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| Der Landvogt hoch zu Ross und sein Gefolge beim Verteilen des «Guetjahresbrotes». (Bilder Dora Schmid Zürcher) |
Interlaken: «Guetjahresbrot» für die Untertanen
Zum Abschluss des «längsten Silvesters der Schweiz» hat am Bärzelistag im Sinne der Wiederaufnahme einer alten Tradition der Landvogt an der Harderpotschete in Interlaken zwecks gutem Einvernehmen mit den Untertanen das jahrhundertealte «Guetjahresbrot» verteilt. Der Harderma mit Wyb und Kindern.
ds/bns. Die Umzugsroute führe wie gewohnt durch die von vielen Zuschauern gesäumte Marktgasse, zum Stadthausplatz in Unterseen, über den Räuberegge, hinunter zum Westbahnhof. Von da aus ging es weiter bis zum Hotel Victoria-Jungfrau und wieder zurück zum Sagiplatz (Marktplatz). Der Harderma und sein Wyb, die beiden Hauptfiguren des Anlasses, zusammen mit dem bösen Mönch Harder, der einem Meitschi beim Holzsammeln nachgestiegen war, wurden von einer grossen Gefolgschaft begleitet: Neben rund 40 Holzmasken des Harderpotschetevereins rechneten die Veranstalter wiederum mit gegen hundert Kinder mit selbstgebastelten Masken aus unterschiedlichen Naturmaterialien. Aber nicht nur die schaurigen Masken der Harderpotschete – siehe auch Vorschau Interlaken: Harderpotschete 2010 mit Landvogt vom Montag 28. Dezember 2009 – hielten am Bärzelistag Einzug in Interlakens Dorfzentrum: Der Landvogt hoch zu Ross – suchte die Ortschaften ‹Rameli› und ‹Troya› heim. Doch er führte Gutes im Schilde: Sei Auftrag war es, das «Guetjahresbrot» an die Bevölkerung zu verteilen. Zudem erhielten die Potschen mit den Hölloch-Hexen aus Winterthur maskierte Verstärkung.
Die Hölloch-Hexen aus Winterthur am Harderpotschete-Umzug in Interlaken.
Die Landvögte im Berner Oberland verwalteten Ländereien nach der Reformation im 16. Jahrhundert und waren für das Wohlergehen der Landbevölkerung gegenüber der Obrigkeit in Bern verantwortlich, wird in einer zusammen mit dem «Guetjahresbrot» abgegebenen Dokumentation erinnert: «Das Landvolk hatte dem Landvogt jährlich die Steuer-Zehnten abzuliefern. Das gute Einvernehmen zwischen Untertanenvolk und dem Regierungsvertreter wurde mit gegenseitigen Geschenken aufrecht erhalten.» Und weiter im Wortlaut: «Die Landvögte spendeten ‹Guetjahresgaben› wie Brot und Wein, Geld, oder luden zu Neujahrsmählern. In der ursprünglichen Bedeutung sollten Neujahrsbrote vor Krankheit Unglück und Hunger schützen.
Weitere Bilder von der Harderpotschete und zu «Touch the Mountains»
Die Wastelen, so hiessen die Guetjahresbrote, wurde nicht im Privathaushalt, sondern, wie im Kloster Interlaken, vom Pfister gebacken. In der Jahresrechnung von Landvogt Jakob Ernst aus dem Jahr 1645 steht dazu geschrieben: ‹... Item für die Wastelen, die man einem Herrn Schultheissen zu Unterseen, den Herren Predikanten, Landschryber, auch Unteramts- und Dienstlüten zum guten Jahr uszurichten pflegt› sei das Mehl von 4 Mütt (672 Liter) Dinkel verbacken worden. Das grosse Quantum, das verbacken wurde, lässt vermuten, dass viel mehr Personen mit Wastelen beschenkt worden sind. Tatsächlich steht dann in der 1707 abgelegten Jahresrechnung des Landvogts, dass 4 Mütt Dinkel, also gleichviel wie im Jahr 1645, zu Wastelen verbacken worden, die man ‹der Burgschaft Unterseen und etlichen Gemeinden zum guten Jahr verordnet›.
Am Vortag der Harderpotschete traten der Lausanner Rapper Stress und die Basler Popband Lovebugs (Bild) vor Tausenden von Zuschauern auf.
Nach dem Idiotikon (schweizerdeutsches Wörterbuch) werden Wastelen im Kanton Bern erstmal im Jahr 1408 belegt. Der Volkskundler Christian Rubi schrieb in seiner kulinarischen Studie ‹Die Landvögte von Interlaken und das Neujahrsgeschehen im Bödeli›: ‹Im Bernerland war es Sitte, bestimmte Personen am Neujahr Waffeln oder Brote zu schenken, und zwar, wenn möglich warm auf den Mittagstisch. Wastelen, wie man das mit Safran durchsetzte, brezelartige Gebäck nannte, wurde in der Klosterpfisterei auf diesen Tag hin jeweils in Unmengen hergestellt.› Aus einer Emmentalischen Landvogtsrechnung von 1643 weiss man, dass Wastelen zum ‹Nüwen-Jahrs-Geschenk› gehörten. Da früher ein Weissmehlgebäck einen Luxus darstellte, durfte man es nur als Festtagsgebäck vom Thomastag an (21. Dezember) bis im Januar backen. In der Berner Ratsverfügung vom 17. Oktober 1749 heisst es dazu: ‹Das man die pfister von St. Thomastag hin bis zum zwanzigsten tag lass bachen wiss brot und wasteller›.» Stress und Lovebugs am 1. Januar
Am Nachmittag und am Abend des Neujahrstages – siehe auch Vorschau Interlaken: «Touch the Mountains» vom 3. Dezember 2009 – begeisterten trotz nasskaltem Wetter am «längsten Silvester der Schweiz» auf der Interlakner Höhematte der Lausanner Rapper Stress und die Basler Popband Lovebugs sowie die Stimmungsmusik Chue-Lee vor einem halbstündigen Feuerwerk Tausende von Zuschauern.
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