Berner Oberl@nd News
http://www.beo-news.ch / E-Mail / Leserbriefe: p.schmid@beo-news.ch
Herausgegeben von Peter Schmid, Freier Journalist, Kreuzli, CH-3852 Ringgenberg – Telefon Wohnung und Fax: 0041 33 821 10 60, Redaktionsstube Ringgenberg: Telefon 0041 33 821 10 61 (Vorwahl in der Schweiz: 033)

Samstag, 31. Juli 1999

«Vorerst mit leicht reduzierter Geschwindigkeit»
 
Bergbahn Lauterbrunnen–Mürren wieder durchgehend in Betrieb

S. Zwei Wochen nach einem erneuten Betriebsunterbruch fährt die Standseilbahn Lauterbrunnen–Grütschalp der Bergbahn Lauterbrunnen–Mürren (BLM) wieder: Die Sanierungsarbeiten – seit Mitte Juni waren wegen des instabilen Berghangs Risse im Unterbau der Bahn aufgetreten, was zu Deformationen am Geleise geführt hatte – wurden nach Angaben der Jungfraubahnen soweit abgeschlossen, dass der Betrieb am Samstag wieder durchgehend habe aufgenommen werden können. Bereits am Freitag war gemeldet worden, mit Verspätungen sei vorerst noch zu rechnen: «Die Seilbahnwagen fahren vorerst mit leicht reduzierter Geschwindigkeit.» Die Anschlüsse in Lauterbrunnen könnten deswegen nicht immer gewährleistet werden.

Seit heute Samstag wieder in Betrieb: In der Talstation der BLM in Lauterbrunnen wird Gepäck von Passagieren verladen.

Wie vor einer Woche in den Medien angekündigt, konnte die BLM den Betrieb der Standseilbahn Lauterbrunnen–Grütschalp am Samstag wieder aufnehmen. Wegen eines rutschenden Hanges auf einer 900 Meter langen Strecke mussten die alle zehn Meter ausgesparten Fugen in den Schienen erweitert werden. Seit Jahren bewegt sich nach Angaben der Jungfraubahnen der Tripfihang oberhalb von Lauterbrunnen um jährlich rund ein Zentimeter. Laut Pressesprecher Peter Wenger verstärkte sich die Bewegung wegen der starken Regenfälle der letzten Wochen und des Schmelzwassers um bis zu sechs Zentimeter pro Tag. Vor einer Woche sei die Bewegung auf rund ein Zentimeter zurückgegangen. Durch diese Hangrutschung sei auf einer Länge von 900 Metern eine grosse Zahl von Rissen im Untergrund entstanden. Diese reichten laut Wenger stellenweise 60 Meter tief ins Erdreich. Wie im Oberländischen Volksblatt bereits am vergangenen 19. Juli berichtet, hatten seit Mitte Juni die Erdbewegungen den Verantwortlichen der Bahn Sorgen bereitet: «Wegen einem Riss im Viadukt bei der Ausweichstelle war der Betrieb zwischen Lauterbrunnen und Grütschalp während rund zwei Wochen unterbrochen. Seit dem 17. Juli verkehrte die Standseilbahn erneut nicht mehr. Der Hangdruck, verbunden mit grossen Wärmeeinstrahlungen, hatte dazu geführt, dass das Gleis seitlich verschoben und deformiert wurde. Im Schichtbetrieb – für diese Arbeiten wurden mit Kosten von rund 100’000 Franken gerechnet – wurden Fugen in den Schienen, welche die Hang- und Wärmebewegung auffangen sollten, erweitert.

Während des Betriebsunterbruch der BLM war Mürren mit dem Postauto nach Stechelberg und mit der Schilthornbahn erreichbar. Die BLM-Strecke von Mürren über die Winteregg zur Standseilbahn-Bergstation Grütschalp war im Betrieb und die Züge verkehrten laut einer Zeitungsmeldung im Halbstundentakt.

Die nach einem Lawinenniedergang am 8. Februar wieder instandgestellte Brücke über den Staubbach auf der Adhäsionsstrecke der Bergbahn Lauterbrunnen–Mürren zwischen der Station Grütschalp und der Winteregg.

Brücke im Februar von Lawine weggerissen

Schon im vergangenen Winter war der Betrieb der BLM unterbrochen: Er hatte am 6. Februar wegen akuter Lawinengefahr eingestellt werden müssen. Zwei Tage später, am 8. Februar, riss eine Lawine die Brücke über den Staubbach zwischen den Stationen Grütschalp und Winteregg weg: «Schneefälle, wie noch nie in diesem Jahrhundert und schlechtes Flugwetter verhinderten den sofortigen Einbau einer Notbrücke.» Nach einem Monat – siehe auch Bericht «Wieder fahrplanmässiger Bahnverkehr am Brienzersee – Auch Bergbahn Lauterbrunnen–Mürren wieder in Betrieb» vom Samstag, 6. März – sei der längste Betriebsunterbruch in der Geschichte der Mürrenbahn zu Ende gegangen: «Glücklicherweise konnte in dieser Zeit die Schilthornbahn, mit wenigen Einschränkungen, den Verkehr nach Mürren aufrechterhalten.»

Auch nach der Wiederaufnahme des Betriebes wird die Standseilbahn laufend kontrolliert. (Fotos: Peter Schmid)

Damals die steilste Standseilbahn der Schweiz

Als im Jahr 1891 die Bergbahn Lauterbrunnen–Mürren gebaut wurde, stand deren Talstation noch genau 41 Meter oberhalb des heutigen Standortes. Erst nach Ankauf und Abbruch des Hotels «Schweizerhof» im Jahr 1909 konnte die Strecke im unteren Teil verlängert und unmittelbar an den Bahnhof der Berner Oberland-Bahn (BOB) herangerückt werden. Zur Zeit ihrer Fertigstellung war die Standseilbahn Lauterbrunnen–Grütschalp die steilste der Schweiz. Auch ihren Höhenunterschied von 685 Meter hatte bis dahin keine andere erreicht. – Zunächst wurde die Standseilbahn mit Wasserübergewicht betrieben. Beide Wagen enthielten dazu einen Wasserbehälter mit 7,5 Kubikmeter Fassungsvermögen. Vor jeder Fahrt musste an der Bergstation Wasser aufgenommen werden. Dieses wurde in einer Leitung aus dem Staubbach herangeführt und in einem offenen Reservoir von etwa 100 Kubikmeter Inhalt hinter dem Stationsgebäude Grütschalp gespeichert. Sobald der obere Wagen durch das Ballastwasser schwerer wurde als der untere, konnte die Fahrt beginnen. Dabei addierte sich zum Gewicht des talwärts fahrenden Wagens mit zunehmender Entfernung von der Bergstation ein immer grösserer Teil des Seilgewichts, während der bergwärts fahrende Wagen gleichzeitig um diesen Gewichtsanteil entlastet wurde. So musste der Wagenführer während der Fahrt immer wieder Wasser aus dem Ballastbehälter ablassen, um die Geschwindigkeit gleich zu halten. Dazu gehörten Erfahrung und Fingerspitzengefühl, denn bei zu starker Verminderung des Übergewichts blieben die Wagen stehen. In der Praxis wurde deshalb meist mit mehr Wasser gefahren. Dadurch wurden wiederum die Bremsen entsprechend stärker beansprucht. Abgesehen davon, wurde das Eigengewicht der Wagen durch die Wasserzuladung verdoppelt, was auf dem steilen Trassee im Notfall eine ausserordentliche Belastung der Bremsen bedeutete.

Schon zur Bauzeit entsprach der Betrieb mit Wasserübergewicht nicht mehr dem Stand der Technik. Deshalb wurde die Anlage nach zehnjähriger, immerhin unfallfreier Verkehrsdauer im Winter 1901/02 auf elektrischen Antrieb umgebaut. Die Spurweite betrug von Anfang an ein Meter, doch war die Strecke zunächst mit drei Schienen angelegt. So bestand eine Art Doppelspur mit gemeinsamer Mittelschiene. In beiden Gleisen lagen Zahnstangen, die zum Bremsen dienten. Erst in den Jahren 1948 bis 1950 wurden die gesamte Anlage erneuert und die heutigen Fahrzeuge in Leichtmetallbauweise eingesesetzt.

Für sich allein betrachtet – das heisst wenn die schräg gemessene Länge von 1421 Meter der Drahtseilsektion von Lauterbrunnen zur Grütschalp weggelassen wird – ist die 4274 Meter lange Meterspur-Adhäsionsstrecke Grütschalp–Mürren der BLM die kürzeste fahrplanmässig verkehrende Schmalspurbahn der Schweiz. Nur wenig länger ist mit einer Betriebslänge von 4990 Meter die Meiringen–Innertkirchen-Bahn (MIB).

Zurück an den Seitenanfang
Aktuelle Frontpage Berner Oberland News