Gletschersee Grindelwald: Kürzere Vorwarnzeit möglich
Die bei einem allfälligen Ausbruch des Gletschersees auf dem unteren Grindelwaldgletscher mobilisierte Wassermenge ist grösser als bisher angenommen. Die Vorwarnzeit bei einer raschen Entleerung der gespeicherten Wassermengen könnte kürzer sein als bisher angenommen.
pd/bns. «Der See auf dem unteren Grindelwaldgletscher hält auch nach fünf Jahren Überraschungen bereit», heisst es in einer Medienmitteilung: «In diesem Jahr werden erstmals nicht nur im See, sondern auch am Gletschergrund grössere Wassermengen gespeichert. Die bei einem allfälligen Ausbruch mobilisierte Wassermenge ist somit grösser als bisher angenommen. Die Behörden und Führungsorganisationen der Region haben entsprechende Anpassungen an den Alarmierungskonzepten vorgenommen.»
Alarmierung der Bevölkerung
Aufgrund der neuen Erkenntnisse und der Lageeinschätzung der kantonalen Fachleute haben laut der Medienmitteilung die Behörden und Führungsorganisationen der Region die erstellten Alarmierungskonzepte neu beurteilt und, wo nötig, weitere Anpassungen vorgenommen: «Die Bevölkerung von Grindelwald, der Gemeinden des Lütschinentals bis Wilderswil, Interlaken/Matten und Bönigen wird dabei mit verschiedenen Informationsmitteln auf eine mögliche Gefahr aufmerksam gemacht. Eine enge Kooperation und ein regelmässiger Informationsaustausch finden über die verschiedenen Feuerwehren und Organisationen mit Anliegern und Nutzern der Lütschine laufend statt.» Aktuelle Angaben sind im Falle eines möglichen Spontanausflusses über den regionalen Radiosender Radio BeO, über das Regionaljournal des Schweizer Radios DRS, die TV-Info-Kanäle in Grindelwald und in der Region Interlaken sowie über verschiedene Medien und Webseiten, zum Beispiel www.gletschersee.ch erhältlich.
Der Gemeinderat von Grindelwald hat laut einem ergänzenden Communiqué die aktuelle Situation zusammen mit den kantonalen Fachleuten und dem Fachausschuss Alpine Gefahren in Grindelwald analysiert und beschlossen:
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Der Steg in die Gletscherschlucht wird bis auf weiteres nicht geöffnet, da die neusten Erkenntnisse beim Gletschersee darauf hinweisen, dass ein rasches Auslaufen mit verkürzter Vorwarnzeit möglich ist. |
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Die Outdooraktivitäten in der Gletscherschlucht (Pendelsprünge und Bungy-Jumping) werden bis auf weiteres untersagt, da die Vorwarnzeit für die Landeplattform in der Schlucht zu kurz ist. |
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Der Wanderweg entlang der Lütschine (Gletscherschlucht bis Rollbahnbrücke) wird gesperrt. Dieser Weg führt unmittelbar entlang der Lütschine. Die Sperrung soll verhindern, dass im Ereignisfall jemand nicht rechtzeitig gewarnt werden könnte. Das Übungsgelände Golf Grindelwald bleibt jedoch offen und in Betrieb. Im Ereignisfall können dort alle anwesenden Personen erreicht werden. |
Dorf nicht gefährdet
Die Behörden würden durch Fachpersonen laufend über die Entwicklung ins Bild gesetzt, verlautet im weiteren: «Das Dorf Grindelwald ist in keiner Weise von den Naturereignissen beim unteren Grindelwaldgletscher gefährdet. Dies gilt auch für die Umgebung Restaurant Marmorbruch und Restaurant Gletscherschlucht. Für allfällig betroffene Gebiete entlang der Lütschine besteht ein Alarmdispositiv.» Eine Entleerung des Gletschersees könne unspektakulär verlaufen: «Die Möglichkeit eines raschen Auslaufens, welches ein Überschwemmen der Gebiete entlang der Lütschine mit sich bringen könnte, darf jedoch nicht ausgeschlossen werden. Der Gemeinderat bittet die Bevölkerung, diese Naturgefahr ernst zu nehmen. Es sind durch die Feuerwehr Grindelwald und private Einsatzkräfte gute Schutzmassnahmen vorbereitet worden. Im Ereignisfall werden Personen und Tiere rechtzeitig aus den betroffenen Gebieten geleitet.»
Die Wanderwege zwischen Gletscherschlucht und Marmorbruch seien offen und könnten ohne Gefahr begangen werden, heisst es in der Medienmitteilung des Gemeinderates von Grindelwald: «Beim Restaurant Gletscherschlucht stehen Informationstafeln, welche auf interessante Art über den Stollenbau und die aktuelle Situation beim Gletschersee Auskunft geben. Die beiden erwähnten Restaurationsbetriebe sind offen und problemlos erreichbar.»
Schrägstollen im Herbst 2009
Ein Schrägstollen, welcher die Gefahr von Hochwasser in Zukunft verringern soll, werde im Herbst 2009 in fertiggestellt sein, verlautet im weiteren: «Um die Schäden bei einem allfälligen Spontanausbruch des Sees in diesem Jahr so weit wie möglich zu reduzieren, wurde ein komplexes Überwachungs- und Alarmierungssystem entwickelt. Im Zuge der Seeüberwachung haben die Fachleute nun festgestellt, dass der Wasserabfluss aus der Gletscherschlucht in den vergangenen Wochen eindeutig geringer war als in den Vorjahren. Auf der Suche nach diesem ‹verschollenen Wasser› hat man eine leichte Anhebung der Gletscheroberfläche festgestellt. Dieses Phänomen wurde in den fünf Jahren der Seeüberwachung erstmals beobachtet.»
Die Fachleute erklärten sich den Vorgang folgendermassen: Im vergangenen September sei der Seeausfluss durch einen Murgang geschlossen worden: «Vermutlich sind zu diesem Zeitpunkt grössere Mengen Geröll in den unterirdischen Kanal der Gletscherentwässerung gelangt und haben diesen verstopft. Als nun in diesem Frühling die Schneeschmelze einsetzte, konnte das meiste Schmelzwasser nicht durch den unterirdischen Kanal der Gletscherentwässerung in die Lütschine abfliessen, sondern wurde im Gletscher gestaut. Ein Grossteil dieses Wassers ist vermutlich vom Gletscher in den See übergelaufen. Damit liesse sich auch die relativ rasche Seefüllung in diesem Frühling erklären. Das restliche Wasser wurde an der Basis des Gletschers gespeichert. Da Eis leichter ist als Wasser, führt dieses Wasser zum Auftrieb des Gletschers, was die Anhebung der Gletscheroberfläche erklärt.»
Das im Gletschersee gespeicherte Wasser umfasse somit nicht die gesamte Wassermenge, welche bei einem Ausbruch des Gletschersees mobilisiert werden könnte. Die gesamte Wassermenge dürfte derzeit um fünf bis zwanzig Prozent grösser sein: «Die maximale Abflussspitze und die Dauer eines Hochwassers werden bei einem spontanen Seeausbruch durch dieses zusätzliche Wasser erhöht. Da dieses zusätzliche Wasser an der Gletscherbasis durch die Messsonden im See allenfalls nicht registriert wird, sind die Fachleute daran, ein zusätzliches Überwachungssystem auf der Gletscheroberfläche zu installieren. Damit soll sichergestellt werden, dass ein allfälliges Auslaufen des unterirdischen Wassers möglichst früh erkannt werden kann. Selbst mit diesem unterirdischen Wasser besteht nach wie vor die Möglichkeit, dass sich der See gemächlich und somit ungefährlich entleert. Die weitere Entwicklung wird durch die zuständigen Fachleute weiterhin intensiv beobachtet.»
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