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Donnerstag, 17. Februar 2000

«Sensationell erhaltene Putze des Mittelalters konservieren»

Rittersaal im Schloss Thun: Restaurierungsarbeiten seit November 1999

pd/S. Seit November 1999 finden im 800 Jahre alten Rittersaal des Thuner Schlosses Restaurierungsarbeiten statt. Sie sind nach Angaben des kantonalen Denkmalpfleger Dr. Jürg Schweizer Folge der im Jahr 1997 festgestellten Schäden, die die mittelalterlichen Verputze gefährdeten: Ziel dieser Restaurierungen müsse es sein, Raumrichtung und  Raumwirkung des Saales zurückzugewinnen: «Gleichzeitig gilt es, die sensationell erhaltenen Putze des Mittelalters zu konservieren. Eine neue, korrektere Form für den Rauchfang ist zu finden, Verglasung, Beleuchtung, Möblierung und Ausstattung sind zu studieren.»

Querschnitt durch den Schlossturm von Thun aus dem Jahr 1917. Über dem mächtigen Raumvolumen des Rittersaals die ehemalige Wehrplatte, später Gefängnis. Darunter die zwei 1616 bis 1620 eingezogenen (Korn-) Böden über dem von aussen erschlossenen Keller. (Fotos: Denkmalpflege/zvg)

Im Zuge dieser Restaurierungsarbeiten konnten laut Denkmalpflege «erstaunliche Baubefunde gewonnen werden, die ergänzt um Feststellungen im Staatsarchiv zusammen mit den Entdeckungen von 1997 erstmals ein präzises Bild der Geschichte des Thuner Schlosses und seines nobelsten Raumes, des Rittersaals, ergeben». Die Aufschlüsse beträfen zu gleichen Teilen die Baugeschichte, die Funktionsgeschichte und die Raumgestalt.

Zur Baugeschichte

Der Schlossturm von Thun entstand nach allgemeiner historischer Annahme - seit 1997 durch die Dendrountersuchungen bewiesen - anstelle älterer adeliger Wohnbauten unter Berchtold V. von Zähringen in Form eines normannischen Donjons oder Keeps. Das jüngste Bauholz für die Saaldecke wurde im Winter 1199/1200, also genau vor 800 Jahren, geschlagen. Das älteste Thuner Stadtsiegel von 1250 bildet unverkennbar den Schlossturm samt Walmdach und runden Ecktürmchen ab. Die heutige Form und Substanz des Walmdachstuhls, der gequaderten Türmchenaufsätze und ihrer Spitzhelme gehen hingegen auf eine den hochmittelalterlichen Aspekt wahrende Gesamterneuerung von 1430 bis 1436 zurück, das eine weitere zentrale Feststellung von 1997. In enger Anlehnung an den älteren Zustand erneuerte Bern als Rechtsnachfolgerin der Zähringer und Kyburger damals das Schloss gründlich.

Der Zustand des Rittersaals vor der Restaurierung.

Der Turm enthielt über einem riesigen Hohlraum den heutigen Saal, zugänglich über den heutigen Eingang, darüber die Wehrplattform mit dichter Zinnenabfolge.

Der Saal wurde im Mittelalter zweimal renoviert, bevor er im 16. Jahrhundert seine repräsentative Funktion verlor. Haupteingriffe erfolgten beim Gesamtumbau des Schlossturms zum Kornhaus 1616 bis 1619. Damals wurde in 300 Tagwerken ein Durchbruch durch die gegen vier Meter dicke Mauer auf Kellerniveau gebrochen und die Wendeltreppe erstellt, um den Turm auch von unten zu erschliessen, und es entstanden im ehemaligen Burgverlies die zwei Zwischenböden unter dem Saal. Die späteren Veränderungen sind bescheiden, einzig zog man im 17. oder frühen 18. Jahrhundert einen Zwischenboden im Saal ein. Erst im Jahr 1887 wurde der Saal wieder renoviert, diesmal als Ausstellungsraum für das neue Museum. Geldmangel verhinderte geplante grössere Eingriffe, namentlich Fensterausbrüche. Im Jahr 1916 rekonstruierte man den Kaminhut ein erstes, im Jahr 1951, diesmal im Zuge einer weiteren Gesamtrenovation, ein zweites Mal.

Zur Funktionsgeschichte

Die Säle grosser mittelalterlichen Burgen waren Repräsentations-, Fest- und Zeremonienräume, nicht Wohnräume. Als Statussymbol wurden sie nur bei besonderen Gelegenheiten benutzt. Daneben dienten sie als Stapel- und Vorratsräume oder zum Räuchern. Wir wissen heute, dass Bern als Rechtsnachfolgerin des Adels derartige «Rittersäle» weiterbenutzte und erneuerte, sowohl im frühen 15. Jahrhundert in Thun und um 1450 in Laupen. Der Ausbau des älteren Wohnhauses im Schlosshof zum geräumigen Landvogteischloss 1566 bis 1570 - es ist das heutige Gerichtsgebäude - schuf mit dem sogenannten Wappensaal Ersatz für den schlecht heizbaren und mühsam zu erreichenden Rittersaal. Von da weg diente der Saal unter dem Namen Gichtboden als Folterhalle. Die Gefängnisse befanden sich im Stockwerk darüber: Wer eingelocht wurde, hatte den Gichtboden mit dem Folterbock zu passieren - er wusste, was ihm drohte. Daneben lagerten Ziegel, Holz, Stroh, Flachs. Von 1616 bis 1620 wurde der Saal zusammen mit den zwei neu eingezogenen Böden darunter zur Kornschütte umgewandelt. Die Getreidesäcke zog man mit einem neu geschaffenen Aufzug hoch. Im 19. Jahrhundert war der Saal weitgehend Rumpelkammer, bis der sogenannte Einwohnerverein den Saal im Jahr 1887 als Museum eröffnete und in der Folge mit zahllosen Trophäen überfüllte, so dass er seine Raumwirkung verlor. Diese wieder herzustellen war Ziel der Renovation 1950/51. Man reduzierte das Sammlungsgut drastisch und entfernte eine später eingezogene Pfostenreihe in Saalmitte. In der Folge beherbergte der Saal die wertvollsten Sammlungsstücke, namentlich mittelalterliche. Wandteppiche und Banner, und diente vermehrt kulturellen und festlichen Anlässen. Er gewann damit eine Funktion zurück, die er im 16. Jahrhundert verloren hatte.

Zur Raumgestalt des Saals

Seit wenigen Wochen kennt man erstmals die Raumgestalt des Saales im einzelnen. Es können  folgende Hauptzustände unterschieden werden:

1. Zustand: Bauzeit des Schlossturms, um das Jahr 1200. Bau des Saals in heutiger Grösse (19,2 mal 12,6 mal 7,3 Meter) mit der erhaltenen Balkendecke aus 26 hochkant gestellten Tannenbalken mit einem Querschnitt von 26 mal 57 Zentimeter und einer enormen Spannweite von 12,6 Meter. Die Decke war jedoch nicht schwarz verrusst, sondern durch Ochsenblutbehandlung kastanienfarbig getönt. Ost-, Nord- und Westmauer waren fensterlos, einzig südseits spendeten zwei schlanke romanische Rundbogenfenster in den erhaltenen gewölbten Nischen beidseits des Kamins Licht. Dieser Rauchfang reichte auf den erhaltenen Säulen bis zur Decke. Damit war der Rittersaal klar gegen Süden gerichtet und querorientiert, die Querachse war die bestimmende Raumachse. Auf der Nordseite führte eine neu entdeckte Türöffnung über Stufen in der Mauerdicke ins Freie auf einen aussen auskragenden Abtritt und Wehrgang. Neben dem Eingangsportal bot bereits damals die im Südost-Eckturm eingebaute Wendeltreppe Zugang zum oberen Turmgeschoss, der Wehrplatte. – Die Mauern aus mächtigen Alpenkalkbrocken und -kieseln sind sorgfältig mit hartem ockerfarbigem Mörtel ausgefugt, wobei die Häupter der grössten Steine sichtbar blieben, eine romanische Putztechnik, die man «Pietra rasa» («rasierter Stein») nennt. Diese Ausfugung ist vollständig und unbeschädigt in hervorragendem Zustand erhalten geblieben. Die Fenster- und Türleibungen   zeigen   Sandstein-   und   Tuffquader-Sichtverband.   Im   romanischen Gründungszustand des Saals entsprach die Wucht der Balkendecke der Wucht der steinsichtigen Mauern.

2. Zustand: Im späteren 13. oder im 14. Jahrhundert wurde auf die Pietra-rasa-Mauern ein starker, wiederum ockerfarbener Deckputz aufgebracht. Die urtümliche Wucht des Mauerwerks wurde dadurch gemildert, der Saal gewissermassen «zivilisierter». Er entsprach damit den gewandelten Repräsentationsvorstellungen der gotischen Zeit, obwohl an den Wandöffnungen wohl nichts verändert wurde. Etwa 60 Prozent dieses Deckputzes sind erhalten geblieben.

3. Zustand: Wohl im früheren 15. Jahrhundert, bereits unter bernischer Herrschaft, wurde der Saal erneut renoviert, die Sichtquaderverbände der Tür- und Fensterleibungen verschwanden unter einem stuckhaltigen, glatten Hartputz, mit dem auch Schäden des Deckputzes repariert und die ganze Wandoberfläche neu gekalkt wurde. Der Kamin erhielt einen neuen Rauchfang aus dem gleichen Stuckmörtel. Putzart und Renovationsform sind auch von anderen herrschaftlichen Bauten, Klöstern und Kirchen der Spätgotik bekannt. Die harte Putzoberfläche eignete sich hervorragend für Ritzzeichnungen. Dutzende von Zeichnungen des 15. und 16. Jahrhundert  sind gefunden worden, Wappen, Fabelwesen, Helme, Inschriften, Ornamente.

4. Zustand: Für den Kornhausumbau 1616 bis 1620 wurden die zwei Fenster nordseits «Jnn der grösse, wie gägen über ist» eingebrochen: Diese Übernahme der romanischen Fensterform, wiewohl für ein Kornhaus nicht besonders geeignet, ist bemerkenswert und zeigt, dass man noch jetzt der repräsentativen Wirkung des Saales Respekt zollte. Erst 1616 bis 1620 erhielt der Saal also seine längsaxiale Symmetrie durch gegenüberliegende Fenster. Die Aussengewände der romanischen Südfenster wurden erweitert, ihre Einfassungen in die neu geschaffenen Fensternischen der Nordseite eingesetzt. Der Zimmermann stützte die Balkendecke mit hohen Pfosten und Unterzug.

5. Zustand: Mit dem Einzug eines Zwischenbodens auf 2,5 Meter Höhe wurde der Saal im 17. oder 18. Jahrhundert verbaut. Im Jahr 1886, als man diesen Zwischenboden und 1950, als man die mittlere Pfostenreihe entfernte, wurde sein Raumvolumen wieder hergestellt. Die damals weiss gestrichenen und damit entmaterialisierten Wände kontrastierten aufs Härteste mit der schwarzen Decke, die dadurch den Raum zu drücken schien und wie ein Fremdkörper wirkte.

6. Zustand: Ziel für den jetzt zu schaffenden 6. Zustand des Saales muss es sein, seine Raumrichtung und seine Raumwirkung zurückzugewinnen. Gleichzeitig gilt es, die sensationell erhaltenen Putze des Mittelalters zu konservieren. Eine neue, korrektere Form für den Rauchfang ist zu finden, Verglasung, Beleuchtung, Möblierung und Ausstattung sind zu studieren.

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