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«Eine Art qualitativ hochstehender Massentourismus»
Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn-Gebiet: Aufnahme in das Unesco-Welterbe auch eine grosse touristische Chance
S. Mit dem Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn-Gebiet ist am 13. Dezember 2001 zum ersten Mal ein Naturdenkmal der Schweiz und des Alpenraums in das Welterbe-Inventar der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) aufgenommen worden. Damit hat das neue Welterbe-Gebiet gewissermassen einen «Nobelpreis der Natur» erhalten, was aber von der eigens für die Unterstützung der Kandidatur gegründeten Interessengemeinschaft im Oberwallis und im Berner Oberland nicht nur als eine grosse Ehre für die Region, sondern auch als Verpflichtung betrachtet wird, diese Landschaft den zukünftigen Generationen zu erhalten.
Plakatwerbung
am Höheweg in Interlaken für das Unesco-Weltnaturerbe. (Foto:
Peter Schmid)
Behörden und Touristiker im Berner Oberland zeigten sich über die Aufnahme des Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn-Gebietes in das Unesco-Welterbe glücklich, dass die Jungfrauregion künftig als Unesco-Weltnaturerbe in einem Atemzug mit den Galapagos und dem Yellowostone-Park genannt werde. Das Label «Weltnaturerbe» sei international ein Qualitätsausweis und verbriefe die Einzigartigkeit der grandiosen Landschaft, ist nach Einschätzung der Bahnen der Jungfrauregion aber auch ein grosse touristische Chance, verlautete in einer Medienmitteilung nach dem Entscheid im Dezember vergangenen Jahres: «Mit der Jungfraubahn sind wir in der Lage, die Besucher auf umweltfreundliche Weise ins Herzen des Weltnaturerbe-Gebietes zu bringen.» Dazu Walter Steuri, Direktor Jungfraubahnen in einer Stellungnahme im Berner «Bund»: «Ich verspreche mir vom Unesco-Label natürlich einen gewissen touristischen Nutzen, denn mit dem Jungfraujoch sitzen wir gewissermassen im Fauteuil mitten in diesem Gebiet. Das Label verpflichtet aber auch zu einer nachhaltigen Entwicklung – so dass auch nächste Generationen diese Natur stolz der Welt werden zeigen können. Es stimmt, dass wir eine Art qualitativ hochstehenden Massentourismus betreiben, doch: Die Gäste, die wir aufs Jungfraujoch bringen, bringen wir – abgesehen von den Alpinisten – gleichentags wieder ins Tal. Wir werden nun versuchen, ihnen das Welt-Naturerbe mit seinen Werten und Besonderheiten näher zu bringen.»
«Gesunde Umwelt als Basis für das Auskommen des Tourismus als wichtigstem Wirtschaftszweig»
«Freude und ein bisschen Stolz» äusserte in einer Stellungnahme auch der Gemeindepräsident von Lauterbrunnen Jost Brunner, zu dessen Gemeinde unter anderem die Tourismusdestinationen Wengen und Mürren gehören. Die Auszeichnung als Weltnaturerbe zeige nicht zuletzt auf, dass sich die Einheimischen bereits bisher nicht um eine intakte Natur foutiert hätten, sagte Brunner gegenüber der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA). Die Angst vor schärferen Schutzbestimmungen sei heute in der Bevölkerung beseitigt, das ganze Tal erhoffe sich nun einen positiven Impuls. Godi Bohren, Gemeindpräsident von Grindelwald führte seinerseits in einer Stellungnahme aus, der Entscheid werde bei der Bevölkerung das Bewussein fördern, dass eine gesunde Umwelt die Basis für das Auskommen des Tourismus als wichtigstem Wirtschaftszweig sei. Und Kurdirektor Joe Luggen sagte laut SDA, Grindelwald wolle ab sofort breit mit der Auszeichnung als Weltnaturerbe werben: «Es ist eine einzigartige Chance, als Destination in einem Atemzug mit den Galapagos, dem Grand Canyon oder dem Yellowstone-Park genannt zu werden.» Im Sommer lanciere die Jungfrauregion im Rahmen des UNO-Jahres der Berge zudem ein Welterbe-Package. Dabei müsse der Tourimus in der Region künftig jedoch vor allem qualitativ anstatt quantitativ wachsen.
Die speziell für die Unterstützung der Kandidatur gegründete Interessengemeinschaft im Oberwallis und im Berner Oberland hat die Entscheidung des Welterbekomitees vom vergangenen Dezember in Helsinki – siehe auch Bericht «Aufnahme des Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn-Gebietes in das Unesco-Welterbe» vom Donnerstag, 13. Dezember 2001 – mit grosser Freude zur Kenntnis genommen: «Sie sieht darin die internationale Auszeichnung der aussergewöhnlichen Landschaft rund um den Grossen Aletschgletscher.» Der geografische, ökologische und ästhetische Wert des Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn-Gebietes sei seit langem bekannt: «Charakteristisch für diese aussergewöhnliche Landschaft ist vor allem das Gebirgsmassiv von Eigernordwand, Mönch und Jungfrau, das steil über den Talgrund bis auf 4000 Meter Höhe aufsteigt.» Der über 24 Kilometer lange Aletschgletscher sei im gesamten Alpenraum einzigartig. Mit der Entscheidung von Helsinki beginne nun die zweite Phase des Projektes. Die Gemeinden würden sich in einem Netzwerk zusammenschliessen und gemeinsam ein Regionalmanagement aufbauen: «Innerhalb von drei Jahren soll dann unter der Führung des Regionalmanagements sowie unter Einbezug der betroffenen Gemeinden und der Bevölkerung ein Managementplan erarbeitet werden.»
«Zukünftigen Generationen erhalten»
Die Aufnahme in das Unesco-Welterbe bedeutet nach Aussage der Interessengemeinschaft «nicht nur eine grosse Ehre für die Region, sondern auch eine Verpflichtung, diese Landschaft den zukünftigen Generationen zu erhalten». Das Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn-Gebiet liege grösstenteils im Hochgebirge. Interessenkonflikte zwischen Naturschutz und Raumnutzung seien somit eher selten: «Gletscher, Felsen, Wälder und Almen prägen das Landschaftsbild: Die alpine Wirtschaft konzentriert sich denn auch im wesentlichen auf den Tourismus.» Die Aufnahme in das Unesco-Welterbe am 13. Dezember 2001 dürfte sich laut Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) positiv auf den Tourismus auswirken: «Angesichts der beschränkten Zufahrten und der bestehenden Schutzmassnahmen sollte die Region in der Lage sein, eine Zunahme des Touristenstroms unter Schonung der Umwelt zu bewältigen.»
Im vorangegangenen September 2001 war eine von allen 15 Gemeindepräsidenten
unterzeichnete «Charta vom Konkordiaplatz» für das Unesco-Weltnaturerbe
Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn in einer Metallrolle versiegelt dem Grossen
Aletschgletscher und an die Welterbe-Kommission der IUCN übergeben
übergeben worden. Die 15 Standortgemeinden verpflichteten sich damit
nach Angaben der Interessengemeinschaft Kandidatur Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn
zu
einer nachhaltigen Nutzung der Landschaft über die eigentliche
Kernzone des künftigen Weltnaturerbes Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn
hinaus: «Im Sinne der Unesco-Welterbekonvention verpflichten sich
die Gemeinden in der Charta, die Landschaft rund um den grossen Aletschgletscher
den künftigen Generationen in ihrer ästhetischen Schönheit
zu bewahren. Alle Gemeinden haben sich in einem konstruktiven Prozess an
der Erarbeitung der inhaltlichen Grundsätze beteiligt. Sie bilden
die Leitlinien in den Entwicklungsfeldern Ökologie, Ökonomie
und Soziales in der Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn-Region. Ähnlich dem
Grossen Aletschfirn, dem Jungfraufirn und dem Ewigschneefeld, welche sich
auf dem Konkordiaplatz zum mächtigsten Eisstrom der Alpen vereinen,
sollen die verschiedenen Ideen innerhalb der Regionen und Gemeinden zu
einer einzigen Einwicklungsphilosophie zusammenfliessen.Der Konkordiaplatz
symbolisiert
gewissermassen die Vereinigung der verschiedenen Kräfte über
die Kantons- und Gemeindegrenzen hinaus zu einem gemeinsamen Kredo. Die
Charta ist das regionale Gewissen für das künftige Regionalmanagement
des Unesco-Welterbes Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn. Darin verpflichten sich
die Gemeinden, im Einklang mit der Natur zu leben und zu wirtschaften.»
Schutzmassnahmen schon seit 70 Jahren
Die ersten Schutzmassnahmen sind laut Buwal bereits in den 1930er Jahren durch die Schaffung des Aletschwald-Reservats ergriffen worden. Seit dem Jahr 1983 stehe das gesamte Gebiet im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN): «Zurzeit betreffen die Schutzmassnahmen hauptsächlich Infrastrukturen des Bundes wie Nationalstrassen, Bauten der Armee oder Anlagen der Post oder der Swisscom.» Dazu gehörten aber auch Einschränkungen bei der Vergabe von Konzessionen für Seilbahnen, elektrische Leitungen oder Bauten ausserhalb der Bauzonen. – Das Welterbe-Gebiet umfasst eine Fläche von 539,33 Quadratkilometer. Davon liegen rund 23 Prozent auf dem Hoheitsgebiet des Kantons Bern und 77 Prozent auf dem Hoheitsgebiet des Kantons Wallis. Insgesamt sind 15 Standortgemeinden mit ihren Flächen an dem neuen Weltnaturerbe-Gebiet beteiligt. Auf Berner Seite sind dies die Gemeinden Grindelwald und Lauterbrunnen, auf Walliser Seite die Standortgemeinden Bellwald, Fieschertal, Betten, Ried-Mörel, Naters, Blatten (Lötschental), Birgisch, Mund, Raron, Baltschieder, Eggerberg, Ausserberg und Niedergesteln.
Neben dem Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn-Gebiet, das als erstes Weltnaturerbe der Alpen überhaupt in das Inventar des Unesco-Welterbes aufgenommen worden ist, fanden bisher als einzige Objekte der Schweiz die Altstadt von Bern, der Klosterbezirk von St. Gallen, das Benidiktinerkloster St. Johann in Müstair im Engadin und die Tre Castelli di Bellinzona als Kulturgüter Aufnahme in die Welterbe-Liste. Die Unesco – United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization – ist als Unterorganisation der UNO für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation zuständig. Im Jahr 1972 verabschiedete die Generalversammlung der Unesco die «Konventionen zum Schutze des Kultur- und Naturerbes der Welt». Sie sollen laut einer Medieninformation dazu beitragen, bedeutende Kultur- und Naturobjekte zu schützen: «Zum Welt-Kulturerbe gehören bedeutende Bauwerke, Städte-Ensembles, archäologische Fundstätten oder auch Kulturlandschaften; das Welt-Naturerbe umfasst geologische Formationen, Naturlandschaften und Schutzgebiete für bedrohte Arten.» Umgesetzt werden nach Unesco-Angaben die Konventionen über die World Heritage List, in der im Jahr 2001 bereits 691 Objekte verzeichnet gewesen seien. Fast 75 Prozent von ihnen gehörten zum Weltkulturerbe. Zu den bekanntesten Weltnaturerbe-Gebieten zählten die Galapagosinseln, der Yellowstone Nationalpark und der Serengeti Nationalpark: «Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie einzigartige Formationen und Gebiete darstellen, die wegen ihrer ästhetischen Schönheit und als Lebensräume seltener Tier- und Pflanzenarten internationale Bedeutung besitzen.»
Herausgegeben von Peter Schmid, Freier Journalist, Kreuzli, CH-3852 Ringgenberg / Redaktionsstube Ringgenberg Telefon +41 (33) 821 10 61 und Fax +41 (33) 821 10 64 / Handy +41 (79) 427 45 78 / Wohnung (privat) +41 (33) 821 10 60 / Postcheckkonto 40-71882-7