Berner Oberland News
 
Samstag, 25. April 1998

Mit Eröffnungsangebot in den Harderbahn-Sommer

Harderbahn Interlaken: Seit 90 Jahren im Viertelkreis auf den Kulm

S. Die 1,4 Kilometer lange, vor Jahresfrist mit einem neuen Drahtseil ausgestattete Standseilbahn von Interlaken auf den Harder startet am kommenden Freitag, 1. Mai, nach einer erfolgreich bestandenen turnusmässigen Inspektion durch das Bundesamt für Verkehr (BAV) mit einem Eröffnungsangebot in die Sommersaison 1998.

Der mit 4750 Kilogramm Ballast beladene Wagen Harderbahn 2 während des Bremstests am unteren Ende der Ausweichstelle. (Fotos: Peter Schmid)

Am Wochenende vom Freitag bis Sonntag, 1. bis 3. Mai, kostet eine Retourfahrt mit der Standseilbahn auf den Harder nur fünf Franken: Dieses Eröffnungsangebot gilt nach Angaben der Jungfraubahnen (JB) für Kinder und für Erwachsene ebenso wie für Talbewohner und Auswärtige.

Bei der Inspektion, wie sie nach Angaben des BAV-Ingenieurs  Kurt Rufer etwa alle drei Jahre stattfindet, sei vor allem die Mechanik geprüft worden: Gravierendere oder gar sicherheitsrelevante Mängel seien dabei keine festgestellt worden, so dass die inzwischen 90jährige Harderbahn wie vorgesehen am 1. Mai in die neue Sommersaison starten kann. Die Bahn stellt alljährlich nach dem letzten Oktoberwochenende den Betrieb ein.

Während der Bremsprobe im Führerstand von Wagen 2 der Harderbahn: Neben dem geöffneten Schacht des Bremssystems sind einige der insgesamt 4750 Kilogramm Eisengewichte und Betonklötze zu erkennen.

Bei der Inspektion am vergangenen Donnerstag wurden unter anderem bei der Ausweichstelle bei einem Gefälle von 640 Promille mit den beiden Wagen Bremsproben  gemacht. Zuvor waren die beiden Wagen jeweils mit 4750 Kilogramm Ballast in Form von Eisengewichten und Betonklötzen beladen worden. Bei den Revisionsarbeiten in der vergangenen Winterpause war das 1530 Meter lange und 35 Millimeter starke Drahtseil um zweieinhalb Meter verkürzt worden: Während des Betriebs in seiner ersten Saison hatte sich das Drahtseil – bei neuen Seilen eine normale Erscheinung – etwas gedehnt.

Ein sicheres Transportmittel

In der Talstation der Harderbahn auf 567 Meter über Meer: BAV-Experte Kurt Rufer (links) und Jakob Bregenzer, Chef des Seilbahndienstes bei den Jungfraubahnen.

Standseilbahnen gehörten zu den sichersten Transportmitteln, wie BAV-Experte Kurt Rufer nach der jüngsten Inspektion der Harderbahn bestätigte. Zwar konnte Rufer weder genauere Zahlen nennen noch Angaben darüber machen, seit wann das Bundesamt für Verkehr eine Unfallstatistik führe, doch seien schwerere Unfälle sehr selten. Die Gefahr eines Seilrisses etwa wegen eines Materialfehlers oder als Folge einer Materialermüdung sei auch dank regelmässiger Kontrollen durch die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) äusserst unwahrscheinlich. Sollte ein solches Ereignis dennoch eintreten, würden die Wagen durch automatische Fangbremsen angehalten.

Rekord an Dauerhaftigkeit

Das alte, im Winter 1996/97 ersetzte Drahtseil hatte nicht weniger als 26 Jahre seinen Dienst versehen, was einen Rekord an Dauerhaftigkeit bedeutet: Normalerweise werden solche Drahtseile nur etwa zehn Jahre alt. Der Seilwechsel fand – wie seinerzeit berichtet – im Rahmen der normalen Unterhalts- und Revisionsarbeiten einige Wochen vor Beginn der Sommersaison statt. Er dauerte ohne die Vorbereitungsarbeiten zwei Tage. Über 60 000 mal hat das anderthalb Kilometer lange und 35 Millimeter dicke Drahtseil nach Angaben der Jungfraubahnen (JB) die sechseinhalb Tonnen schweren Wagen zum Harder-Kulm hinaufgezogen. Das neue, rund acht Tonnen schwere Drahtseil habe 37 000 Franken gekostet. Die Bruchkraft betrage 79 Tonnen. Seit die Harderbahn (HB) im Jahr 1908 ihren Betrieb aufgenommen habe, sind laut Jungfraubahnen einige Seile über die Rollen gelaufen. Ein paar Monaten vor Saisonbeginn 1997 habe sich abgezeichnet, dass ein neues Seil fällig werde. Normalerweise mache ein Seil etwa 30 000 Fahrten mit.

Während der Inspektion durch das Bundesamt für Verkehr am vergangenen Donnerstag: Die beiden Wagen der Harderbahn bei der auf 945 Meter über Meer gelegenen Ausweichstelle.

Die Harderbahn ist eine eher ungewöhnliche Konstruktion: Auf ihrem Weg zum Kulm auf 1304 Meter über Meer beschreibt sie einen Viertelkreis, was bei Standseilbahnen sonst nicht üblich ist. Diese Bauweise habe keinen technischen Grund gehabt, sondern wurde laut Jungfraubahnen zum Schutz des Landschaftsbildes gewählt: Noch heute sei das Trassee der Bahn von Interlaken aus kaum auszumachen – es verstecke sich hinter den Bäumen. Der Bau der Harderbahn sei von weiteren Schwierigkeiten begleitet gewesen. So habe der Guggerschopf auf einer Länge von 208 Meter durchtunnelt werden müssen. Ferner zwangen nach Angaben der Jungfraubahnen geologische Verhältnisse am Harder auf einer Länge von 293 Metern zum Bau von Viadukten und Brücken.

Zurück zur aktuellen Frontpage