 |
| «Dällebach Kari» (Hanspeter Müller-Drossaart) rasiert seinen Freund Fritz Aeberli (David Morell). (Bilder Dora Schmid-Zürcher) |
Thun: «Dällebach»-Premiere nachgeholt
Die am Mittwoch vergangener Woche wegen zweifelhafter Wetteraussichten auf gestern Montagabend verschobene Premiere des Musicals «Dällebach Kari» der Thuner Seespiele (14. Juli bis 28. August 2010) ist bei trockenem und warmem Sommerwetter aufgeführt worden.
Die Fabrikantentochter Annemarie (Carin Lavey) lässt sich von «Dällebach Kari» die Haare frisieren.
ds. In der Geschichte des Musicals über «Dällebach Kari», der heute als Berner Original gilt, sind neben sozialen Problemen wie dem Ausgestossensein, weil man anders ist, trotzdem auch die Liebe, Humor, aber auch falsche Freunde, Trauer, Sucht und Krankheit, die mit dem Suizid von Kari enden, zu finden. Die Schauspieler verstanden es, die Figuren authentisch zu spielen. so dass zum Beispiel Hanspeter Müller-Drossaart «Dällebach Kari» war, Carin Lavey die Fabrikantentochter Annemarie und der Alkohol, verkörpert durch Sergio-Maurice Vaglio zwar als lieber Freund von Kari auftretend, aber wirklich Angst einflössend, auftrat.
«Dällebach Kari» wurde am 6. April 1877 in Walkringen geboren und starb am 31. Juli 1931, indem er von der Kornhausbrücke in Bern in die Aare sprang. Er wurde schon während der Jugendzeit wegen seiner Hasenscharte und des damit verbundenen Sprachfehlers gehänselt. Trotzdem wird er von Annemarie geliebt. Sein Selbstbewusstsein ist aber nicht stark genug und der Alkohol, der zum ersten Mal in einem gespielten Stück ein Gesicht bekommt, redet ihm schlecht zu. Als er endlich mit Annemarie zusammenkommt und dem Alkohol entsagt, erreicht ihn die Diagnose Krebs. So setzt er seinem Leben mit dem Sprung von der Brücke ein Ende.
«Dällebach Kari» lässt sich von Freund Alkohol (Sergio-Maurice Vaglio) im Restaurant Grünegg zum Trinken überreden.
Vier Wochen nach dem Aufbau des Bühnenbildes von Ueli Binggeli mit dem Nachbau des «Zytgloggä-Turms» starteten die Seespiele wegen der verschobenen Premiere am letzten Donnerstag mit der Uraufführung des Musicals «Dällebach Kari». Das Buch zum Musical wurde von Katja Früh geschrieben – ihr Vater hatte bereits als Regisseur den Film über Dällebach Kari produziert. Vom Stück gibt es bereits vier Übersetzungen, zwei in Dialekten, eine deutsche und eine englische Version. Über 100 Leute arbeiten unter und auf der Bühne am Stück mit, das Orchester mit seinen 25 Musikern ist seit Jahren beinahe das gleiche und 70 Prozent der Mitwirkenden sind deutschsprachig die meisten sogar im Dialekt. Das Musical «Dällebach Kari» hat den besten Vorverkauf von allen bisherigen Musicals die auf der Thuner Seebühne gespielt wurden, ist nun aber mit den 3000 Sitzplätzen auf der Tribüne am Limit angelangt. Nach Auskunft von Intendant Ueli Schmocker ist die Logistik damit am Ende angelangt, mehr gehe einfach nicht. Für die Aufführung seien vier Leute für den Ton verantwortlich, 820 Funkfrequenzen und 300 Lichtquellen würden benötigt.
Als Premierengäste vor dem Brunnen mit der Statue des «Dällebach Kari» mit dabei. Von links nach rechts: Miss Fire Schweiz 2010, Deborah Cadien, Miss Earth Schweiz 2010, Andrea Kuster, und Miss Water Schweiz 2010, Jenny Pedrini.
«Dällebach Kari» ist nach Angaben eines von der Thuner Seespiele AG beauftragten Marketingunternehmens vom Zürichsee das achte Musical der Thuner Seespiele: «Die Idee für eine Seebühne wucherte schon lange Jahre in den Köpfen einer Handvoll theaterbegeisterter Thuner herum, bis schliesslich im Jahr 2003 das Grossprojekt mit viel Herzblut und der Produktion des Musicals ‹Evita› in Angriff genommen wurde.» Seither werde diese Plattform jährlich neu aufgestellt und die Kulissen so berühmter Stücke wie «Anatevka» (2004), «Miss Saigon» (2005), «Elisabeth» (2006), «Les Misérables» (2007), «West Side Story» (2008) oder «Jesus Christ Superstar» (2009) in eine malerische Naturkulisse eingepasst. Im Jahr 2010 gibt es nun also erstmals einen Musicalstoff von hier: Die Geschichte des Berner Stadtoriginals «Dällebach Kari».
Fest auf der Allmend vor der Nachbildung des «Zytgloggä-Turms». (Bild Arie de Bruin)
Das Buch für das nächste Musical auf dem Thunersee ist laut der Medienmitteilung bereits geschrieben, und zwar vom Schweizer Schriftsteller und Drehbuchautoren Charles Lewinsky: «Die Musik schrieb ebenfalls ein einheimischer Musikschaffender, Markus Schönholzer. Und Regie führt Theaterfachmann Stefan Huber. «Die Käserei in der Vehfreude», der klassische Stoff von Jeremias Gotthelf, dient als Grundlage für das Musical. Es ist vor allem eine Liebesgeschichte, nach dem uralten Märchenschema von «Aschenbrödel». Welche Hindernisse muss Änneli, das ehemalige Verdingkind, überwinden, bis es schliesslich mit Ammanns Felix, dem umschwärmten Junggesellen des Dorfes, glücklich werden kann? Nicht zuletzt beinhaltet die Geschichte, wie so oft bei Gotthelf, auch eine ganze Menge Komik. Denn Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf (1797 bis 1854) hatte die Regel sehr gut verstanden, die heute noch genau so gilt (und das nicht nur bei Musicals): «Wer die Menschen nicht zum Lächeln bringt, kann auch ihre Herzen nicht berühren.» – Weitere Premieren-Bilder in Dora Schmids Bildergalerie.
|