteorologischen Daten auf dem Jungfraujoch: So stieg die Anzahl der jährlichen Tage mit Mindesttemperatur über dem Gefrierpunkt in den letzten 35 Jahren kontinuierlich an: Im Rekordsommer 2003 waren dies 48 Tage, letztes Jahr 37 Tage. Noch in der Nachkriegszeit wurden allerhöchstens 25 Tage gezählt, in den siebziger Jahren sogar während drei Jahren nur zwei Tage mit über null Grad.
Näher zum Gefrierpunkt
Seit dem Jahr 1986 betrug die wärmere Abweichung von der normalen Durchschnittstemperatur auf dem Jungfraujoch (3573 Meter über Normalnull) immer zwischen 0,5 und 1,5 Grad, während vorher vor allem Temperaturen unter dem Mittelwert herrschten. Auch hier wurde letztes Jahr mit 1,7 Grad Abweichung gegen oben ein Spitzenwert gemessen.
Betrug die mittlere Jahrestemperatur auf dem Jungfraujoch vor 80 Jahren noch minus 9,7 Grad, so waren es 1984 noch 8,6 Grad, im Rekordjahr 1989 dann nur noch minus 6,3 Grad. Im letzten Jahr wurde eine Durchschnittstemperatur von minus 7,9 Grad gemessen. Auf die Windgeschwindigkeiten und die Luftfeuchtigkeit scheint die Klimaveränderung indes keinen direkten Einfluss zu haben. Die monatlich festgehaltenen maximalen Geschwindigkeiten bewegen sich im Mittel von 150 Kilometer pro Stunde. Die Rekordmarke von 268 Kilometer pro Stunde erreichte der Wind übrigens im Januar 1998. Die relative Luftfeuchtigkeit ist gegenüber den Vorkriegsjahren unverändert im Bereich von gut 70 Prozent.
Oben unverändert – unten aper
Das Eigenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos stellt fest, dass sich die klimatischen Veränderungen im hochalpinen Gelände bisher nicht auf die Schneemenge ausgewirkt haben: «Auch in den hohen Lagen wurde es zwar wärmer. Es ist aber immer noch kalt genug, so dass sich die Erderwärmung noch nicht auf die Schneemenge auswirkt. Aber im Mittelland ist die Schneeabnahme ganz enorm, was ja jeder von uns selber feststellen kann», sagt Christoph Marty, Klimatologe des SLF.
Tatsache – nicht Hysterie
Apropos Mittelland: Dort haben Naturforscher festgestellt, dass der Blattausbruch der Rosskastanie vor hundert Jahren Anfang April erfolgte. Heutzutage beginnt die Blütezeit dieses Gewächses im Schnitt bereits Mitte Februar, vor vier Jahren sogar schon vor Silvester. All diese Zahlen, Fakten und Feststellungen belegen, dass eine globale Erwärmung bis zu fünf Grad bis zum Ende des Jahrhunderts nichts mit Hysterie zu tun hat, sondern tatsächlich eintreffen kann. Dabei rechnen die Wissenschaftler damit, dass Binnenländer wie die Schweiz der Erderwärmung mehr ausgesetzt sein werden. Die Wasserumwälzung in den Ozeanen sorgt nämlich für eine verzögerte Erwärmung der darüberliegenden Luft und somit für eine langsamere Temperaturzunahme in den Küstenregionen.
Internationale Belegschaften
Die auf 3573 Meter hoch gelegene Station zwischen dem Mönch und der Jungfrau wird von der internationalen Stiftung Hochalpine Forschungsstationen Jungfraujoch und Gornergrat betrieben. Mit Italien, Österreich, Deutschland, Belgien und Grossbritannien arbeiten nicht weniger als fünf europäische Länder auf dem Jungfraujoch permanent mit den Schweizer Klimaforschern und der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) zusammen. Zurzeit sind Klimaforscher aus England, Belgien und vom Paul-Scherrer-Institut auf dem Jungfraujoch damit beschäftigt, die Rolle von Aerosolen (mikroskopische Materiepartikel in der Luft) bei der Wolkenbildung zu erforschen. Ein grosses, mit Messgeräten beladenes Stahlgerüst auf der obersten, der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Terrasse des Jungfraujochs gehört der Universität von Manchester, welche in diesen Wochen mit der Erforschung von Aerosolen auf verschiedenen Schichten der Erdatmosphäre beschäftigt ist.
Der Streit um die Windmessungen auf dem Joch
In der Kontroverse um falsche Windmessdaten auf dem Jungfraujoch schieben sich die Beteiligten gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Seit einigen Wochen steht Meteo Schweiz im Schussfeld der privaten Wetterdienste, wonach das Bundesamt mit Steuergeldern falsche Wetterdaten liefere. Beim Streit geht es vor allem um die offenbar umstrittene Windmessung auf dem Jungfraujoch.
Meterdicker Rauhreif
«Wir haben hier oben in jeder Hinsicht extreme Verhältnisse, weil wir mitten auf einer Wetterscheide stehen. Winde von bis zu 260 Kilometer pro Stunde stellen enorme Anforderungen an die Geräte», weiss Kurt Hemund. Er ist Hausmeister der Forschungs- und Wetterstation auf dem Jungfraujoch: «Eine meterdicke Rauhreifschicht ist da keine Ausnahme. Kein Wunder, wenn einmal ein Messgerät seinen Dienst aufgibt.» Doch auch Kurt Hemund glaubt, dass manchmal mit den Messungen etwas nicht stimmen kann. Inzwischen habe ich die Windgeschwindigkeiten ein bisschen im Gefühl und spüre das deutlich, wenn das Gerät 40 anstatt 100 Stundenkilometer anzeigt.»
Fühler des Anstosses: Forschungsstations-Hausmeister Kurt Hemund zeigt auf den freistehenden Windmesser von Meteo Schweiz, der seit einem halben Jahr immer wieder falsche Daten liefert und für heisse Köpfe sorgt.
Überforderte Messgeräte
Gerhard Müller, Vizedirektor von Meteo Schweiz begründet die Diskussion um die Windmessungen mit dem neuen Standort des Windmessers: «Dieser Fühler steuert auch die automatische Abdeckung der Strahlungsmessgeräte in der obersten Kuppel, also muss er in deren Nähe stehen. Es ist möglich, dass diese Kuppel die Windmessungen in einzelnen Fällen etwas beeinflusst.» Müller gibt aber auch zu bedenken, «dass der Wind oft von beiden Seiten fast vertikal zum Jungfraujoch hochfegt. Der Windmesser erfasst aber nur horizontale Winde.» Dres Wyss ist Sicherheitsbeauftragter auf dem Jungfraujoch: «Die Anlage hat bis zum Umbau im letzten Sommer jahrzehntelang einwandfrei funktioniert. Seither lässt die Zuverlässigkeit der Messgeräte zu wünschen übrig.»
Private Konkurrenz bereit
Meteo-News-Chef Peter Wick bezeichnet es als «Skandal, wie Meteo Schweiz mit den Steuergeldern umgeht und nicht imstand ist, korrekte Wetterdaten zu liefern. Wir würden der Station Jungfraujoch gerne ein Windmessgerät liefern und beweisen, dass die Messungen auch dort oben einwandfrei funktionieren.» Auch «Meteopapst» Jörg Kachelmann wettert: «Alles Lug und Trug, was da von diesem öffentlich finanzierten, trägen Beamtenapparat produziert wird.»
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